{"id":21708,"date":"2014-05-13T09:03:20","date_gmt":"2014-05-13T07:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/05\/13\/bloggen-als-wissenschaftler-am-besten-nicht-mal-in-der-freizeit\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:21","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:21","slug":"bloggen-als-wissenschaftler-am-besten-nicht-mal-in-der-freizeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/05\/13\/bloggen-als-wissenschaftler-am-besten-nicht-mal-in-der-freizeit\/","title":{"rendered":"Bloggen als Wissenschaftler? Am besten nicht mal in der Freizeit!"},"content":{"rendered":"<p>Als Autor eines Wissenschaftsblogs kann ich nat\u00fcrlich nur der Meinung sein, dass es sich f\u00fcr Wissenschaftler lohnt, zu bloggen. Und diese Meinung habe ich hier auch schon oft genug ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet. Wenn Wissenschaftler \u00fcber Wissenschaft bloggen, dann ist das \u00d6ffentlichkeitsarbeit und \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist enorm wichtig! Auch und vor allem f\u00fcr die Wissenschaft selbst, denn je mehr Menschen \u00fcber ein bestimmtes Forschungsgebiet Bescheid wissen; je mehr Menschen verstehen, wie wichtig es ist diese bestimmte Art von Forschung durchzuf\u00fchren, desto gr\u00f6\u00dfer sind auch die Chancen, F\u00f6rdergelder zu bekommen bzw. bei K\u00fcrzungen von Seiten der Politik verschont zu werden. Denn gek\u00fcrzt wird nat\u00fcrlich eher dort, wo sich die \u00d6ffentlichkeit nicht gro\u00dfartig aufregt&#8230; Man sollte also meinen, dass der Wert der \u00d6ffentlichkeitsarbeit auch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft selbst anerkannt wird und die Wissenschaftler sich freuen, wenn Kolleginnen und Kollegen sich auf diesen Gebiet engagieren. Ja, das sollte man meinen. Aber die Realit\u00e4t sieht leider anders aus. Wer sich mit \u00d6ffentlichkeitsarbeit besch\u00e4ftigt oder ein gar ein Blog schreibt, der schadet damit im schlimmsten Fall der eigenen Karriere. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_14686\" aria-describedby=\"caption-attachment-14686\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Paul_Cezanne_Les_joueurs_de_carte_1892-95.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Paul_Cezanne_Les_joueurs_de_carte_1892-95.jpg\" alt=\"Freizeit sollte man sich als Wissenschaftler gar nicht erst angew\u00f6hnen! (Bild: Paul C\u00e9zanne, Les joueurs de carte, public domain)\" width=\"500\" height=\"416\" class=\"size-medium wp-image-14686\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14686\" class=\"wp-caption-text\">Freizeit sollte man sich als Wissenschaftler gar nicht erst angew\u00f6hnen! (Bild: Paul C\u00e9zanne, Les joueurs de carte, public domain)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das ist nichts Neues, leider. Aber neu &#8211; zumindest f\u00fcr mich &#8211; ist es, wenn man die Ablehnung des Engagements f\u00fcr \u00d6ffentlichkeits auch ganz konkret und \u00f6ffentlich mitgeteilt bekommt, wie es der Professor der Mikrobiologie Jonathan Eisen <a href=\"https:\/\/blog.peerj.com\/post\/84300442958\/blog-about-science-kiss-your-grant-proposal-goodbye\">erlebt hat<\/a>. Er hat einen F\u00f6rderantrag gestellt. Und er <a href=\"https:\/\/phylogenomics.blogspot.de\/\">bloggt<\/a>. Keine gute Idee, wie sich zeigte, als die Gutachter den F\u00f6rderantrag beurteilten und schrieben:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Outstanding group of individuals, and the organizational and management structure appears sound with clear roles and responsibilities of theme faculty. There is a large focus on developing this for microbiome research, but Eisen seems to be the only team member with this expertise, and may not have the bandwidth to coordinate this on such a large project alone, especially given his high time commitment to his blog.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Der F\u00f6rderantrag wurde also abgelehnt, weil Prof. Eisen in den Augen der Gutachter zu viel Zeit f\u00fcr sein Blog verwendet und deswegen nicht in der Lage sei, das Projekt entsprechend zu betreuen. In diesem Video spricht Eisen noch einmal selbst (u.a.) \u00fcber die Ablehnung des Antrags und seine Reaktion darauf:<\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" frameborder=\"0\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/B8rnZrCgcFI?start=557\" width=\"480\"><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>Das Argument mit der mangelnden Zeit f\u00fcr die Projektbetreuung ist nat\u00fcrlich absurd. Denn es impliziert, dass Eisen rund um die Uhr f\u00fcr die Betreuung des Projekts zur Verf\u00fcgung stehen m\u00fcsste und keine anderen Hobbys mehr haben d\u00fcrfte (eine Meinung, die leider in der wissenschaftlichen Gemeinschaft <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/10\/11\/junge-wissenschaftler-brauchen-doch-eh-kein-privatleben\/\">auch weit verbreitet ist<\/a>). Aber normalerweise sollte man davon ausgehen, dass Wissenschaftler auch irgendwann mal aus dem Labor nach Hause gehen und dort <i>ein Privatleben haben<\/i> in dem sie dann eben machen k\u00f6nnen, was sie wollen. Zum Beispiel bloggen (Dass die Arbeit an einem Wissenschaftsblog aber nat\u00fcrlich auch ein integraler Teil der wissenschaftlichen Arbeit ist und deswegen durchaus w\u00e4hrend der normalen Arbeitszeit stattfinden k\u00f6nnte ist ein anderes Thema). Aber das darf offensichtlich nicht sein; laut den Gutachtern h\u00e4tte Eisen offensichtlich auch seine Freizeit f\u00fcr die Arbeit am Forschungsprojekt bereit halten sollen.<\/p>\n<p>Dieser Einstellung bin ich selbst auch oft begegnet. Mittlerweile bin ich hauptberuflicher Wissenschaftsautor und mein eigener Chef. Aber ich habe auch jahrelang als Wissenschaftler an diversen Universit\u00e4ten gearbeitet und mich dabei um \u00d6ffentlichkeitsarbeit gek\u00fcmmert bzw. mein Blog geschrieben. Und auch hier wurde mir von einem Vorgesetzten ganz explizit gesagt, ich solle doch weniger bloggen, denn sonst s\u00e4he es so aus, als w\u00fcrde die Universit\u00e4t einen Blogger besch\u00e4ftigen. Ob die Arbeit am Blog in meiner Freizeit stattfand oder nicht, spielte offensichtlich keine Rolle. Es ging nur darum, nicht den Anschein zu erwecken, ich w\u00fcrde meine Zeit <i>nicht<\/i> vollst\u00e4ndig der Forschung widmen. H\u00e4tte ich in meiner Freizeit im Keller Briefmarken sortiert, w\u00e4re das wohl kein Problem gewesen. Aber mein Blog ist \u00f6ffentlich und jeder kann sehen, dass ich blogge. \u00d6ffentlich zu bekennen, dass man ein Privatleben hat und sich nicht voll und ganz der Wissenschaft verschrieben hat, ist keine gute Idee. Und leider gilt eben auch die Wissenschaftsvermittlung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit allzu oft nur als &#8222;Privatvergn\u00fcgen&#8220; mit dem sich ein Wissenschaftler nur dann besch\u00e4ftigt, wenn er <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/10\/30\/wissenschaftskommunikation-muss-sich-lohnen\/\">sonst nichts besseres oder wichtigeres zu tun<\/a> hat.<\/p>\n<p>Mich w\u00fcrde interessieren, wie weit verbreitet diese Einstellung tats\u00e4chlich ist. Vielleicht hat jemand aus der Leserschaft schon mal etwas \u00e4hnliches erlebt? Ich w\u00fcrde mich freuen, eure Geschichten zu h\u00f6ren. Noch mehr freuen w\u00fcrde ich mich nat\u00fcrlich, wenn es keinen Grund mehr g\u00e4be diese Geschichten zu erz\u00e4hlen. Aber da wird sich wohl so schnell nichts \u00e4ndern&#8230; \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/cd2067a94cbc4bab9e504984bfb8b6cc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Autor eines Wissenschaftsblogs kann ich nat\u00fcrlich nur der Meinung sein, dass es sich f\u00fcr Wissenschaftler lohnt, zu bloggen. Und diese Meinung habe ich hier auch schon oft genug ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet. Wenn Wissenschaftler \u00fcber Wissenschaft bloggen, dann ist das \u00d6ffentlichkeitsarbeit und \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist enorm wichtig! 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