{"id":21640,"date":"2014-04-16T09:29:30","date_gmt":"2014-04-16T07:29:30","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/04\/16\/ist-skeptischer-aktivismus-kontraproduktiv\/"},"modified":"2025-05-14T16:14:16","modified_gmt":"2025-05-14T14:14:16","slug":"ist-skeptischer-aktivismus-kontraproduktiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/04\/16\/ist-skeptischer-aktivismus-kontraproduktiv\/","title":{"rendered":"Ist skeptischer Aktivismus kontraproduktiv?"},"content":{"rendered":"<p>Ich gelte ja als Teil der &#8222;skeptischen Bewegung&#8220;, obwohl ich kein Mitglied in irgendeiner &#8222;Skeptikerorganisation&#8220; bin. Das ist durchaus Absicht (dazu sp\u00e4ter mehr). Und in letzter Zeit habe ich mir immer \u00f6fter Gedanken \u00fcber bestimmte Aktionen der organisierten Skeptiker gemacht. Ein Artikel von <i>Hayley Stevens<\/i> hat mich nun dazu motiviert, diese Gedanken auch einmal aufzuschreiben. Zuerst empfehle ich euch aber, den Artikel von Hayley zu lesen &#8211; macht es wirklich, es lohnt sich: <a href=\"https:\/\/hayleyisaghost.co.uk\/taking-out-garbage\/\">&#8222;Taking out the garbage: on approaching Skeptical Activism&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, das in Worte zu fassen, was mich bewegt beziehungsweise was mich an einigen Aspekten des organisierten Skeptikertums st\u00f6rt. Mir war es von Anfang an wichtig &#8211; und ist es noch &#8211; bei meiner Arbeit auch \u00fcber Pseudowissenschaft, Esoterik und verwandte Themen zu sprechen. Wenn man Wissenschaft vermitteln will, dann muss man sich meiner Meinung nach auch zwangsl\u00e4ufig damit besch\u00e4ftigen, was keine Wissenschaft ist, aber so tut als w\u00e4re es Wissenschaft oder in den Augen der \u00d6ffentlichkeit oft mit Wissenschaft verwechselt wird. Astrologie ist da zum Beispiel ein klassischer Fall aus meinem Arbeitsgebiet; genau so wie die diversen astronomisch motivierten Weltuntergangstheorien, die ebenfalls alle behaupten, aus wissenschaftlichen Untersuchungen zu resultieren.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr sehr wichtig, solche Themen auch \u00f6ffentlich anzusprechen, wie ich das k\u00fcrzlich zum Beispiel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/02\/23\/astrologie-propagande-im-technischen-museum-wien\/\">im Fall der Astrologie-Veranstaltung im Technischen Museum der Stadt Wien<\/a> oder bei der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/11\/11\/der-angriff-der-saurewolke-aus-dem-weltraum\/\">angeblich von Astronomen entdeckten weltzerst\u00f6renden S\u00e4urewolke<\/a> gemacht habe. Diese Art der Information ist wichtig und richtig und je mehr Menschen sich damit besch\u00e4ftigen, desto besser.<\/p>\n<p>Aber ich bezweifle, ob es n\u00f6tig ist, sich daf\u00fcr extra in speziellen Vereinen und Gruppen zu organisieren. Ich habe immer mehr das Gef\u00fchl, dass dadurch in den Augen der \u00d6ffentlichkeit ein falscher Eindruck entsteht. Jedesmal wenn Skeptikergruppen \u00f6ffentlich auftreten &#8211; zum Beispiel wie k\u00fcrzlich bei der <a href=\"https:\/\/www.gwup.org\/infos\/veranstaltungen\/veranstaltungskalender\/view\/792\">hom\u00f6opathischen \u00dcberdosis-Aktion<\/a> &#8211; dann schaffen sie damit nat\u00fcrlich Aufmerksamkeit f\u00fcr ihre Sache und das ist an sich keine schlechte Idee. Aber ich bin mir nicht sicher, ob damit auch die Menschen erreicht werden, die eigentlich erreicht werden sollen.<\/p>\n<p>Das sind, in diesem Fall, nat\u00fcrlich nicht die Hom\u00f6opathen selbst, die sich von so einer Aktion nat\u00fcrlich weder beeindrucken und schon gar nicht umstimmen lassen. Zielgruppe sollten die Menschen sein, die sich bisher \u00fcber Hom\u00f6opathie noch kaum Gedanken gemacht haben; vielleicht auch nicht mal so genau wissen, was da eigentlich dahinter steckt und dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt werden sollen, dass es sich bei den Globuli eben nicht um echte Medizin handelt, sondern um wirkungslose Zuckerkugeln die auf abergl\u00e4ubischen und esoterischen Prinzipien basieren. Aber erreicht man diese Menschen wirklich? <\/p>\n<p>Oder verst\u00e4rkt man durch den Aktivismus in den Augen der \u00d6ffentlichkeit nur das Bild zweier einander gegen\u00fcberstehender extremer Gruppen. Auf der einen Seite sind die &#8222;Esoterikspinner&#8220; und auf der anderen stehen die &#8222;Skeptiker, die gegen alles sind&#8220;. Je \u00f6fter Skeptiker organisiert in der \u00d6ffentlichkeit gegen Esoterik und Pseudowissenschaft auftreten, desto mehr sieht es so aus, als sei &#8222;skeptisch sein&#8220; etwas, das irgendwie besonders und au\u00dfergew\u00f6hnlich ist; etwas, das nur wenige Menschen machen (wollen) und sich deswegen in Vereinen zusammenschlie\u00dfen um das dort zu tun. Aus Sicht der Menschen, die man eigentlich erreichen will, ergibt sich das Bild von zwei extremen Gruppierungen die einander unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehen, mit den &#8222;normalen&#8220; Menschen in der Mitte. Die Situation l\u00e4sst sich vielleicht mit zwei rivalisierenden Fu\u00dfball-Ultrafangruppen vergleichen, die einander im Stadium aggressive Sprechch\u00f6re an den Kopf werfen und die breite Masse der restlichen Fans will eigentlich nur das Spiel sehen und ist froh weder mit den einen noch mit den anderen etwas zu tun zu haben.<\/p>\n<p>Dabei ist die Realit\u00e4t ja v\u00f6llig anders. &#8222;Skeptisch sein&#8220; oder &#8222;vern\u00fcnftig denken&#8220; ist nichts, wozu ein Verein n\u00f6tig w\u00e4re. Es ist einfach eine Art, die Welt zu betrachten und eine Art, die eigentlich der Normalfall sein sollte. Es geht darum, rational \u00fcber Dinge nachzudenken; nicht gleich immer auf den ersten Eindruck zu vertrauen; sich nicht verarschen zu lassen und auch seine eigene Wahrnehmung und die eigenen Motive zu hinterfragen. Es ist eine Art, die Welt zu betrachten, die vermutlich die meisten Menschen f\u00fcr sinnvoll halten. Es ist eben nur schwer, sie konsequent umzusetzen und deswegen lohnt es sich, sich immer wieder damit zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Die Organisation in speziellen skeptischen Vereinen oder &#8222;anti-esoterischen&#8220; Gruppen hilft dabei aber meiner Meinung nach haupts\u00e4chlich den Skeptikern selbst. Egal welchen Besch\u00e4ftigungen oder Hobbys man nachgeht: Es ist immer sch\u00f6n, wenn man gleichgesinnte Menschen trifft und sich gemeinsam mit den Dingen besch\u00e4ftigt, die man gerne tut. Genau aus diesen Gr\u00fcnden gibt es Sportvereine, Modellbauvereine, Tanzgruppen, Literaturzirkel, Hackerspaces, und so weiter. Und wenn sich Menschen, die gerne \u00fcber Esoterik und Pseudowissenschaft diskutieren in Vereinen und Gruppen zusammenschlie\u00dfen, dann gibt es daran nat\u00fcrlich nichts auszusetzen. Aber aus meiner Sicht ist eben &#8222;vern\u00fcnftig denken&#8220; kein Hobby und wenn der skeptische Aktivismus quasi zum Vereinssport wird, ist das meiner Meinung nach eher kontraproduktiv.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14515\" aria-describedby=\"caption-attachment-14515\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/dog.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/dog.jpg\" alt=\"Man kann auch mal den Skeptizismus skeptisch betrachten...\" width=\"492\" height=\"568\" class=\"size-full wp-image-14515\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14515\" class=\"wp-caption-text\">Man kann auch mal den Skeptizismus skeptisch betrachten&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vielleicht liegt mein Problem mit dem Aktivismus auch daran, dass ich mich nie sonderlich viel mit den &#8222;klassischen&#8220; Skeptikerthemen besch\u00e4ftigt habe. Ich war nie sehr an Geistern, Hexen, dem Yeti, dem Monster von Loch Ness, UFOs, Bigfoot, Gedankenlesen, PSI-Kram und \u00e4hnlichen Dingen interessiert. Ich wollte den Menschen immer einfach nur erz\u00e4hlen, wie faszinierend die <i>echte<\/i> Welt sein kann; wie spannend die <i>echte<\/i> Wissenschaft ist und wie lohnend es sein kann, mehr \u00fcber das Universum heraus zu finden, in dem wir leben. Und genau diese Motivation treibt ja auch die Esoteriker und Pseudowissenschaftler an! Sie wollen die Welt ebenfalls verstehen, erkl\u00e4ren und anderen davon erz\u00e4hlen &#8211; sie haben nur irgendwo unterwegs eine andere Abzweigung genommen. Dar\u00fcber spricht ja auch Carl Sagan <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/08\/22\/die-kostbare-wissenschaft\/\">im ersten Kapitel seines Buchs &#8222;Der Drache in meiner Garage&#8220;<\/a>, als er von der Begegnung mit einem Taxifahrer berichtet, der Anh\u00e4nger diverser pseudowissenschaftlicher und esoterischer Thesen war:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Mr. \u201cBuckley\u201d \u2013 well-spoken, intelligent, curious \u2013 had heard virtually nothing of modern science. He had a natural appetite for the wonders of the universe. He wanted to know about science. It\u2019s just that all the science had gotten filtered out before it reached him. Our cultural motifs, our educational system, our communications media have failed this man. What the society permitted to trickle through was mainly pretense and confusion. It had never taught him how to distinguish real science from the cheap imitation. He knew nothing about how science works.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Die letzten beiden S\u00e4tze fassen meine Motivation ziemlich gut zusammen: Viele Menschen k\u00f6nnen echte Wissenschaft von der billigen Imitation der Pseudowissenschaft nicht unterscheiden, meist ohne eigenes Verschulden. Sie wissen nicht, was Wissenschaft ist und wie sie arbeitet. Diese Menschen sind genau so daran interessiert die Welt zu verstehen wie alle anderen. Und irgendein Aktivismus hilft ihnen dabei nicht weiter, sondern best\u00e4rkt sie h\u00f6chstens noch in den Vorurteilen \u00fcber Wissenschaft, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet haben. <\/p>\n<p>Nur damit kein falscher Eindruck entsteht (oder gleich wieder irgendwo irgendwelche Verschw\u00f6rungstheorien entstehen): Ich habe keinen Streit mit Gruppen wie der <a href=\"https:\/\/www.gwup.org\/\">Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaft (GWUP)<\/a>; ich schreibe diesen Artikel hier nicht, weil ich mich dort mit irgendwem gezofft h\u00e4tte; mich an irgendwem f\u00fcr irgendwas &#8222;r\u00e4chen&#8220; will oder die Leute dort f\u00fcr doof und unf\u00e4hig halte. Die Leute, die ich dort pers\u00f6nlich kenne, sind alle sehr nett und sehr engagiert. Ich denke, die GWUP leistet gute Arbeit, wenn es um das Bereitstellen von Informationen und Kontakte zu den Medien geht &#8211; ich bin halt nur nicht davon \u00fcberzeugt, dass <i>skeptischer Aktivismus<\/i> viel mehr bewirkt als Spa\u00df und verst\u00e4rkten Zusammenhalt innerhalb der organisierten Skeptikergruppen. <\/p>\n<p>Genausowenig bringt es etwas, einzelne Leute pers\u00f6nlich aktiv und aggressiv anzugreifen, wie das Hayley Stevens in ihrem Blog beschrieben hat und wie das an den R\u00e4ndern der skeptischen Szene (zB in diversen Facebook-Gruppen) auch hier immer wieder mal vorkommt. Sich \u00fcber konkrete Hom\u00f6opathen, Esoteriker und Pseudowissenschaftler \u00f6ffentlich lustig zu machen, mag spa\u00dfig sein und hilfreich, wenn man Frust abbauen will. Genau so wie ausufernden &#8222;Diskussionen&#8220; (die man besser einfach &#8222;Streit&#8220; nennen sollte) zwischen Skeptikern und Esoterikern in Internetforen, sozialen Medien und Kommentarspalten. Aber in Sachen Aufkl\u00e4rung hilft es nicht weiter. <\/p>\n<p>Ich halte es weiterhin f\u00fcr sehr wichtig, esoterische und pseudowissenschaftliche Themen nicht einfach zu ignorieren. Man muss sich damit besch\u00e4ftigen, wenn man Wissenschaft vermitteln will und ich werde mich so wie bis jetzt auch weiterhin damit besch\u00e4ftigen und in meinem Blog und anderswo \u00fcber Astrologie u.\u00e4. sprechen. Und je mehr Menschen das ebenfalls tun, um so besser. Aber meiner Meinung nach muss man sehr aufpassen, dass der &#8222;Skeptizismus&#8220; nicht zum Selbstzweck wird! Es geht nicht darum, m\u00f6glichst oft und viel und gemeinsam mit anderen Menschen \u00f6ffentlich &#8222;skeptisch zu sein&#8220;. <\/p>\n<p>Kritik an Esoterik und Pseudowissenschaft ist gut und wichtig; \u00f6ffentlicher Streit mit Esoterikern und Pseudowissenschaftlern bringt dagegen nichts. Ich halte es f\u00fcr das Beste, m\u00f6glichst vielen Menschen von der Faszination der <i>realen<\/i> Welt zu erz\u00e4hlen. Das echte Universum ist so viel sch\u00f6ner, beeindruckender und geheimnisvoller als alles, was sich irgendein Esoteriker ausdenken kann. Mit ihren scheinbar einfachen Antworten auf komplizierte Fragen verstellt die Esoterik die Sicht auf die Vielfalt und Sch\u00f6nheit der Welt in der wir leben. Die beste Strategie um dem entgegen zu wirken ist es, diese Vielfalt und Sch\u00f6nheit sichtbar und f\u00fcr m\u00f6glichst viele Menschen <i>verst\u00e4ndlich<\/i> zu machen. Dann merkt man n\u00e4mlich sehr schnell, wie langweilig die Welt der Esoterik und Pseudowissenschaft in Wahrheit ist. Ganz ohne Aktivismus&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">P.S. Und bevor sich jemand die M\u00fche macht und nun alte Artikel von mir aus dem Archiv kramen muss: Ja, ich wei\u00df, dass ich fr\u00fcher auch selbst auf Aktionen wie die Hom\u00f6opathie-\u00dcberdosis <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/02\/04\/1023-eine-kollektive-homoopathische-uberdosis\/\">hingewiesen<\/a> habe. Ich habe vermutlich selbst alles das schon mal gemacht, was ich in diesem Artikel hier kritisiere. Aber man muss ja nicht f\u00fcr immer und ewig der selben Meinung sein. Man lernt im Leben &#8211; hoffentlich! &#8211; immer dazu und ver\u00e4ndert sich. Ich schlie\u00dfe nicht mal aus, dass sich meine Meinung in Zukunft nicht wieder \u00e4ndert wenn man mir ausreichend gute Argumente daf\u00fcr liefert, dass skeptischer Aktivismus doch eine gute Sache ist&#8230; <\/span> \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/854913dafc0e4ffe90f94cc6a75dd264\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gelte ja als Teil der &#8222;skeptischen Bewegung&#8220;, obwohl ich kein Mitglied in irgendeiner &#8222;Skeptikerorganisation&#8220; bin. Das ist durchaus Absicht (dazu sp\u00e4ter mehr). Und in letzter Zeit habe ich mir immer \u00f6fter Gedanken \u00fcber bestimmte Aktionen der organisierten Skeptiker gemacht. Ein Artikel von Hayley Stevens hat mich nun dazu motiviert, diese Gedanken auch einmal aufzuschreiben. 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