{"id":21829,"date":"2014-06-16T07:30:34","date_gmt":"2014-06-16T05:30:34","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/06\/16\/wurmloch-oder-schwarzes-loch-was-sitzt-im-zentrum-der-milchstrasse\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:42","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:42","slug":"wurmloch-oder-schwarzes-loch-was-sitzt-im-zentrum-der-milchstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/06\/16\/wurmloch-oder-schwarzes-loch-was-sitzt-im-zentrum-der-milchstrasse\/","title":{"rendered":"Wurmloch oder schwarzes Loch &#8211; Was sitzt im Zentrum der Milchstra\u00dfe?"},"content":{"rendered":"<p>Im Zentrum unserer Milchstra\u00dfen-Galaxie befindet sich ein sogenanntes <i>supermassereiches schwarzes Loch<\/i>. Das wissen wir aus diversen Beobachtungen; zum Beispiel aus der Analyse der Sterne, die sich in der N\u00e4he des Milchstra\u00dfenzentrums bewegen. Aus ihren Bahnen und der Geschwindigkeit mit der sie sich bewegen kann man berechnen, wie gro\u00df die Masse ist <i>um<\/i> die sich bewegen. Und aus der Gr\u00f6\u00dfe der Sternbahnen wei\u00df man, wie viel Raum diese Masse h\u00f6chstens einnehmen kann. Aus Masse und Volumen folgt eine Dichte und die ist so enorm hoch, dass das einzige physikalisch bekannte Objekt mit diesen Eigenschaften nichts anderes ist, als ein schwarzes Loch. Das zentrale schwarze Loch im Zentrum der Milchstra\u00dfe hei\u00dft <i>Sagittarius A*<\/i> und ist 4 Millionen mal massereicher als unsere Sonne! Und auch die anderen Galaxien im Universum haben entsprechend gro\u00dfe schwarze L\u00f6cher in ihren Zentren; teilweise mit noch sehr viel gr\u00f6\u00dferen Massen als Sagittarius A*.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_15225\" aria-describedby=\"caption-attachment-15225\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Chandra_image_of_Sgr_A-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Chandra_image_of_Sgr_A-scaled.jpg\" alt=\"Sagittarius A* im R\u00f6ntgenlicht (Bild: NASA\/CXC\/MIT\/F. Baganoff, R. Shcherbakov et al. )\" width=\"500\" height=\"390\" class=\"size-medium wp-image-15225\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15225\" class=\"wp-caption-text\">Sagittarius A* im R\u00f6ntgenlicht (<a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/multimedia\/imagegallery\/image_feature_1559.html\">Bild: NASA\/CXC\/MIT\/F. Baganoff, R. Shcherbakov et al. <\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Beobachtungen die die Existenz der supermassereichen schwarzen L\u00f6cher belegen, sind ziemlich einwandfrei (siehe zum Beispiel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/06\/28\/der-stern-zum-wochenende-s2\/\">hier<\/a>. Aber naturgem\u00e4\u00df ist es schwer, ein schwarzes Loch direkt zu beobachten. Rein prinzipiell k\u00f6nnte es sich auch um etwas &#8222;anderes&#8220; halten; etwas, das uns so erscheint wie ein schwarzes Loch, aber kein schwarzes Loch ist. <\/p>\n<p>Zum Beispiel ein Wurmloch! Diese M\u00f6glichkeit schlagen zumindest Zilong Li und Cosimo Bambi von der Fudan-Universit\u00e4t in Shanghai vor. Genau so wie schwarze L\u00f6cher sind Wurml\u00f6cher eine m\u00f6gliche L\u00f6sung der Einsteinschen Feldgleichungen aus der Allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie (siehe dazu <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/05\/04\/die-perfekte-theorie-7-wieder-prominent-dank-antigravitation\/\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/05\/05\/die-perfekte-theorie-8-schwarze-loecher-sind-real\/\">hier<\/a>). Ein Wurmloch ist eine Verformung in der Raumzeit, bei der zwei eigentlich weit entfernte Bereiche \u00fcber die &#8222;Abk\u00fcrzung&#8220; des Wurmlochs verbunden sind. <\/p>\n<p>In der Science-Fiction sind Wurml\u00f6cher eine Standard-Zutat und tauchen immer gerne dann auf, wenn man mal eben das Problem mit der \u00fcberlichtschnellen Raumfahrt l\u00f6sen muss. In der Realit\u00e4t hat man bis jetzt allerdings keinerlei Hinweise auf die Existenz von Wurml\u00f6chern gefunden. Ganz im Gegenteil; die aktuellen physikalischen Theorien deuten alle darauf hin, dass es so gut wie unm\u00f6glich ist, k\u00fcnstliche Wurml\u00f6cher zu produzieren, die stabil genug w\u00e4ren, um tats\u00e4chlich mit einem Raumschiff durchfliegen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Aber Zilong und Bambi sprechen in ihrer Arbeit (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1405.1883\">&#8222;Distinguishing black holes and wormholes with orbiting hot spots&#8220;<\/a>) auch nicht davon, Wurml\u00f6cher zu basteln um von Stern zu Stern zu fliegen. Sie fragen sich, ob ein nat\u00fcrliches Wurmloch so erscheinen k\u00f6nnte wie ein schwarzes Loch und ob es m\u00f6glich w\u00e4re, zwischen den beiden Locharten zu unterscheiden. Sie haben daher untersucht, wie sich sogenannte &#8222;Hot Spots&#8220; in der N\u00e4he der L\u00f6cher verhalten.<\/p>\n<p>Damit sind Gaswolken gemeint, die das Loch (welches auch immer) umkreisen und durch diese Bewegung aufgeheizt werden und leuchten. So etwas hat man beim schwarzen Loch im Zentrum unserer Milchstra\u00dfe in der Vergangenheit schon beobachtet (siehe <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/12\/15\/futter-fur-das-schwarze-loch-im-zentrum-der-milchstrasse\/\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/01\/14\/astronomen-beobachten-material-das-in-ein-schwarzes-loch-fallt\/\">hier<\/a>):<\/p>\n<figure id=\"attachment_8846\" aria-describedby=\"caption-attachment-8846\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1a-labels.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1a-labels.jpg\" alt=\"Infrarotaufnahme von Material in der N\u00e4he des zentralen schwarzen Lochs der Milchstra\u00dfe Bild: NASA\/DLR\/USRA\/DSI\/FORCAST Team\/Lau et al. 2013\" width=\"500\" height=\"496\" class=\"size-medium wp-image-8846\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8846\" class=\"wp-caption-text\">Infrarotaufnahme von Material in der N\u00e4he des zentralen schwarzen Lochs der Milchstra\u00dfe (<a href=\"https:\/\/www.sofia.usra.edu\/News\/news_2013\/01_08_13\/index.html\">Bild: NASA\/DLR\/USRA\/DSI\/FORCAST Team\/Lau et al. 2013<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zilong und Bambi haben nun berechnet und am Computer simuliert, wie sich das Licht in unmittelbarer N\u00e4he der L\u00f6cher bewegt. Die starken Gravitationskr\u00e4fte beeinflussen ja auch die Ausbreitung des Lichts und damit das, was wir sehen k\u00f6nnen. Das Licht wird quasi &#8222;verschmiert&#8220; und wie stark das passiert, h\u00e4ngt von der Gr\u00f6\u00dfe des Lochs ab. Die Gr\u00f6\u00dfe dessen, was wir &#8222;schwarzes Loch&#8220; nennen, wird durch den <i>Ereignishorizont<\/i> definiert, also genau dem Abstand vom Zentrum des Lochs ab dem die Gravitationskraft so stark wird, das nichts mehr entkommen kann. Dieser Ereignishorizont ist keine physische Grenze; w\u00fcrde man sich im All befinden und den Horizont \u00fcberschreiten, w\u00fcrde man nichts davon bemerken (erst wenn man wieder umdrehen und sich entfernen m\u00f6chte, wird es kritisch&#8230;). Aber er definiert die &#8222;Gr\u00f6\u00dfe&#8220; des schwarzen Lochs und ist um so gr\u00f6\u00dfer, je massereicher das Loch ist.<\/p>\n<p>Ein Wurmloch hat nun aber einen <i>kleineren<\/i> Ereignishorizont als ein entsprechendes schwarzes Loch und daher wird auch das Licht in seiner N\u00e4he ein wenig anders beeinflusst. Und theoretisch w\u00fcrde sich dieser Unterschied beobachten lassen:<\/p>\n<figure id=\"attachment_15224\" aria-describedby=\"caption-attachment-15224\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bhvswm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bhvswm.jpg\" alt=\"Beobachtbare Bewegung eines Hot Spots um ein Wurmloch (links) und ein schwarzes Loch (rechts) - Bild: Zilong &amp; Bambi, 2014\" width=\"500\" height=\"475\" class=\"size-medium wp-image-15224\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15224\" class=\"wp-caption-text\">Beobachtbare Bewegung eines Hot Spots um ein Wurmloch (links) und ein schwarzes Loch (rechts) &#8211; <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1405.1883\">Bild: Zilong &#038; Bambi, 2014<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Instrument, das gut genug w\u00e4re, um solche Beobachtungen anzustellen, ist das <a href=\"https:\/\/www.mpe.mpg.de\/ir\/gravity\">Gravity-Interferometer<\/a>, das vermutlich 2015 seinen Betrieb am Very Large Telescope (VLT) der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte in Chile aufnehmen wird. Dann wird man die Umgebung des Ereignishorizonts genau beobachten k\u00f6nnen und vielleicht tats\u00e4chlich die von Zilong und Bambi angesprochenen Unterschiede bemerken. <\/p>\n<p>Oder auch nicht. Denn das alles klingt nat\u00fcrlich erst mal stark nach wilder Science-Fiction. Klar, Wurml\u00f6cher sind prinzipiell nicht unm\u00f6glich. Aber sie sind schon <i>sehr<\/i> exotische Objekte und bis jetzt haben wir keinen Hinweis auf ihre Existenz entdeckt. Aber, und das ist der interessante Punkt, wenn sie wirklich in den Zentren der Galaxien sitzen, w\u00fcrde das eine der gro\u00dfen ungel\u00f6sten Fragen der Astronomie beantworten.<\/p>\n<p>Denn bis jetzt wei\u00df noch niemand wirklich so genau, wie die supermassereichen schwarzen L\u00f6cher entstanden sind. Dass sie aus dem Kollaps entsprechend gigantischer Gaswolken entstanden sind, ist \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich. Wenn, dann m\u00fcssten sie gewachsen sein. Sie m\u00fcssten also also &#8222;normale&#8220; (aber was ist an den Dingern schon normal?) schwarze L\u00f6cher beim Tod eines Sterns entstanden und dann im Laufe der Zeit durch die Akkretion von Materie immer weiter angewachsen sein. Das ist nicht unplausibel, weil ja in den Zentren der Galaxien die Sterne vergleichsweise dicht beieinander stehen. Aber das Wachsen braucht Zeit. Und wenn wir die fernsten Galaxien beobachten, die ja gleichzeitig auch die j\u00fcngsten sind, also diejenigen, die schon kurz nach dem Urknall entstanden sind, dann sehen wir, dass es auch damals schon enorm massereiche schwarze L\u00f6cher gab. So massereich, dass die Zeit eigentlich nicht gereicht haben kann, um ausreichend zu wachsen.<\/p>\n<p>Eine abschlie\u00dfende Antwort auf die Herkunft der supermassereichen schwarzen L\u00f6cher hat derzeit niemand. Aber <i>Wurml\u00f6cher<\/i> w\u00e4ren schon unmittelbar nach dem Urknall selbst entstanden; quasi <i>mit<\/i> dem Urknall. Wurml\u00f6cher sind primordiale Objekte und w\u00e4ren von Anfang an da gewesen, ohne die Notwendigkeit erst lange zu wachsen. <\/p>\n<p>Wie so oft in den Grenzgebieten der Wissenschaft l\u00e4uft es darauf hinaus, dass wir mehr Daten brauchen. Aber die sind in diesem Fall zum Gl\u00fcck in Reichweite. Vielleicht werden wir bald erfahren, was da wirklich im Zentrum unserer Galaxie sitzt&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a767794a843e4037975f88030afd2e78\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zentrum unserer Milchstra\u00dfen-Galaxie befindet sich ein sogenanntes supermassereiches schwarzes Loch. Das wissen wir aus diversen Beobachtungen; zum Beispiel aus der Analyse der Sterne, die sich in der N\u00e4he des Milchstra\u00dfenzentrums bewegen. Aus ihren Bahnen und der Geschwindigkeit mit der sie sich bewegen kann man berechnen, wie gro\u00df die Masse ist um die sich bewegen. 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