{"id":21663,"date":"2014-04-23T14:27:06","date_gmt":"2014-04-23T12:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/04\/23\/antarktische-luft-erlaubt-einen-blick-auf-den-infrarothimmel-ueber-der-chilenischen-wueste\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:18","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:18","slug":"antarktische-luft-erlaubt-einen-blick-auf-den-infrarothimmel-ueber-der-chilenischen-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/04\/23\/antarktische-luft-erlaubt-einen-blick-auf-den-infrarothimmel-ueber-der-chilenischen-wueste\/","title":{"rendered":"Antarktische Luft erlaubt einen Blick auf den Infrarothimmel \u00fcber der chilenischen W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p>Astronomen schauen zum Himmel. Sie m\u00fcssen schauen, denn ihre Forschungsobjekte sind zu weit entfernt, um irgendetwas anderes zu tun. Zum Gl\u00fcck haben die Astronomen im Laufe der Zeit gelernt, sehr genau zu schauen und haben sehr kreative Wege gefunden, um aus dem Licht eine Vielzahl an Informationen herauszuholen. Sie k\u00f6nnen das Alter von Sternen bestimmen; ihre Zusammensetzung, ihre Entfernung und ihre Masse. Sie finden heraus, ob es dort Planeten gibt und wie sie entstanden sind. Sie sehen schwarze L\u00f6cher, unsichtbare Materie und das Licht des Urknalls. Und all das ist unter anderem nur deswegen m\u00f6glich, weil die Astronomen den Himmel schon l\u00e4ngst nicht mehr nur mit ihren Augen beobachten. Sie haben sich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/10\/28\/die-vielen-augen-der-astronomen\/\">viele neue Augen<\/a> gebaut, mit denen sie auch all das Licht sehen k\u00f6nnen, das f\u00fcr uns normalerweise unsichtbar ist: Das Radiolicht, die kosmische R\u00f6ntgenstrahlung, die Mikrowellen aus dem All oder die Ultraviolett- und Infrarotstrahlung, die von den Himmelsk\u00f6rpern ausgeht. Daf\u00fcr muss man sich meistens in den Weltraum begeben, denn die Atmosph\u00e4re der Erde blockiert viele dieser Wellenl\u00e4ngen und l\u00e4sst nur einen kleinen Teil durch. Aber manchmal tun sich ganz \u00fcberraschend Fenster am Himmel auf&#8230;<\/p>\n<p>Infrarotstrahlung ist f\u00fcr die Astronomen besonders wichtig. Viele Dinge &#8211; zum Beispiel den Staub, aus dem Sterne und Planeten entstehen &#8211; lassen sich nur durch die Infrarotstrahlung beobachten. Aber leider sorgt der viele Wasserdampf in der Atmosph\u00e4re daf\u00fcr, dass die Infrarotstrahlung aus dem All blockiert wird. Wenn \u00fcberhaupt, dann braucht man sehr hochgelegene und sehr trockene Regionen, um sie beobachten zu k\u00f6nnen. Das geht zum Beispiel vom S\u00fcdpol aus oder anderen hochgelegenen W\u00fcsten. <\/p>\n<figure id=\"attachment_14577\" aria-describedby=\"caption-attachment-14577\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/paranal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/paranal.jpg\" alt=\"Die ESO-Sternwarte am Cerro Paranal in der chilenischen W\u00fcste. Sieht trocken aus, ist aber nicht trocken genug (Bild: ESO\/Jos\u00e9 Francisco Salgado (josefrancisco.org))\" width=\"500\" height=\"237\" class=\"size-medium wp-image-14577\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14577\" class=\"wp-caption-text\">Die ESO-Sternwarte am Cerro Paranal in der chilenischen W\u00fcste. Sieht trocken aus, ist aber nicht trocken genug (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/potw1101a\/\">Bild: ESO\/Jos\u00e9 Francisco Salgado (josefrancisco.org)<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Meteorologie beschreibt man die Menge an Wasser, das sich in der Atmosph\u00e4re befindet als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ausf%C3%A4llbares_Niederschlagswasser\">ausf\u00e4llbares Niederschlagswasser<\/a>. Man definiert eine S\u00e4ule, die vom Erdboden durch die gesamte Atmosph\u00e4re reicht und stellt sich vor, das gesamte Wasser darin w\u00fcrde kondensieren und fl\u00fcssig sein. Die H\u00f6he des Wasserstands in dieser fiktiven S\u00e4ule ist das &#8222;ausf\u00e4llbare Niederschlagswasser&#8220;. Dieser Wert ist wichtig, wenn man zum Beispiel bestimmen will, wie viel Wasser bei einem Gewitter zu Boden fallen kann, ob es Springfluten geben kann, und so weiter. Das k\u00f6nnen hier bei uns durchaus auch Mal 30 bis 40 Millimeter ausf\u00e4llbares Niederschlagswasser sein. In der chilenischen W\u00fcste, wo die gro\u00dfen Teleskope der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte ESO stehen, sind es durchschnittlich 2,4 Millimeter und das ist schon ziemlich wenig &#8211; aber nicht wenig genug, um hochgenaue Infrarotastronomie zu betreiben. Dazu braucht es extrem trockene Luft mit ungef\u00e4hr 0,1 Millimeter ausf\u00e4llbaren Niederschlagswasser, und das findet man selten auf der Erde.<\/p>\n<p>In der Nacht vom 5. Juli 2012 geh\u00f6rte die Paranal-Sternwarte der ESO in der 2635 Meter hoch gelegenen Atacama-W\u00fcste allerdings dazu. In dieser Nacht hat man dort Werte gemessen, die noch unter 0,1 mm ausf\u00e4llbares Niederschlagswasser fielen:<\/p>\n<figure id=\"attachment_14576\" aria-describedby=\"caption-attachment-14576\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/pwveso.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/pwveso.png\" alt=\"Bild: Kerber et al, 2014\" width=\"500\" height=\"393\" class=\"size-medium wp-image-14576\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14576\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.eso.org\/sci\/publications\/messenger\/archive\/no.155-mar14\/messenger-no155.pdf\">Bild: Kerber et al, 2014<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Diagramm zeigt die Messung des ausf\u00e4llbaren Niederschlagswassers (PWV) im Laufe der Nacht vom 5. auf 6. Juli 2012. Die Daten stammen aus einem Artikel von Florian Kerber von der ESO und seinen Kollegen, der in der aktuellen Ausgabe Nr. 155 des <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/sci\/publications\/messenger\/\">ESO Messenger<\/a> ver\u00f6ffentlicht wurden: <i>&#8222;Antarctic Air Visits Paranal \u2014 Opening New Science Windows&#8220;<\/i> (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/sci\/publications\/messenger\/archive\/no.155-mar14\/messenger-no155.pdf\">hier online<\/a>). Man erkennt gut, wie der PWV-Wert (&#8222;precipitable water vapour&#8220;) kurz nach Sonnenuntergang am 5. Juli sehr stark sinkt und dann noch bis nach Sonnenaufgang unterhalb von 0,15 Millimeter bleibt. Der Grund daf\u00fcr war extrem trockene Luft aus der Antarktis, die nach Norden getrieben war und \u00fcber der Sternwarte der ESO kurz ein Fenster zum Infrarothimmel ge\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>Kerber und seine Kollegen beschreiben, dass man unter diesen Bedingungen mit den Instrumenten der ESO jede Menge interessante Beobachtungen anstellen k\u00f6nnte, die sonst nicht m\u00f6glich sind. Und sie haben in den Wetterarchiven nachgesehen und herausgefunden, dass solche Bedingungen immerhin ein- bis zweimal pro Jahr \u00fcber der chilenischen W\u00fcste auftreten. Es k\u00f6nnte sich also lohnen, entsprechende Beobachtungsprogramme vorbereitet zu haben, um sie dann kurzfristig durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, wenn sich wieder einmal ein entsprechendes Fenster im Infrarothimmel \u00fcber den Teleskopen der ESO auftut.<\/p>\n<p>Wenn man die fernen Sterne beobachten will, dann lohnt es sich also, auch auf das St\u00fcckchen Atmosph\u00e4re zu achten, das direkt vor unserer Nase h\u00e4ngt&#8230;<\/p>\n<p><i>(Und \u00fcbrigens: Den ESO Messenger kann man <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/sci\/publications\/messenger\/messenger-subscription-form.html\">kostenlos abonnieren<\/a> &#8211; er enth\u00e4lt aber zum gr\u00f6\u00dften Teil wissenschaftliche Fachartikel, die f\u00fcr Laien vermutlich wenig interessant sind)<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/79aaee934ec0414f98d7a5632acbc47e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Astronomen schauen zum Himmel. 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