{"id":22037,"date":"2014-08-13T07:53:26","date_gmt":"2014-08-13T05:53:26","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/13\/das-buch-das-niemand-gelesen-hat-auf-der-suche-nach-kopernikus-revolutionaerem-werk\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:02","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:02","slug":"das-buch-das-niemand-gelesen-hat-auf-der-suche-nach-kopernikus-revolutionaerem-werk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/13\/das-buch-das-niemand-gelesen-hat-auf-der-suche-nach-kopernikus-revolutionaerem-werk\/","title":{"rendered":"Das Buch das niemand gelesen hat: Auf der Suche nach Kopernikus&#8216; revolution\u00e4rem Werk"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe in diesem Sommer schon viele B\u00fccher empfohlen (<a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/06\/19\/buecher-fuer-den-sommerurlaub-teil-1-originelle-science-fiction\/\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=15461\">hier<\/a>). K\u00fcrzlich habe ich auch behauptet, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/07\/24\/buecher-fuer-den-sommerurlaub-3-die-absoluten-favoriten-isaac-newton-und-das-geheimnis-von-area-x\/\">meine absoluten Favoriten f\u00fcr dieses Jahr<\/a> entdeckt zu haben. Aber wie das eben so ist, findet man die echten Favoriten erst dann, wenn man denkt, man h\u00e4tte sie schon gefunden. Das Buch, dass ich euch heute vorstellen will, habe ich zuf\u00e4llig in den Fu\u00dfnoten eines anderen Buchs entdeckt, es sicherheitshalber zur Erinnerung auf meine Amazon-Wunschliste gesetzt und war dann \u00fcberrascht und erfreut, als es kurze Zeit sp\u00e4ter bei mir im Briefkasten auftaucht (Vielen Dank, Benedikt!). Noch erfreuter war ich aber, als ich begann, es zu lesen. Es ist quasi das perfekte Buch f\u00fcr alle Leute, die sich f\u00fcr B\u00fccher und Astronomie interessieren. Denn das Buch handelt vom Verfassen eines Buches, das sich mit einem Buch besch\u00e4ftigt: einem der ber\u00fchmtesten astronomischen B\u00fccher aller Zeiten. Es ist ein Buch \u00fcber B\u00fccher, \u00fcber Bibliotheken, \u00fcber den Umgang mit B\u00fcchern und ihre Herstellung. Und es ist ein Buch \u00fcber die Geburt der modernen Astronomie. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Gingerichbuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Gingerichbuch.jpg\" alt=\"Gingerichbuch\" width=\"500\" height=\"719\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15892\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Buch das ich gelesen habe und das ich euch allen empfehlen m\u00f6chte, hei\u00dft <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0099476444\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=0099476444&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;The Book Nobody Read: Chasing the Revolutions of Nicolaus Copernicus&#8220;<\/a><a href=\"#amazoninfo\">*<\/a> und stammt vom Astronom und Wissenschaftshistoriker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Owen_Gingerich\">Owen Gingerich<\/a>. Gingerich besch\u00e4ftigt sich beruflich sehr oft mit alten astronomischen B\u00fcchern und nat\u00fcrlich geh\u00f6rt da auch <i>&#8222;De revolutionibus orbium coelestium&#8220;<\/i> von Nikolaus Kopernikus dazu. Das revolution\u00e4re Werk wurde 1543 das erste Mal gedruckt und stellt mit seiner Darstellung der heliozentrischen Weltsicht einen Meilenstein in der Wissenschaftsgeschichte dar. Die Bedeutung des Buches war auch schon im 16. Jahrhundert offensichtlich; der Inhalt ist aber auf f\u00fcr Experten schwer zug\u00e4nglich. Kopernikus hat darin ja nicht einfach nur &#8222;Die Erde dreht sich um die Sonne und nicht umgekehrt!&#8220; aufgeschrieben, sondern auch ausf\u00fchrlich die Grundlagen der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/07\/16\/spharische-astronomie\/\">sph\u00e4rischen Astronomie<\/a> und der daf\u00fcr n\u00f6tigen mathematischen Techniken dargelegt (siehe <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Nicolaus_Coppernicus_aus_Thorn_%C3%BCber_die_Kreisbewegungen_der_Weltk%C3%B6rper\">hier f\u00fcr eine deutsche Online-Version<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\">Arthur Koestler<\/a> hat \u00fcber Kopernikus&#8216; Werk behauptet, es w\u00e4re &#8222;Das Buch das niemand gelesen hat&#8220; und Gingerich war sich nicht sicher, ob das tats\u00e4chlich zutrifft. In einer jahrzehntelangen Suche hat er sich daher der Aufgabe gestellt, alle heute noch existierenden Exemplare der ersten und zweiten Auflage von <i>&#8222;De revolutionibus&#8220;<\/i> zu finden und zu untersuchen. Er wollte herausfinden, wer sie urspr\u00fcnglich erworben hat, wer sie in der Zwischenzeit gelesen hat und vor allem, welche Anmerkungen von den Forschern im Laufe der Zeit gemacht worden sind. Die bibliothekarische Detektivarbeit von Gingerich begann in den 1970er Jahren (1973 wurde der 500. Geburtstag von Kopernikus gefeiert) und endete 2002 mit der Publikation der wissenschaftshistorischen Facharbeit <i>&#8222;An annotated census of Copernicus&#8216; De revolutionibus (Nuremberg, 1543 and Basel, 1566)&#8220;<\/i>, die Kopernikus&#8216; Buch zur bestuntersuchten Erstausgabe (mit Ausnahme der Gutenbergbibel) aller Zeiten macht.<\/p>\n<p>&#8222;The book nobody read&#8220; ist auf vielen Ebenen enorm interessant. Man erf\u00e4hrt zum Beispiel sehr viel \u00fcber die Art und Weise, wie im 16. Jahrhundert B\u00fccher geschrieben, verlegt und gedruckt worden sind. Wie sie vertrieben, gekauft und gelagert wurden. Man lernt aber auch die Szene der Liebhaber historischer B\u00fccher kennen und die H\u00e4ndler und Auktionsh\u00e4user in denen die alten Werke heute verkauft werden. Gingerich war w\u00e4hrend seiner Arbeit auch immer wieder mit Kriminalit\u00e4t und Buchdieben konfrontiert und wurde mehrmals als Berater von FBI und anderen Einrichtungen eingesetzt, die versuchten, die Herkunft alter B\u00fccher aufzudecken. Gingerich musste vor Gericht aussagen, konnte durch seine Detektivarbeit in Bibliotheken und Archiven einige Diebst\u00e4hle \u00fcberhaupt erst aufdecken und andere verhindern.<\/p>\n<p>&#8222;The book nobody read&#8220; ist auch ein interessantes historisches Dokument, das die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ost und West im kalten Krieg beschreibt. Aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden hatte Gingerich eine enge Beziehung zu Polen und war daher intensiv bei den dort stattfindenden Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag von Kopernikus involviert. Seine Suche nach Erst- und Zweitausgaben von <i>&#8222;De revolutionibus&#8220;<\/i> hat ihn aber auch in viele andere L\u00e4nder hinter dem eisernen Vorhang gebracht. Internet-Kataloge, digitale Fotos, Emails und all das, was uns heute die Recherche so einfach macht, dass wir den eigenen Schreibtisch kaum noch verlassen m\u00fcssen, gab es damals ja noch nicht. Und viele Entdeckungen konnte Gingerich sowieso nur machen, weil er fast alle B\u00fccher selbst aus n\u00e4chster N\u00e4he untersucht hat.<\/p>\n<p>Denn &#8222;The book nobody read&#8220; handelt nat\u00fcrlich auch von Astronomie. Der Inhalt von Kopernikus&#8216; Werk war Gingerich selbstverst\u00e4ndlich bekannt; nur daf\u00fcr h\u00e4tte er nicht jedes einzelne Exemplar lesen m\u00fcssen. Er war daran interessiert, was <i>andere<\/i> von der Lekt\u00fcre gehalten haben. Viele Forscher im 16. und 17. Jahrhundert haben ihre Ausgabe von <i>&#8222;De revolutionibus&#8220;<\/i> mit ausf\u00fchrlichen Anmerkungen versehen und die wollte Gingerich dokumentieren und verstehen. Und auch das sind enorm spannende wissenschaftliche Detektivgeschichten. Da m\u00fcssen Handschriften entschl\u00fcsselt und zugeordnet werden. Manche B\u00fccher enthalten Anmerkungen verschiedener Leute; manche B\u00fccher enthalten Anmerkungen die aus fr\u00fcheren Ausgaben kopiert wurden, und so weiter.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/De_Revolutionibus_manuscript_p9b.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/De_Revolutionibus_manuscript_p9b.jpg\" alt=\"De_Revolutionibus_manuscript_p9b\" width=\"500\" height=\"729\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15893\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gingerich konnte viele &#8222;prominente&#8220; Exemplare entdecken, zum Beispiel die B\u00fccher, die Tycho Brahe besessen hat. Ein besonders spannender Teil von &#8222;The book nobody read&#8220; besch\u00e4ftigt sich mit der Entwicklung des tychonischen Weltbilds, das einen Kompromiss zwischen Geozentrismus und Heliozentrismus darstellt. Tycho Brahe belie\u00df darin die Erde im Mittelpunkt des Universums, die von Mond und Sonne umkreist wurde. Die restlichen Planeten aber umkreisten die Sonne. In verschiedenen Anmerkungen verschiedener Forscher die Gingerich in <i>&#8222;De revolutionibus&#8220;<\/i> gefunden hat, probierte er den Ursprung und die Entwicklung dieses Konzepts nachzuvollziehen und fand dabei die gleichen wissenschaftlichen Rivalit\u00e4ten, die auch heute noch \u00fcberall vorhanden sind. Es ist auch interessant, die von der katholischen Kirche angeordneten Zensuren des Buchs zu untersuchen und nachzusehen, wo sie tats\u00e4chlich umgesetzt worden sind und wo nicht.<\/p>\n<p>Gingerich verfolgt, wie sich Kopernikus&#8216; Thesen langsam durch die fr\u00fche wissenschaftliche Welt verbreiten und hat untersucht, wer in welchem Ausma\u00df dazu beigetragen hat, dass sich die Idee schlie\u00dflich durchsetzte. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erasmus_Reinhold\">Erasmus Reinhold<\/a>, von dem ich bisher noch nie geh\u00f6rt hatte, obwohl er aus Saalfeld stammt, das ja gleich neben meiner Heimatstadt Jena liegt. Auch sonst lernt man in Gingerichs Buch jede Menge andere &#8222;unbekannte&#8220; Forscher kennen, die trotzdem wichtige und h\u00f6chst interessante Arbeit gemacht haben. Und man lernt vor allem Kopernikus kennen. Die meisten werden wissen, dass Kopernikus ein Weltbild vorschlug, in dem sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Aber das war nat\u00fcrlich bei weitem noch nicht alles. Die meisten werden vermutlich <i>nicht<\/i> wissen, dass Kopernikus&#8216; Weltbild rein wissenschaftlich nicht wesentlich besser war als das alte, geozentrische von Ptolem\u00e4us. Auch mit Kopernikus&#8216; Ansatz lie\u00dfen sich die Positionen der Planeten nicht wesentlich genauer vorhersagen und auch er musste in seinem Modell diverse Modifikationen anbringen, so wie es Ptolem\u00e4us mit seinen Epizyklen tat (und Gingerich demontiert gleich auch noch den Mythos, dass man im Mittelalter &#8222;Epizykel an Epizykel&#8220; reihte, um das geozentrische Weltbild noch irgendwie &#8222;zu retten&#8220;). Denn Kopernikus war in gewisser Hinsicht genau so konservativ wie seine Vorg\u00e4nger und wollte sich nicht von der Vorstellung l\u00f6sen, dass am Himmel alles in Kreisform abzulaufen hat. Diesen Schritt hat dann erst Johannes Kepler geschafft&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;The book nobody read&#8220; ist ein wirklich gro\u00dfartiges Buch, f\u00fcr Freunde der Wissenschaftsgeschichte ebenso wie f\u00fcr Menschen, die einfach nur B\u00fccher sehr gerne haben. Mich hat es wieder einmal daran erinnert, dass ich ja doch eigentlich gerne Wissenschaftshistoriker geworden w\u00e4re (aber gut, in diesem Bereich hat man wahrscheinlich noch schlechtere Berufsaussichten als in der Astronomie). Und ich habe mich dar\u00fcber ge\u00e4rgert, dass ich es in meiner gesamten Zeit an der Unisternwarte Wien nie geschafft habe, mal einen Blick auf die Erstausgabe von <i>&#8222;De revolutionibus&#8220;<\/i> zu werfen, die dort in der Bibliothek aufbewahrt wird&#8230;<\/p>\n<p><i>P.S. Und bleibt dran; heute Nachmittag gibt es dann die Buchempfehlung zur zweiten \u00dcberraschungsentdeckung &#8211; diesmal zu einem ganz anderen Thema.<\/i><br \/>\n<span style=\"font-size: xx-small;\"><a name=\"amazoninfo\">*Affiliate-Links<\/a><\/span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ad0ebb1120f24eeda83bc8133918bdc0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe in diesem Sommer schon viele B\u00fccher empfohlen (hier und hier). K\u00fcrzlich habe ich auch behauptet, meine absoluten Favoriten f\u00fcr dieses Jahr entdeckt zu haben. Aber wie das eben so ist, findet man die echten Favoriten erst dann, wenn man denkt, man h\u00e4tte sie schon gefunden. 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