{"id":21997,"date":"2014-08-03T13:16:22","date_gmt":"2014-08-03T11:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/03\/die-mittelalterliche-kosmologie-von-robert-grosseteste\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:58","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:58","slug":"die-mittelalterliche-kosmologie-von-robert-grosseteste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/03\/die-mittelalterliche-kosmologie-von-robert-grosseteste\/","title":{"rendered":"Die mittelalterliche Kosmologie von Robert Grosseteste"},"content":{"rendered":"<p>In der <a href=\"https:\/\/www.jodcast.net\/archive\/2014NAM\/\">Juli-Ausgabe<\/a> des empfehlenswerten <a href=\"https:\/\/www.jodcast.net\/about.html\">Jodcast<\/a> wurde \u00fcber das <i>National Astronomy Meeting<\/i> der britischen Astronomen berichtet. Neben jeder Menge rein astrophysikalischer Forschung habe ich dort auch von einem Projekt geh\u00f6rt, dass sich an der Grenze zwischen Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Kunst bewegt und das sich gut dazu eignet, an einem Sonntagnachmittag wie heute dar\u00fcber nachzudenken: Die Kosmologie des Theologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Grosseteste\">Robert Grosseteste<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Grosseteste lebte im 13. Jahrhundert und war nicht nur der Bischof von Lincoln, sondern auch  ein Philosoph, der sich \u00fcber viele Dinge Gedanken machte. Zu seinen Hauptwerken geh\u00f6rt die Schrift <i>&#8222;De Luce&#8220;<\/i>, die sich mit der Metaphysik des Lichts besch\u00e4ftigt und einige der ersten konkreten kosmologischen Gedanken der westlichen Welt enth\u00e4lt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15730\" aria-describedby=\"caption-attachment-15730\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Grosseteste_bishop.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Grosseteste_bishop.jpg\" alt=\"Robert Grosseteste (Bild: Public Domain)\" width=\"500\" height=\"781\" class=\"size-medium wp-image-15730\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15730\" class=\"wp-caption-text\">Robert Grosseteste (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Grosseteste_bishop.jpg\">Bild: Public Domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Normalerweise beschr\u00e4nkte man sich im Mittelalter ja darauf festzustellen, dass die Erde das Zentrum des Universums sei und umgeben von verschiedenen Kristallsph\u00e4ren, an denen sich die Planeten und die Sterne befinden. So hatte es schon Aristoteles verk\u00fcndet und was &#8222;die Alten&#8220; sagten, war korrekt. Die &#8222;Wissenschaft&#8220; bestand nicht darin, irgendwelche neuen Dinge herauszufinden, weil man davon \u00fcberzeugt war, dass die Alten sowieso schon alles gewusst hatten, was es zu wissen gibt und die einzige Aufgabe darin besteht, dieses Wissen in den alten Schriften wiederzufinden. <\/p>\n<p>Genau so besch\u00e4ftigte man sich eher wenig mit der Entstehung der Welt sondern mehr mit ihrer Beschreibung. Die Welt war von Gott geschaffen und wenn der Kristallsph\u00e4ren wollte, dann gab es eben Kristallsph\u00e4ren. Grosseteste aber hat sich ein bisschen mehr M\u00fche gegeben und probiert sich vorzustellen, wie all diese Sph\u00e4ren entstehen konnte. Sein Ursprung der Welt war eine gro\u00dfe Explosion aus Licht, das sich ausbreitet und aus dem dann Materie quasi auskristalliert. Licht und Materie sind gekoppelt und wenn das Licht sich von seinem Ursprung ausbreitet, wird die Materie immer weiter verd\u00fcnnt. Das f\u00fchrt zu einer nat\u00fcrlichen Grenze, die das Licht bei seiner Ausbreitung nicht \u00fcberschreiten kann. Denn in der Welt von Grosseteste durfte es kein Vakuum geben, das war in der damaligen Philosophie nicht vorgesehen. Wenn Licht und Materie also bis zu einer bestimmten Grenze ausged\u00fcnnt waren, ging es nicht mehr weiter mit der Expansion. So entstand die \u00e4u\u00dfere Grenze des Universums, an der Licht und Materie den laut Grosseteste &#8222;perfekten&#8220; Zustand erreicht haben und die erste Kristallsph\u00e4re bildeten. <\/p>\n<p>Diese Kristallsph\u00e4re strahlt nun selbst wieder Licht aus, nach <i>innen<\/i> zur\u00fcck zum Ursprung des Universums. Und auch dieses Licht untergeht Wechselwirkungen mit der Materie, im Zuge deren weitere Kristallsph\u00e4ren entstehen. Irgendwann bleibt nicht mehr genug \u00fcbrig, um eine &#8222;perfekte&#8220; Sph\u00e4re zu produzieren und man erh\u00e4lt in der Mitte die imperfekte Materie der Erde. Durch diese Wechselwirkung von Licht und Materie konnte Grosseteste das damalige kosmologische Bild der ineinander verschachtelten Kristallsph\u00e4ren erkl\u00e4ren. Nat\u00fcrlich war es keine wissenschaftliche Arbeit im heutigen Sinn, sondern eine philosophisch-religi\u00f6se Abhandlung. Ein interdisziplin\u00e4res Wissenschaftlerteam um Richard Bower von der Universit\u00e4t Durham hat sich aber \u00fcberlegt, wie Grossetestes Arbeit aussehen w\u00fcrde, <i>wenn<\/i> man sie auf moderne wissenschaftliche Weise formulieren w\u00fcrde (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1403.0769\">&#8222;A Medieval Multiverse: Mathematical Modelling of the 13th Century Universe of Robert Grosseteste&#8220;<\/a>).<\/p>\n<figure id=\"attachment_15729\" aria-describedby=\"caption-attachment-15729\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grossetesteuniverse.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grossetesteuniverse.png\" alt=\"Die Kristallsph\u00e4ren von Grosseteste (Bild: Bower et al, 2014)\" width=\"500\" height=\"494\" class=\"size-medium wp-image-15729\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15729\" class=\"wp-caption-text\">Die Kristallsph\u00e4ren von Grosseteste (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1403.0769\">Bild: Bower et al, 2014<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dazu haben sie zuerst den Text aus dem Lateinischen ins Englische \u00fcbersetzt und dann versucht seine Kosmologie in ein mathematisches Modell zu \u00fcbersetzen. Sie haben Feldgleichungen aufgestellt, die die Interaktion zwischen Licht und Materie beschreiben und die Gleichung zusammen mit Grenzwerten aus Grossetestes Text am Computer simuliert. Dabei haben sie festgestellt, dass die mittelalterliche Kosmologie das gleiche Problem hat, das auch in der modernen Kosmologie auftaucht: Wie sich das Universum entwickelt h\u00e4ngt enorm stark von den Anfangsbedingungen bzw. der &#8222;Feineinstellung&#8220; der Parameter ab. In ihren Simulationen konnten sie jede Menge &#8222;falsche&#8220; Universen beobachten, wo sich zum Beispiel einzelne Kristallsph\u00e4ren durchdringen. Aber &#8211; bei der richtigen Wahl der Parameter &#8211; auch Universen, die dem damaligen Weltbild entsprachen. Diese stabilen Universen waren aber recht selten. So wie in der modernen Kosmologie muss man also auch in Grossetestes Universum von weiteren und noch unbekannten physikalischen Gesetzen ausgehen, die erkl\u00e4ren, warum gerade eine bestimmte Wahl der Parameter realisiert ist und noch dazu genau die Wahl, die zu einer der wenigen &#8222;freundlichen&#8220; Universen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung dieser Ergebnisse ist schon ein paar Monate alt und damals gab es in den Nachrichten jede Menge Aufruhr (ich erinnere mich dunkel, auch mal im <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wrint-wissenschaft\/\">WRINT Wissenschaft Pocast<\/a> dar\u00fcber gesprochen zu haben). Meistens wurde so berichtet, als h\u00e4tte ein mittelalterlicher Theologie die moderne Kosmologie vorweggenommen, den Urknall vorhergesagt, und so weiter. Das war nat\u00fcrlich nicht der Fall und das erkl\u00e4ren die Wissenschaftler auch ganz explizit. Es ging ihnen viel mehr darum, herauszufinden, ob sich die philosophischen und metaphysischen Abhandlungen \u00fcberhaupt in konsistente wissenschaftliche Formulierungen \u00fcbersetzen lassen oder nicht. Es ist ein Projekt, dass Erkenntnisse \u00fcber die Wissenschaftsgeschichte liefern soll, aber auch einfach &#8222;nur&#8220; als Inspiration dient. Im Rahmen des <a href=\"https:\/\/ordered-universe.com\/\">Ordered Universe Project<\/a> besch\u00e4ftigen sich die Forscher auch mit anderen Arbeiten von Grosseteste, zum Beispiel seinen Gedanken \u00fcber die Entstehung von Regenbogen. Schaut euch die Ergebnisse an &#8211; es ist sehr faszinierend! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/1ad20cd5e40f4039b2d30393ed1c4bd2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Juli-Ausgabe des empfehlenswerten Jodcast wurde \u00fcber das National Astronomy Meeting der britischen Astronomen berichtet. 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