{"id":21398,"date":"2014-02-02T11:52:39","date_gmt":"2014-02-02T10:52:39","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/02\/02\/sollen-wissenschaftler-ins-kloster\/"},"modified":"2025-05-14T16:13:52","modified_gmt":"2025-05-14T14:13:52","slug":"sollen-wissenschaftler-ins-kloster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/02\/02\/sollen-wissenschaftler-ins-kloster\/","title":{"rendered":"Sollen Wissenschaftler ins Kloster?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ihr heute eine halbe Stunde Zeit \u00fcbrig habt, dann nutzt sie und schaut euch die letzte &#8222;<a href=\"https:\/\/tv.orf.at\/orf3\/stories\/2532652\/\">Science Talk<\/a>&#8222;-Sendung des \u00d6sterreichischen Rundfunks an. Man kann sie <a href=\"https:\/\/tvthek.orf.at\/program\/Science-Talk\/4039577\/sciencetalk\/7405367\">hier in der Mediathek abrufen<\/a>. In dieser Folge plaudert der Physiker Werner Gruber \u00fcber Neurophysik, Forschungspolitik und wissenschaftliche \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Gruber werden viele von seiner Arbeit bei den <i>Science Busters<\/i> kennen \u00fcber die ich hier im Blog schon sehr oft geschrieben habe (zum Beispiel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/11\/09\/die-sciencebusters-live-alpakas-laser-und-die-opferwurst\/\">hier<\/a> oder <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/10\/19\/gedankenlesen-durch-schneckenstreicheln-die-wunderbare-physik-der-tiere\/\">hier<\/a>). Er ist aber auch immer noch als Physiker an der Universit\u00e4t Wien t\u00e4tig und der Direktor der Wiener Planetarien. Im kurzen Gespr\u00e4ch mit Barbara St\u00f6ckl sagt Werner Gruber einige wichtige Dinge \u00fcber wissenschaftliche \u00d6ffentlichkeitsarbeit, die es sich lohnt zu h\u00f6ren!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Besonders interessant ist aber auch das, was Werner Gruber zur Wissenschaftspolitik zu sagen hat. Er kritisiert, dass man in der Forschung heutzutage nur noch wenig Gelegenheit hat, wirklich <i>in Ruhe<\/i> zu forschen, ohne sich st\u00e4ndig um neue Vertr\u00e4ge, Forschungsf\u00f6rderung etc k\u00fcmmern zu m\u00fcssen. Dass die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/03\/16\/befristete-arbeitsvertrage-sind-demotivierend\/\">sehr kurz befristeten Arbeitsvertr\u00e4ge in der Wissenschaft \u00e4u\u00dferst demotivierend<\/a> sind ist nichts Neues; aber Werner Gruber spricht auch noch die \u00f6sterreichische (wie es in Deutschland ist wei\u00df ich gar nicht) Unsitte an, junge Wissenschaftler die direkt \u00fcber die Universit\u00e4t finanziert werden, nach 6 Jahren rauszuwerfen. Da geht nat\u00fcrlich jede Menge Know-How verloren und von der ganzen Ausbildung, die die Universit\u00e4t in die Studenten und Mitarbeiter investiert hat, profitieren andere. <\/p>\n<figure id=\"attachment_13696\" aria-describedby=\"caption-attachment-13696\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Klosterikaria.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Klosterikaria.jpg\" alt=\"Ein zuk\u00fcnftiges Forschungsinstitut? (Bild: public domain)\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-13696\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13696\" class=\"wp-caption-text\">Ein zuk\u00fcnftiges Forschungsinstitut? (Bild: public domain)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Werner Gruber hat dazu einen originellen Vorschlag: Warum nicht einfach die Forscher in ein &#8222;Kloster&#8220; stecken:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Drei warme Mahlzeiten, eine Jahresnetzkarte, einen Internetanschluss und 200 Euro Taschengeld und sozial versichert: [DIe Wissenschaftler] w\u00fcrden zwei\/drei Jahre tadellos weiterforschen und es w\u00fcrde was weiter gehen!&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Vorschlag, den Wissenschaftlern irgendwo Kost, Logis und ein bisschen Taschengeld zur Verf\u00fcgung zu stellen und sie ansonsten in Ruhe forschen zu lassen, w\u00fcrde vermutlich sogar tats\u00e4chlich funktionieren. Wissenschaft ist f\u00fcr viele nicht einfach nur irgendein ein Job sondern &#8222;Berufung&#8220; und ein Traumjob und es geht den Leuten selten darum, reich zu werden sondern einfach nur darum, forschen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Praxis l\u00e4uft das heute ja auch schon ein wenig so. Als ich noch an der Sternwarte in Wien gearbeitet habe, war es durchaus \u00fcblich, dass Doktoranden nicht durch Universit\u00e4t oder Projektgelder finanziert werden, sondern Sozialhilfe vom Staat bezogen. Aus Sicht des Doktoranden bzw. des betreuenden Professors spielt es keine Rolle, wo das Geld her kommt oder wie viel es ist. Der Doktorand arbeitet sowieso die ganze Zeit. Es spielt ja auch keine Rolle, ob jemand eine halbe oder eine volle Stelle bekommt &#8211; am Ende sitzt jeder Wissenschaftler sowieso immer (deutlich) mehr als 40 Stunden pro Woche im B\u00fcro, denn <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/10\/11\/junge-wissenschaftler-brauchen-doch-eh-kein-privatleben\/\">genau das wird von allen erwartet<\/a>. Nat\u00fcrlich wird man als Sozialhilfeempf\u00e4nger immer wieder vom Arbeitsamt genervt; muss komische Kurse machen, und so weiter &#8211; aber ich kannte viele Leute, die bereit waren, das zu akzeptieren um doch noch irgendwie ihre Doktorarbeit beenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Potential zur Selbstausbeutung bei Wissenschaftlern &#8211; vor allem bei jungen Wissenschaftlern &#8211; ist sehr gro\u00df und deswegen w\u00fcrde so eine &#8222;Klosterl\u00f6sung&#8220; wohl wirklich funktionieren. Zu wissen, dass die Grundbed\u00fcrfnisse gesichert sind und man ansonsten einfach ein paar Jahre in Ruhe arbeiten kann, w\u00e4re f\u00fcr viele Wissenschaftler wahrscheinlich sogar eine sehr verlockende Vorstellung. Ich h\u00e4tte mich damals w\u00e4hrend oder nach meiner Doktorarbeit vermutlich auch darauf eingelassen. <\/p>\n<p>Aber ich bin skeptisch, ob sich das Konzept so wirklich umsetzen lassen w\u00fcrde. Es w\u00fcrde wahrscheinlich jede Menge Kritik von Seiten der restlichen Bev\u00f6lkerung geben, die sich beschwert, dass die Forscher da einfach tun und lassen k\u00f6nnen was sie wollen und sich nicht um ihren Lebensunterhalt k\u00fcmmern m\u00fcssen. Dass der finanzielle Lebensstandard hier wesentlich niedriger als bei anderen Jobs w\u00e4re, ist da vermutlich schwer zu vermitteln und so ein Projekt k\u00f6nnte sehr schnell ein Imageproblem haben. Und dann kann man das nat\u00fcrlich auch nicht ewig machen. Wissenschaftler sollen ja nicht tats\u00e4chlich M\u00f6nche werden, die ihr Leben ohne Besitz und vor allem ohne Familie verbringen. Irgendwann brauchen sie einen echten Job. Und ob es moralisch in Ordnung ist, die Liebe der Wissenschaftler zu ihrem Beruf so auszubeuten ist auch eine Frage, die sich schwer beantworten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte man die Ausbildungsstruktur \u00e4ndern und die &#8222;Klosterphase&#8220; irgendwo offiziell einplanen. Aber realistisch betrachtet wird die Idee wohl nicht umsetzbar sein. Zumindest sehe ich das so; vielleicht habt ihr ja eine andere Meinung. Vielleicht ist es ja doch eine gute Idee, die Universit\u00e4ten zu Kl\u00f6stern zu transformieren so wie im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anathem_%28Roman%29\">Roman &#8222;Anathem&#8220; von Neal Stephenson<\/a>. Es ist aber auf jeden Fall ein Thema, \u00fcber das man diskutieren sollte.. \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/23c7d53dd28947959b055675c162e739\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ihr heute eine halbe Stunde Zeit \u00fcbrig habt, dann nutzt sie und schaut euch die letzte &#8222;Science Talk&#8222;-Sendung des \u00d6sterreichischen Rundfunks an. Man kann sie hier in der Mediathek abrufen. 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