{"id":21865,"date":"2014-06-26T07:33:31","date_gmt":"2014-06-26T05:33:31","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/06\/26\/das-licht-der-erde-und-der-anblick-des-mondes\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:45","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:45","slug":"das-licht-der-erde-und-der-anblick-des-mondes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/06\/26\/das-licht-der-erde-und-der-anblick-des-mondes\/","title":{"rendered":"Das Licht der Erde und der Anblick des Mondes"},"content":{"rendered":"<p>Der Anblick des Mondes am Himmel ist uns vertraut. Kein Wunder &#8211; der Mond sieht auch immer gleich aus. Von der Erde aus zeigt er uns immer die gleiche H\u00e4lfte (und ja, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/05\/02\/der-mond-dreht-sich-um-seine-achse\/\">er dreht sich trotzdem um seine Achse<\/a>). Die R\u00fcckseite des Mondes haben wir erst gesehen, als 1959 die sowjetische Raumsonde <i>Lunik 3<\/i> dorthin flog und Bilder machte. \u00dcberraschenderweise sah sie ganz anders aus, als die Vorderseite. Ok, es war immer noch der Mond; als im wesentlichen eine leblose Gesteinsw\u00fcste mit jeder Menge Krater. Aber es fehlten die dunklen <i>Maria<\/i>, die &#8222;Meere&#8220;, die wir als gro\u00dfe Flecken auf der Vorderseite beobachten k\u00f6nnen. Die entstanden als der Mond noch jung war und jede Menge Magma \u00fcber seine Oberfl\u00e4che floss. Mittlerweile wissen wir, dass die Kruste auf der uns abgewandten Seite viel dicker ist. Die Dicke der Mondkruste betr\u00e4gt dort circa 150 Kilometer; im Gegensatz zu den knapp 70 Kilometern auf der Vorderseite. Durch diese dicke Kruste konnte fr\u00fcher auch weniger geschmolzenes Gestein an die Oberfl\u00e4che gelangen und darum fehlen dort die Meere. <\/p>\n<p><i>Warum<\/i> aber der Mond so asymmetrisch ist, wei\u00df man nicht. Das <i>&#8222;lunar farside highlands problem&#8220;<\/i>, also die Frage nach dem Ursprung der dickeren Kruste auf der erdabgewandten Seite des Mondes, ist ungel\u00f6st. Aber nat\u00fcrlich gibt es einige plausible Hypothesen und k\u00fcrzlich kam eine besonders \u00fcberzeugende dazu.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_5259\" aria-describedby=\"caption-attachment-5259\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/26131-MoonTopoGeoidUSGS.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/26131-MoonTopoGeoidUSGS.jpg\" alt=\"Topografie des Mondes: Links die zugewandte Seite, rechts die abgewandte Seite (Bild: Mark A. Wieczorek,CC-BY-SA 3.0)\" width=\"500\" height=\"350\" class=\"size-full wp-image-5259\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5259\" class=\"wp-caption-text\">Topografie des Mondes: Links die zugewandte Seite, rechts die abgewandte Seite (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Datei:MoonTopoGeoidUSGS.jpg&#038;filetimestamp=20061118170507\">Bild<\/a>: Mark A. Wieczorek,<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">CC-BY-SA 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine sehr spektakul\u00e4re L\u00f6sung f\u00fcr das Problem habe ich schon im August 2011 vorgestellt. Da haben Astronomen aus der Schweiz und Kalifornien die Entstehung des Mondes am Computer simuliert und gezeigt, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/08\/05\/zwei-monde-sind-einer-zuviel\/\">dass es kurzfristig vielleicht zwei Monde gab<\/a>, die dann zu einem Mond verschmolzen und dabei der Unterschied zwischen Vor- und R\u00fcckseite verursacht wurde. Angesichts der <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/05\/der-mond-entstehung-durch-chaos.php\">chaotischen Entstehungsgeschichte des Mondes<\/a> ist das nicht unm\u00f6glich: Der Mond entstand, als vor 4,5 Milliarden Jahren die noch junge und unfertige Erde mit einem etwa marsgro\u00dfen ebenfalls noch unfertigen Planeten (dem man heute den Namen &#8222;Theia&#8220; gegeben hat) kollidiert ist. Theia wurde dabei v\u00f6llig zerst\u00f6rt und auch ein Teil der Erde hat den Zusammensto\u00df nicht \u00fcberlebt. Aus den Tr\u00fcmmern hat sich dann der Mond gebildet, den wir heute sehen k\u00f6nnen. Und es ist absolut m\u00f6glich, dass die \u00dcberreste des Zusammensto\u00dfes sich nicht sofort zu einem einzigen Mond geformt haben, sondern zuerst zwei oder mehrere kleine Monde gebildet haben, die dann ebenfalls miteinander kollidiert sind.<\/p>\n<p>Aber um das Problem der unterschiedlichen Mondh\u00e4lften zu erkl\u00e4ren, braucht es diesen Umweg \u00fcber einen zweiten Mond gar nicht, wie Arpita Roy und ihre Kollegen von der Pennsylvania State University zeigen konnten. In ihrer Arbeit mit dem Titel <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1406.2020\">&#8222;Earthshine on a Young Moon: Explaining the Lunar Farside Highlands&#8220;<\/a> erkl\u00e4ren die Astronomen, dass es vielleicht die <i>Erde<\/i> war, die den Unterschied zwischen Vorder- und R\u00fcckseite des Mondes verursacht hat.<\/p>\n<p>Die Idee dahinter ist eigentlich ziemlich simpel und von der Art, dass man sich wundert, dass noch niemand vorher darauf gekommen ist. Zuerst haben Roy und ihre Kollegen berechnet, wie lange es gedauert haben muss, bis Erde und Mond nach der Bildung durch die Gezeiten aneinander gebunden waren. Denn die Gezeitenkr\u00e4fte zwischen Erde und Mond sind es ja, die daf\u00fcr gesorgt haben, dass der Mond uns immer die selbe H\u00e4lfte zeigt (ich habe das <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/05\/07\/der-mond-die-gezeiten\/\">hier ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt<\/a>). Damals war der Mond der Erde noch viel n\u00e4her und die Gezeitenkr\u00e4fte entsprechend stark. Schon knapp 100 Tage nach seiner Entstehung w\u00e4re der Mond also durch die Gezeiten &#8222;gefangen&#8220; gewesen und h\u00e4tte seine Rotation so angepasst, das er immer die gleiche H\u00e4lfte in Richtung Erde zeigt.<\/p>\n<p>Es ist auch wenig \u00fcberraschend, dass die Temperaturen damals noch ein wenig h\u00f6her waren. Immerhin hatte die Erde gerade erst eine gewaltige Kollision hinter sich und war noch komplett aufgeschmolzen. Die Kugel aus z\u00e4hfl\u00fcssigen Gestein hatte eine Temperatur von knapp 8000 Grad und das hatte vielleicht auch Folgen f\u00fcr den Mond. Seine Vorderseite bekam die Infrarotstrahlung der hei\u00dfen Erde voll ab und k\u00fchlte deswegen wesentlich langsamer ab als die im Schatten liegende R\u00fcckseite. Dort konnte sich die feste Mondkruste fr\u00fcher bilden und deswegen auch dicker werden als auf der Vorderseite.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15311\" aria-describedby=\"caption-attachment-15311\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Mondaufgang.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Mondaufgang.jpg\" alt=\"Danke Erde! (Bild: Thomas Fietzek, CC-BY-SA 3.0)\" width=\"500\" height=\"342\" class=\"size-medium wp-image-15311\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15311\" class=\"wp-caption-text\">Danke Erde! (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Mondaufgang.jpg\">Bild: Thomas Fietzek<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC-BY-SA 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine elegante und erstaunlich einfache L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem! Aber Eleganz und Einfachheit reichen leider noch nicht, um herauszufinden, ob die Hypothese auch richtig ist. Dazu braucht es vermutlich noch ein paar quantitative Absch\u00e4tzungen (der Artikel von Roy und ihren Kollegen ist mehr eine kurze Notiz als eine komplett ausgearbeitete Theorie) die sich dann mit Beobachtungsdaten und geologischen Untersuchungen von Mondgestein \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Aber es hat irgendwie etwas poetisches, wenn vor Milliarden Jahren das helle Licht der Erde f\u00fcr das Aussehen des Himmelsk\u00f6rpers verantwortlich war, dessen helles Licht wir heute in klaren N\u00e4chten bewundern&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/06b19c1873674deea11c329ee2ca1282\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anblick des Mondes am Himmel ist uns vertraut. Kein Wunder &#8211; der Mond sieht auch immer gleich aus. Von der Erde aus zeigt er uns immer die gleiche H\u00e4lfte (und ja, er dreht sich trotzdem um seine Achse). 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