{"id":21991,"date":"2014-07-31T08:45:00","date_gmt":"2014-07-31T06:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/07\/31\/pierre-marie-robitaille-und-alexander-unzicker-ist-die-sonne-wirklich-gasfoermig\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:57","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:57","slug":"pierre-marie-robitaille-und-alexander-unzicker-ist-die-sonne-wirklich-gasfoermig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/07\/31\/pierre-marie-robitaille-und-alexander-unzicker-ist-die-sonne-wirklich-gasfoermig\/","title":{"rendered":"Pierre-Marie Robitaille und Alexander Unzicker: Ist die Sonne wirklich gasf\u00f6rmig?"},"content":{"rendered":"<p>Ist die Sonne tats\u00e4chlich gasf\u00f6rmig? Ein <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/42\/42251\/1.html\">Artikel bei Telepolis<\/a> (<a href=\"https:\/\/www.webcitation.org\/6RTKzCGF8\">WebCite<\/a>) hat in den letzten Tagen zu jeder Menge Anfragen bei mir gef\u00fchrt. Denn darin wird behauptet, dass die Astronomen seit \u00fcber 100 Jahren einer falschen Theorie anh\u00e4ngen und die Sonne in Wahrheit ganz anders beschaffen ist, als alle denken. W\u00e4re das wirklich so, dann w\u00e4re diese Entdeckung fundamental. So fundamental wie die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist und keine Scheibe oder sich um die Sonne dreht und nicht die Sonne um die Erde. Haben sich die Astronomen also jahrzehntelang geirrt? <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_15698\" aria-describedby=\"caption-attachment-15698\" style=\"width: 480px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sun920607.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sun920607.jpg\" alt=\"Ist die Sonne ganz anders als wir denken? (Bild: NASA)\" width=\"480\" height=\"480\" class=\"size-full wp-image-15698\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15698\" class=\"wp-caption-text\">Ist die Sonne ganz anders als wir denken? (Bild: NASA)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Artikel wurde von <i>Alexander Unzicker<\/i> geschrieben, einem Physiklehrer aus M\u00fcnchen der bisher haupts\u00e4chlich durch Publikationen aufgefallen ist, in denen er erkl\u00e4rt, dass der Gro\u00dfteil der modernen Physik Unsinn ist (<a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/09\/10\/durchgefallen-vom-urknall-zum-durchknall\/\">siehe meine Rezension zu &#8222;Vom Urknall zum Durchknall&#8220;<\/a>). Urknall, Teilchenphysik, etc &#8211; alles was die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten herausgefunden hat wir von Unzicker &#8211; in teilweise sehr direkten und pers\u00f6nlichen Angriffen &#8211; kritisiert. Im Telepolis-Artikel schreibt er diesmal aber nicht \u00fcber seine eigenen Vorstellungen zur Physik, sondern stellt die Arbeit von <i>Pierre-Marie Robitaille<\/i> vor, einem Mediziner aus Ohio, der sich in den letzten Jahren auch mit Astronomie besch\u00e4ftigt hat. Von Robitaille stammt die These, die Sonne sei <i>nicht<\/i> gasf\u00f6rmig und Unzicker scheint von dieser Vorstellung sehr angetan zu sein.<\/p>\n<p>Robitaille behauptet, dass das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kirchhoffsches_Strahlungsgesetz\">Kirchhoffsche Strahlungsgesetz<\/a> falsch sei. Dieses Gesetz wurde immerhin schon 1859 aufgestellt und beschreibt, wie K\u00f6rper Strahlung aufnehmen und abgeben. Es f\u00fchrte zu Max Plancks Untersuchung \u00fcber die Art und Weise wie K\u00f6rper Energie abstrahlen, die im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plancksches_Strahlungsgesetz\">Planckschen Strahlungsgesetz<\/a> und damit der Grundlage der kompletten Quantenmechanik resultierte.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass Robitaille mit seiner These also die komplette moderne Physik in Frage stellt, zweifelt er auch die Tatsache an, dass die Sonne tats\u00e4chlich ein gasf\u00f6rmiger K\u00f6rper ist. Nat\u00fcrlich besteht die Sonne in Wahrheit nicht aus einem normalen Gas, sondern aus einem Plasma (einem Gas, in dem die Elektronen der Atome nicht mehr an die Atomkerne gebunden sind) &#8211; aber um das geht es nicht. Da die Abstrahlung der Sonne ebenfalls mit den oben genannten Gesetzen zur Strahlung beschrieben wird und die ja angeblich falsch sind, kann die Sonne nicht so beschaffen sein, wie wir bisher dachten, sagt Robitaille.<\/p>\n<p>Unzickers Artikel bleibt allerdings sehr vage, wenn es darum geht zu erkl\u00e4ren, wie denn Robitailles Alternative aussieht. Er beschr\u00e4nkt sich auf den Halbsatz, mit der Aussage, sie best\u00fcnde aus<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;eine[r] neu entdeckte[n] Form von metallischem Wasserstoff als Alternative f\u00fcr die Sonnenoberfl\u00e4che, auf die ich hier nicht n\u00e4her eingehen kann.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Unzicker erkl\u00e4rt lieber, dass Robitaille auch andere wissenschaftliche Ergebnisse zur Kosmologie anzweifelt, und daraus folgert, dass auch Urknall und moderne Kosmologie Unsinn sind. Unzicker beschreibt die angeblich beeindruckenden Ver\u00f6ffentlichungen von Robitaille, die aber von den \u00fcblichen Fachzeitschriften und Datenbanken ignoriert werden:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Dass dieses komplizierte Sonnenmodell schon vor hundert Jahren vielen Physikern alles andere als \u00fcberzeugend schien, weist Robitaille wieder mit mit einer \u00fcberw\u00e4ltigend detaillierten Recherche nach, einschlie\u00dflich deutscher und franz\u00f6sischer Originalliteratur, und mit \u00fcber 400 zitierten Artikeln. Ich habe selten so sorgf\u00e4ltig dokumentierte und belegte Paper gesehen wie von diesem &#8222;fachfremden&#8220; Forscher (&#8230;)&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>In welche Richtung der Artikel von Unzicker tats\u00e4chlich geht, zeigt eine Zusammenstellung der Zwischen\u00fcberschriften:<\/p>\n<ul>\n<li>Stimmt ein uraltes Gesetz?<\/li>\n<li>Begraben unter der Revolution<\/li>\n<li>Das Mainstream-Modell ist kompliziert<\/li>\n<li>Exkommunizierung eines Ketzers<\/li>\n<li>Was nicht sein darf, das nicht sein kann<\/li>\n<li>Bilden Sie sich Ihre Meinung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein uraltes Gesetz auf dem die ganze Physik aufbaut, ist also angeblich falsch. Aber die Mainstream-Physiker wollen das nicht akzeptieren; sind zu festgefahren in ihrer Meinung und wollen den Status Quo erhalten. Es braucht einen mutigen Au\u00dfenseiter, der f\u00e4hig ist, das zu sehen, was alle anderen nicht sehen wollen. Aber weil er ein Au\u00dfenseiter ist, wird seine Meinung nicht akzeptiert. Der &#8222;Ketzer&#8220; wird ausgeschlossen; seine Forschung wird ignoriert denn alles muss so bleiben wie es ist&#8230;<\/p>\n<p>Die Geschichte ist nicht neu sondern in der Form schon oft genug abgelaufen. Immer wieder gibt es Leute, die meinen sie h\u00e4tten die Relativit\u00e4tstheorie widerlegt, die Quantenmechanik revolutioniert, ein Perpetuum-Mobile gebaut oder die &#8222;Weltformel&#8220; gefunden. Und gemeinerweise werden sie von den b\u00f6sen &#8222;Schulphysikern&#8220; immer ausgegrenzt, ausgelacht und ignoriert. Allerdings nicht, weil sie &#8222;Au\u00dfenseiter&#8220; sind &#8211; sondern weil die revolution\u00e4ren Theorien eben in so gut wie allen F\u00e4llen kompletter Unsinn sind. Es gibt nat\u00fcrlich immer Ausnahmen. Manchmal sind revolution\u00e4re Thesen tats\u00e4chlich neu, revolution\u00e4r UND korrekt und wenn das der Fall ist, dann \u00e4ndern sich  Weltbilder. Die Erkenntnisse von Galilei, Wegener oder Einstein geh\u00f6ren zum Beispiel dazu &#8211; aber man muss sich bewusst sein, dass der Umkehrschluss nicht gilt. Nur weil manche revolution\u00e4re Gedanken zuerst  skeptisch betrachtet und sich danach dennoch durchgesetzt haben, folgt daraus nicht, dass jeder Gedanke, der skeptisch betrachtet wird, auch tats\u00e4chlich revolution\u00e4r und richtig ist (dieser Fehlschluss nennt sich <a href=\"https:\/\/www.ratioblog.de\/entry\/fehlschluss-19-das-galileo-gambit\">Galileo Gambit<\/a> und taucht in abgewandelter Form auch in Unzickers Artikel auf).<\/p>\n<p>Wie sieht es nun aus mit Robitailles Theorie? Revolution oder doch nur Unsinn? Um das feststellen zu k\u00f6nnen, muss man erst mal die Informationen herausfinden, die Unzicker in seinem Artikel verschweigt und nachsehen, worum es wirklich geht. Seine Arbeiten zur Astrophysik hat der Arzt aus Ohio in einem Journal mit dem Namen <a href=\"https:\/\/www.ptep-online.com\/index_files\/issues.html\">&#8222;Progress in Physics&#8220;<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Dort findet man jede Menge Artikel mit beeindruckend klingenden Namen (zum Beispiel &#8222;The Infinite as a Hegelian Philosophical Category and Its Implication for Modern Theoretical Natural Science&#8220;, &#8222;Tractatus Logico-Realismus: Surjective Monism and the Meta-Differential Logic of the Whole, the Word, and the World&#8220; oder &#8222;The Dark Side Revealed: A Complete Relativity Theory Predicts the Content of the Universe&#8220;). Aber bei genauerer Betrachtung publiziert dort im wesentlichen immer wieder nur die gleiche Gruppe von Autoren, was kein gutes Zeichen f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Journals ist. Genauso wenig wie die extrem kurze Zeit, die zwischen Einreichung und Begutachtung der Artikel liegt: Wie man an den Daten in den Artikel sehen kann, dauert das oft nur einen Tag oder weniger. Normalerweise dauert der Begutachtungsprozess bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift mehrere Wochen. Es wundert mich also nicht, wenn Robitailles Artikel in den \u00fcblichen wissenschaftlichen Datenbanken nicht aufscheinen. Dort findet man in der Regel nur die Ver\u00f6ffentlichungen aus regul\u00e4ren und seri\u00f6sen Zeitschriften (und entgegen aller Vorurteile ist es absolut kein Problem in einer astronomischen Fachzeitschrift zu publizieren, auch wenn man kein Astronom ist &#8211; man muss einfach nur eine vern\u00fcnftige Arbeit einreichen).<\/p>\n<p>Aber lassen wir die formale Betrachtung. Vielleicht steht in Robitailles Artikel ja trotzdem etwas Revolution\u00e4res; etwas, das so enorm revolution\u00e4r ist, dass es tats\u00e4chlich totgeschwiegen werden muss. Ich habe mir nicht alle der Dutzenden &#8222;Artikel&#8220; von Robitaille durchgelesen. Die meisten davon sind auch nur kurze Notizen und selten mehr als zwei Seiten lang. Darin erkl\u00e4rt er dann auch, was die Sonne denn nun sein soll, wenn nicht gasf\u00f6rmig: Seiner Meinung nach besteht sie aus <i>&#8222;Liquid Metallic Hydrogen&#8220;<\/i>, also fl\u00fcssigem metallischen Wasserstoff. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Metallischer_Wasserstoff\">Metallischen Wasserstoff<\/a> gibt es tats\u00e4chlich. Unter hohem Druck kann sich das Elektron in der H\u00fclle des Wasserstoffatoms so anordnen, dass der Wasserstoff wie ein Metall elektrisch leitend wird. Man bekommt dann eine Art Gitter aus Wasserstoffatomkernen. Dieser Zustand wurde in Laborexperimenten schon nachgewiesen und vermutet, dass die Kerne der gro\u00dfen Gasplaneten wie Jupiter oder Saturn aus dieser Form des Wasserstoffs bestehen. Laut Robitaille soll aber auch die Oberfl\u00e4che der Sonne so beschaffen sein.<\/p>\n<p>Um zu sehen was da dran ist, habe ich mir die von Unzicker so gelobte Ver\u00f6ffentlichung mit den &#8222;\u00fcber 400 zitierten Artikeln&#8220; angesehen: <i>&#8222;Forty Lines of Evidence for Condensed Matter \u2014 The Sun on Trial: Liquid Metallic Hydrogen as a Solar Building Block&#8220;<\/i> (Progress in Physics, 2013\/4, <a href=\"https:\/\/www.ptep-online.com\/index_files\/2013\/PP-35-16.PDF\">PDF<\/a>). Darin verspricht Robitaille 40 verschiedene Argumente f\u00fcr seine These. Klingt vielversprechend &#8211; ist es aber leider nicht. Rein formal sieht die Arbeit sehr professionell und wissenschaftlich aus. Aber Robitaille ist ja auch Wissenschaftler, insofern ist das kein Wunder. Bei n\u00e4herer Betrachtung offenbart sich aber ein sehr l\u00fcckenhaftes Verst\u00e4ndnis astronomischer Zusammenh\u00e4nge. Viele der &#8222;Argumente&#8220; beziehen sich beispielsweise darauf, wie Astronomen \u00fcber bestimmte Ph\u00e4nomene sprechen. Zum Beispiel in der &#8222;Asteroseismologie&#8220;, also der Disziplin, wo man aus den Schwingungen der Sternmaterie Informationen \u00fcber ihr Inneres ableitet (ich habe das <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/11\/22\/asteroseismologie-pulsationen-und-der-klang-der-sterne\/\">hier genau erkl\u00e4rt<\/a>). Robitaille schreibt dazu:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Despite denial that the Sun is either liquid or solid, astronomers refer to solar seismic events as \u201csimilar to earthquakes\u201d. Such analogies are in keeping with the known truth that seismology is a science of condensed matter. The same can be said for the Sun.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Weil Asteroseismologen also ihre Arbeit mit der der Seismologen auf der Erde vergleichen (die ja ebenfalls Erdbebenwellen nutzen um mehr \u00fcber das Innere des Planeten zu erfahren) und die Erde nicht gasf\u00f6rmig ist, ist das also ein Zeichen daf\u00fcr, dass das auch bei der Sonne der Fall ist. Dass Asteroseismologie allerdings ein bisschen anders funktioniert und das &#8222;Gas&#8220; der Sonne nicht einfach nur ein simples Gas ist, sondern ein Plasma bei hohen Dr\u00fccken und Temperaturen, bei denen jede Menge elektrische und magnetische Effekte ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, wird ignoriert. Robitaille hat aber auch mit anderen Begriffen der Astronomen seine Probleme. Ein weiteres &#8222;Argument&#8220; lautet:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;The surface of the Sun is characterized by extensive activity. The solar surface is often viewed as \u2018boiling\u2019, or as a \u2018boiling gas\u2019. But, gases and a gaseous Sun are unable to \u2018boil\u2019. Gases are the result of such actions. Only liquids can boil, while solids sublime.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Astronomen beschreiben die Sonnenoberfl\u00e4che also oft als &#8222;brodelnd&#8220; &#8211; aber nur Fl\u00fcssigkeiten k\u00f6nnen brodeln, also muss die Sonne aus fl\u00fcssigen Wasserstoff bestehen. Aber nat\u00fcrlich ist auch das nur eine Analogie die Astronomen verwenden, um zum Beispiel die komplexe Dynamik der konvektiven Plasmastr\u00f6me an der Sonneneoberfl\u00e4che zu beschreiben und kein versteckter Hinweis, dass es sich um eine Fl\u00fcssigkeit handelt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15699\" aria-describedby=\"caption-attachment-15699\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Trundholm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Trundholm.jpg\" alt=\"Die Sonne ist nicht nur aus Metall - sondern  auch noch flach und kaputt! (Bild: Sonnenwagen von Trundholm, Public Domain)\" width=\"430\" height=\"290\" class=\"size-full wp-image-15699\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15699\" class=\"wp-caption-text\">Die Sonne ist nicht nur aus Metall &#8211; sondern  auch noch flach und kaputt! (<a ref=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Trundholm.jpg\">Bild: Sonnenwagen von Trundholm, Public Domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese ganze Art der &#8222;Argumentation&#8220; erinnert mich stark an das, was man auch von den diversen Leuten lesen kann, die meinen, sie h\u00e4tten Einstein widerlegt, die F\u00e4lschung der Mondlandung nachgewiesen, und so weiter. Die &#8222;Argumentation&#8220; besch\u00e4ftigt sich mit \u00e4u\u00dferst oberfl\u00e4chlichen Dingen, scheinbare &#8222;Widerspr\u00fcche&#8220; werden da begeistert aufgedeckt und man bemerkt nicht, dass der Widerspruch keiner ist, sondern nur aus einer mangelnden Kenntnis der Fakten entstanden ist. Robitaille mag ein sehr erfolgreicher Mediziner sein. Aber das macht ihn eben nicht automatisch zu einem Experten f\u00fcr solare Astrophysik. Das ist absolut kein trivialer Fachbereich und man braucht schon ein tiefgehendes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Hydrodynamik, Elektrodynamik, Strahlungsphysik, und so weiter um zu verstehen, wie sich die Sonnenmaterie verh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Auch die beeindruckende Zahl an Zitaten ist mehr unn\u00fctzes Beiwerk als echte Quellenarbeit. Wenn man einen Artikel so schreibt<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;The idea that the Sun could synthesize helium was first proposed by men such as Gamow [377, 378], Bethe [379\u2013381], von Weiz\u00e4cker [382] and Hoyle [383, 384].&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>und jede Aussage mit einem Schwung von Belegen begleitet, ist es kein Wunder, wenn man am Ende hunderte Zitate gesammelt hat. Was genau diese historischen Quellen nutzen sollen, ist unklar. Aber Robitaille scheint generell eher von der historischen Astronomie begeistert zu sein. Eines seiner Argumente st\u00fctzt sich zum Beispiel auf eine alte Aussagen von Hans Bethe:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Early on, Hans Bethe had argued that \u201cno element heavier than 4He can be built up in ordinary stars\u201d [381]. With those words, the Sun was crippled and stripped of its ability to make any element beyond helium.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Es geht um die Frage, wie die Sterne schwere Elemente erzeugen k\u00f6nnen. Das wusste man in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts noch nicht und f\u00fcr Robitaille folgt daraus, dass die Sonne nicht so beschaffen sein kann, wie es behauptet wird:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Concerning nucleosynthesis, proponents of the gaseous models require the improbable. Hobbled by theory, they must claim that first generation stars created the heavy elements. Moreover, they advance that, while mankind has successfully synthesized many elements, the Sun is unable to build anything beyond helium. First generation stars which no longer exist had done all the work. These conclusions, once again, call for the suspension of disbelief. It is much more reasonable to assume that the Sun has the ability to synthesize all the naturally occurring elements, based on their presence in the solar atmosphere.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Dass die Forschung aber in den letzten Jahrzehnten durchaus Fortschritte gemacht hat und recht gut wei\u00df, wie die Elemente in Sternen synthetisiert werden; welche Sterne welche Elemente erzeugen k\u00f6nnen und durch welche Prozesse das passiert, scheint Robitaille entgangen zu sein (dabei w\u00fcrde ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nukleosynthese\">Blick in die Wikipedia<\/a> schon reichen.<\/p>\n<p>Ich will jetzt nicht noch mehr auf die diversen &#8222;Argumente&#8220; eingehen. Robitailles &#8222;Theorie&#8220; unterscheidet sich nicht allzu sehr von diversen anderen physikalischen Privattheorien, die \u00fcberall im Internet auftauchen. Er hat zwar jede Menge wissenschaftlich aussehende Artikel geschrieben, die alle voll sind mit Zitaten, Quellen, Formeln und Diagrammen. Aber bei n\u00e4herer Betrachtung steckt keine harte Physik hinter dieser Fassade. Anstatt einen lange Artikel mit 40 &#8222;Argumenten&#8220; f\u00fcr seine Hypothese zu schreiben, h\u00e4tte es schon gereicht, eine einzige konkrete Beobachtung vorzuschlagen, die einwandfrei zeigen kann, dass Robitailles Modell des fl\u00fcssigen metallischen Wasserstoffs korrekt ist bzw. das bestehende Bild der Sonne falsifiziert. <\/p>\n<p>Alexander Unzicker schreibt in seinem Artikel: <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Geradezu bizarr ist, dass Robitaille im Internet als &#8222;Crank&#8220;, als Spinner, bezeichnet wird, dessen Thesen v\u00f6llig unhaltbar seien, schlie\u00dflich sei er ja kein Astronom, sondern nur Nuklearmediziner.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist falsch. Robitaille wird deswegen als &#8222;Spinner&#8220; bezeichnet, weil seine Thesen unhaltbar SIND. Dass er kein Astronom ist, spielt keine Rolle. Die Astronomie hat in den letzten Jahren durch unz\u00e4hlige Beobachtungen ein recht gutes Bild vom Verhalten der Sterne gewonnen. Wir beobachten, wie sie entstehen, wie sie leben  und wie sie wieder sterben und die theoretischen Vorhersagen der Modelle stimmen mit dem \u00fcberein was wir tats\u00e4chlich beobachten. Auch diverse andere Disziplinen der Astronomie (Spektroskopie, Photometrie, etc) best\u00e4tigen durch viele, viele Beobachtungen das aktuelle Bild der Sonne. Wenn Robitaille das alles widerlegen m\u00f6chte, dann muss er nicht nur viel bessere &#8222;Argumente&#8220; bringen, er muss vor allem auch erkl\u00e4ren, wieso so viele verschiedene Disziplinen mit so vielen verschiedenen Methoden immer und immer wieder zum gleichen Ergebnis kommen.<\/p>\n<p>Robitailles Theorie der fl\u00fcssigen Metallsonne ist aber an sich nicht weiter bemerkenswert. Solche pseudowissenschaftlichen Thesen findet man \u00fcberall im Internet. Viel bemerkenswerte ist, dass <i>Telepolis<\/i> solchen Thesen eine gro\u00dfe B\u00fchne bietet und dann auch noch jemanden wie Alexander Unzicker v\u00f6llig unkritisch dar\u00fcber berichten l\u00e4sst. Selbst wenn man vom seltsamen Inhalt absieht, ist der Artikel meiner Meinung nach auch rein qualitativ v\u00f6llig schlecht. Das Hauptthema ist die Frage, die auch in der \u00dcberschrift gestellt wird: Ist die Sonne gasf\u00f6rmig? Und trotzdem Unzicker lange \u00fcber die angeblich revolution\u00e4ren Ideen von Robitaille schreibt, erf\u00e4hrt man doch nirgends, wie die eigentlich konkret aussehen und was die angebliche Alternative zur gasf\u00f6rmigen Sonne w\u00e4re. Das muss man sich dann selbst zusammensuchen&#8230; Unzicker schreibt auch, dass er mit Astronomen und Physikern \u00fcber das Thema gesprochen hat &#8211; bleibt dann aber vage, was deren konkrete Reaktionen und Aussagen angeht. Ein vern\u00fcnftiger und objektiver Artikel zu so einem Thema h\u00e4tte ein paar echte Zitate namentlicher genannter Wissenschaftler ben\u00f6tigt und nicht nur den Hinweis auf ein Gespr\u00e4ch mit einem &#8222;alten Studienfreund&#8220;.<\/p>\n<p>Der Artikel bei Telepolis hat meines Erachtens nach nichts mit Wissenschaftsjournalismus zu tun; nicht einmal was mit Wissenschaftsberichterstattung. Aber das ist ja leider auch nichts neues. Schon fr\u00fcher gab es bei Telepolis <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/01\/23\/lhcpanikmache-jetzt-auch-bei-telepolis\/\">\u00e4hnlich pseudowissenschaftliche Artikel<\/a> und sogar Leute wie der LHC-Panikmacher Ottor R\u00f6ssler <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/01\/30\/otto-rossler-und-der-lhc-telepolis-macht-sich-weiter-lacherlich-1\/\">durften dort publizieren<\/a>. Ich wei\u00df nicht, wer dort f\u00fcr die Wissenschaft zust\u00e4ndig ist. Aber die f\u00fcr ein seri\u00f6ses Medium n\u00f6tige Distanz zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft scheint mir da nicht gegeben zu sein. \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/c05095f8b2e94153a752c17f6b546ca6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist die Sonne tats\u00e4chlich gasf\u00f6rmig? Ein Artikel bei Telepolis (WebCite) hat in den letzten Tagen zu jeder Menge Anfragen bei mir gef\u00fchrt. Denn darin wird behauptet, dass die Astronomen seit \u00fcber 100 Jahren einer falschen Theorie anh\u00e4ngen und die Sonne in Wahrheit ganz anders beschaffen ist, als alle denken. 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