{"id":21292,"date":"2014-01-04T09:00:06","date_gmt":"2014-01-04T08:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/01\/04\/wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt-9-mustererkennung-und-kognitive-verzerrungen\/"},"modified":"2025-05-14T16:13:42","modified_gmt":"2025-05-14T14:13:42","slug":"wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt-9-mustererkennung-und-kognitive-verzerrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/01\/04\/wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt-9-mustererkennung-und-kognitive-verzerrungen\/","title":{"rendered":"Wie der Zufall unser Leben bestimmt (9): Mustererkennung und kognitive Verzerrungen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/mlodinow.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/mlodinow.jpg\" alt=\"mlodinow\" width=\"98\" height=\"150\" class=\"alignleft size-full wp-image-12792\" \/><\/a>Dieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Besprechung des Buchs <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499625512\/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=3499625512&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;Wenn Gott w\u00fcrfelt: oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt&#8220;<\/a> (im Original: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0307275175\/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=0307275175&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;The Drunkard&#8217;s Walk: How Randomness Rules Our Lives&#8220;<\/a>) von Leonard Mlodinow. Jeder Artikel dieser Serie besch\u00e4ftigt sich mit einem anderen Kapitel des Buchs. Eine \u00dcbersicht \u00fcber alle bisher erschienen Artikel findet man <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt\/\">hier<\/a>.<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Im <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12791\">ersten Kapitel<\/a> des Buchs hat Mlodinow anschaulich dargelegt, wie sehr der Zufall unser Leben bestimmt und vor allem dort, wo wir nicht damit rechnen. Das <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12809\">zweite Kapitel<\/a> hat sich mit den grundlegenden Regeln der Wahrscheinlichkeit besch\u00e4ftigt. Im <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12832\">dritten Kapitel<\/a> pr\u00e4sentiert Mlodinow das fiese Ziegenproblem, das unser Unverst\u00e4ndnis der Wahrscheinlichkeit eindrucksvoll pr\u00e4sentiert. Das <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12859\">vierte Kapitel<\/a> besch\u00e4ftigt sich mit den Methoden zur Berechnung von Wahrscheinlichkeiten die vor allem Blaise Pascal im 17. Jahrhundert entwickelt hat. Das <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12947\">f\u00fcnfte Kapitel<\/a> besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, was Wahrscheinlichkeiten in der realen Welt eigentlich bedeuten. <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12962\">Kapitel 6<\/a> erkl\u00e4rt die verwirrende Bayesschen Wahrscheinlichkeiten die f\u00fcr unser Alltagsleben von gro\u00dfer Bedeutung sind. In <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12970\">Kapitel 7<\/a> wechselte Mlodinow von der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Statistik und in <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12993\">Kapitel 8<\/a> zeigte er, wie man die Statistik nutzen kann, um die Ordnung im Chaos finden kann.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach Mustern in komplexen Prozessen gibt es aber ein Problem: Wir finden sie auch dort, wo gar keine sind und mit den daraus erwachsenden kognitiven Verzerrungen besch\u00e4ftigt sich Kapitel 9 des Buchs. Wir Menschen sind regelrecht dazu konstruiert, \u00fcberall Muster zu erkennen. Mlodinows Beispiel daf\u00fcr ist das Auge: Wir sch\u00e4tzen das, was mir &#8222;mit eigenen Augen&#8220; gesehen haben, sehr hoch ein und selbst vor Gericht z\u00e4hlt die Aussage von Augenzeugen viel. Aber w\u00fcrde man sich ein Video mit den &#8222;Rohdaten&#8220; ansehen, die unsere Augen produzieren, dann w\u00e4re das nicht sehr beeindruckend. Mitten im Bild bef\u00e4nde sich ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blinder_Fleck_%28Auge%29\">blinder Fleck<\/a> an dem nichts zu sehen ist (verursacht durch den optischen Nerv der an dieser Stelle die Retina durchquert. Nur ein sehr eng begrenzert Bereich w\u00e4re wirklich scharf; ungef\u00e4hr vergleichbar mit dem Bereich den unsere auf Arml\u00e4nge ausgestreckte Daumenspitze \u00fcberdeckt. Um das auszugleichen bewegen sich die Augen st\u00e4ndig und das Blickfeld springt hin und her. Das &#8222;Augenvideo&#8220; w\u00fcrde also ein verwackeltes und schlecht aufgel\u00f6stes Bild mit einem Loch in der Mitte zeigen. Trotzdem sind wir der Meinung, ein klares und deutliches Bild unserer Umwelt wahrzunehmen und das liegt daran, dass unser Gehirn aus all dem chaotischen Input ein vern\u00fcnftiges Abbild der Realit\u00e4t extrahiert und simuliert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13022\" aria-describedby=\"caption-attachment-13022\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Colombo_April_2013-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Colombo_April_2013-2.jpg\" alt=\"Ein Muster? (Bild: Alvesgaspar, CC-BY-SA 3.0)\" width=\"500\" height=\"325\" class=\"size-medium wp-image-13022\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13022\" class=\"wp-caption-text\">Ein Muster? (Bild: Alvesgaspar, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC-BY-SA 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wir sind also darauf angewiesen, Sinn und Ordnung in l\u00fcckenhaften und chaotisch erscheinenden Daten zu erkennen. Und tun das mit so gro\u00dfer Begeisterung, dass wir Sinn und Ordnung auch dort finden, wo defintiv keine zu finden ist. Zuf\u00e4llige Prozesse bringen uns in Schwierigkeiten, weil wir Zufall nicht akzeptieren und anerkennen wollen. Wenn ich ein Produkt einer bestimmten Firma kaufe und es nicht funktioniert, dann ist das nur ein einzelner Datenpunkt der nicht wirklich etwas dar\u00fcber aussagt, wie gut die Produkte der Firma wirklich sind. Aber weil es <i>mein<\/i> Datenpunkt ist, ist er f\u00fcr mich erstmal sehr wichtiger. Wenn ich dann noch von einem Bekannten h\u00f6re, der ebenfalls Probleme mit dieser Firma hat, dann sind das immer noch nur zwei Datenpunkte und genau so wenig aussagekr\u00e4ftig. F\u00fcr mich aber ist dass sofort signifikant und ich erkenne sofort ein Muster: Die Firma produziert schlechte Produkte. Und obwohl es sich mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nur um statistische Fluktuationen handelt, werde ich meine zuk\u00fcnftigen Entscheidungen an diesem &#8222;Muster&#8220; orientieren und in Zukunft nicht mehr bei dieser Firma einkaufen. Es ist der klassische kognitive Fehlschluss, der uns pers\u00f6nlich erlebten Einzelereignissen mehr Bedeutung zumessen l\u00e4sst als sie verdienen. Aber <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/01\/04\/anekdoten-sind-keine-daten-und-religion-ist-irrational\/\">Anekdoten sind eben keine Daten<\/a>, auch wenn sie einem Muster zu folgen scheinen. <\/p>\n<p>Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen einem Vorgang, der zuf\u00e4llig <i>ist<\/i> und einem Vorgang, der uns zuf\u00e4llig <i>erscheint<\/i>. Wir sind intuitiv der Meinung, Zufall d\u00fcrfe keine Muster enthalten &#8211; aber das ist falsch. Der Mathematiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Spencer-Brown\">George Spencer Brown<\/a> hat zum Beispiel einmal ausgerechnet, dass in einer zuf\u00e4lligen Zahlenreihe die aus 10<sup>1000007<\/sup> Nullen oder Einsen besteht mindestens 10 Abschnitte zu finden sind, in denen eine Million Nullen direkt aufeinander folgen. Und es braucht keine so gigantischen Reihen. Ich habe zum Beispiel gerade <a href=\"https:\/\/www.wolframalpha.com\/input\/?i=randominteger[{0%2C1}%2C100]\">via Wolfram Alpha<\/a> eine Reihe mit 100 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Nullen und Einsen erzeugt:<\/p>\n<blockquote><p><i>0, 1, 1, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 0, 0, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 0, 0, 1, 1, 0, 1, 0, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 1, 1, 0, 0, 1, 0, 0, 1<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Und sofort entdecken wir hier jede Menge Muster &#8211; zum Beispiel gibt es schon ziemlich am Anfang 5 Nullen die aufeinander folgen und ein wenig sp\u00e4ter gleich 6 Nullen hintereinander. Weiter hinten folgen 5 Einsen und 6 Einsen. Der Abschnitt &#8222;1, 0, 1, 0, 1, 0, 1, 0&#8220; ist ebenfalls sch\u00f6n regelm\u00e4\u00dfig. W\u00fcrde man so eine Reihe einem Menschen vorlegen und ihn fragen, ob das eine zuf\u00e4llige Reihe ist oder nicht, w\u00fcrde man den Zufall vermutlich nicht erkennen. Solche Experimente wurden schon oft durchgef\u00fchrt und bis jetzt haben die Menschen dabei immer versagt. Deswegen musste Apple zum Beispiel auch die zuf\u00e4llige Wiedergabe der Lieder auf dem iPod weniger zuf\u00e4llig machen, weil sich die K\u00e4ufer beschwert hatten, dass es sich nicht zuf\u00e4llig anh\u00f6rte. Echter Zufall erscheint uns zu regelm\u00e4\u00dfig &#8211; weil wir st\u00e4ndig Muster sehen, wo keine sind. <\/p>\n<p>Das zeigt sich nirgendwo so gut wie bei der B\u00f6rse. B\u00f6rsenkurse sind im wesentlichen vom Zufall bestimmt und es ist fast unm\u00f6glich zwischen einem B\u00f6rsenkurs und einer zuf\u00e4lligen Zahlenreihe zu entscheiden. B\u00f6rsenmakler, Fondmananger, B\u00e4nker und all die anderen Wirtschaftsexperten sind also &#8211; sofern sie nicht \u00fcber irgendwelche Insiderinformationen verf\u00fcgen &#8211; nichts anderes als Gl\u00fccksspieler und es ist absurd, einige von ihnen wegen ihrer tollen Performance als &#8222;B\u00f6rsenexperten&#8220; zu bezeichnen. Das ist ein wenig so wie mit den Weinexperten aus <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=12970\">Kapitel 7<\/a>. Mlodinow zitiert jede Menge Studien die zeigen, dass die ganzen B\u00f6rsenexperten \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg betrachtet nicht besser sind als der Zufall. Und per Zufall wird es auch immer wieder einzelne Experten geben, die lange Erfolgserien haben. Genauso wie eine M\u00fcnze (siehe das Beispiel oben mit den Nullen und Einsen) durchaus mal sechsmal hintereinander auf Kopf landen kann, kann ein Fondmanager sechs Jahre hintereinander gewinnen. Das ist sogar zu erwarten, wenn der B\u00f6rsenmarkt genau so ein Gl\u00fccksspiel ist wie der M\u00fcnzwurf. Aber da wir den Zufall nicht verstehen und in zuf\u00e4llige Zahlenreihen Muster interpretieren und ihnen einen Sinn geben, geben wir auch dem zuf\u00e4lligen Gewinner beim B\u00f6rsengl\u00fccksspiel einen gro\u00dfen Bonus f\u00fcr seine beeindruckende &#8222;Leistung&#8220;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13021\" aria-describedby=\"caption-attachment-13021\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Photos_NewYork1_032.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Photos_NewYork1_032.jpg\" alt=\"B\u00f6rse in New York. Sieht wichtig aus, ist aber eigentlich auch nur ein Casino (Bild: CC-BY-SA 3.0\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-13021\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13021\" class=\"wp-caption-text\">B\u00f6rse in New York. Sieht wichtig aus, ist aber eigentlich auch nur ein Casino (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Photos_NewYork1_032.jpg\">Bild<\/a>: <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC-BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Mlodinow bringt <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bill_Miller_%28finance%29\">Bill Miller<\/a> als Beispiel, der mit seinen Fonds 15 Jahre hintereinander gewann und als einer der besten Manager aller Zeiten galt (oder immer noch gilt; ich kenn mich in der Wirtschaftsszene nicht so aus). Angeblich sei die Wahrscheinlichkeit 1 zu 372529, dass seine Leistung nur auf Zufall beruht. Das nennt man die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hot-hand_fallacy\">Hot-hand fallacy<\/a>, den Fehlschluss, dass eine zuf\u00e4llige Gl\u00fccks- oder Pechstr\u00e4hne auf die F\u00e4higkeiten einer Person zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (wie es im Sport oft passiert). Mlodinow zeigt auch, dass die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr Millers &#8222;Erfolg&#8220; ganz anders berechnet werden muss. Zum einen sind die 15 aufeinanderfolgenden Gewinnjahre eine k\u00fcnstliche Verzerrung die von der Interpretation der Daten herr\u00fchrt. Man kann in den Daten insgesamt mehr als 30 12-Monats-Perioden finden, in denen Miller verloren hat. Aber sp\u00e4ter betrachtet wurden nur die 15 Perioden zwischen 1. Januar und 31. Dezember. Au\u00dferdem darf man nicht verwechseln, um welche Wahrscheinlichkeit es eigentlich geht. Will man wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass <i>speziell<\/i> Bill Miller <i>exakt<\/i> im Zeitraum zwischen 1991 und 2006 immer zuf\u00e4llig gewinnt, dann sind die Chancen daf\u00fcr wirklich sehr gering. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass <i>ich<\/i> 15 Mal hintereinander &#8222;Kopf&#8220; erhalte, wenn ich in den n\u00e4chsten 15 Jahren jedes Jahr eine M\u00fcnze werfe.<\/p>\n<p>Aber es gibt sehr viel mehr Manager und B\u00f6rsenheinis als Bill Miller; und es gibt sehr viel mehr Intervalle als das zwischen 1991 und 2006. Man muss eher fragen: Wenn tausende Leute jedes Jahr eine M\u00fcnze werfen und das mehrer Jahrzehnte lang tun, wie wahrscheinlich ist es, dass eine Person irgendwann einmal 15 Mal hintereinander &#8222;Kopf&#8220; wirft? Die Wahrscheinlichkeit ist viel gr\u00f6\u00dfer und im Fall von Miller liegt sie bei 75% (berechnet f\u00fcr einen Zeitraum von 40 Jahren). Es w\u00e4re also eher unwahrscheinlich, dass im Laufe von ein paar Jahrzehnten <i>nicht<\/i> irgendwo ein Manager auftaucht, der 15 Jahre lang hintereinander Gl\u00fcck hat. Aber das erscheint uns intuitiv unwahrscheinlich und wenn wir von F\u00e4llen wie Miller h\u00f6ren neigen wir deshalb dazu, die zuf\u00e4llige Gl\u00fccksstr\u00e4hne seiner &#8222;Leistung&#8220; zuzuschreiben. <\/p>\n<p>Wir wollen eben nicht die Kontrolle verlieren. Wir f\u00fchlen uns besser, wenn wir ein Muster hinter den Dingen zu erkennen glauben und auch das zeigen jede Menge Experimente. Eines dieser Experimente (durchgef\u00fchrt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ellen_Langer\">Ellen Langer<\/a>) bestand aus einer Lotterie: Jeder Teilnehmer bekam eine Karte mit dem Bild eines Sportlers. Ein Beutel enthielt eine Mischung aus allen Bildern die im Spiel waren und eines davon wurde gezogen. Wer das gleiche Bild besa\u00df, hatte gewonnen. Die H\u00e4lfte der Teilnehmer bekam einfach ein Bild zugeteilt, die andere H\u00e4lfte durfte es sich selbst aussuchen. Danach durften alle Teilnehmer ihr Bilder verkaufen, wenn sie wollten. Und obwohl es nat\u00fcrlich egal war, ob man ein selbst gew\u00e4hltes oder zuf\u00e4lliges Bild hat, wollten diejenigen die es selbst ausgesucht hatten, viel mehr Geld daf\u00fcr haben als die anderen, denen es ziemlich egal war. Die Leute wussten zwar alle, dass die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr einen Gewinn nicht davon abhing, ob man sich die Karte vorher selbst ausgesucht hatte. Aber sie verhielten sich genau so, als <i>h\u00e4tte<\/i> es einen Einfluss. <\/p>\n<p>Es gibt noch jede Menge andere kognitive Verzerrungen, die unser Verhalten auf diese Weise beeinflussen und uns Muster sehen lassen, wo keine sind. Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Best%C3%A4tigungsfehler\">Best\u00e4tigungsfehler (Confirmation Bias)<\/a> l\u00e4sst uns Informationen immer dann als relevant ansehen, wenn sie ein Muster best\u00e4tigen, dass wir uns schon vorher gebildet haben. Ein Beispiel: Welche Regel liegt dieser Zahlenreihe zugrunde und wie k\u00f6nnte sie weitergehen: 2,4,6, ? Klar, werden jetzt die meisten sagen, jetzt kommt 8, 10, 12 und so weiter. Wir erkennen ein Muster und akzeptieren es sofort. Und dann f\u00e4llt es uns schwer, davon wieder abzulassen. Auch das wurde in einem Experiment \u00fcberpr\u00fcft. Selbst wenn die Versuchspersonen Vermutungen \u00fcber die nachfolgenden Zahlen abgeben d\u00fcrfen und der Versuchsleiter ihnen sagt ob sie richtig sind oder nicht, probieren die meisten immer nur, ihre Vermutung zu <i>best\u00e4tigen<\/i>, aber nie, sie zu widerlegen. Die wenigen, die das machen und nicht dem confirmation bias unterliegen fragen dann zum Beispiel, ob die Reihe mit 7,8,9 fortgesetzt werden kann oder mit 101,102,103 und finden so heraus, dass es einfach nur darum geht, <i>immer gr\u00f6\u00dfere<\/i> Zahlen zu bilden und nicht, alle geraden Zahlen aufzulisten. Wer nur Best\u00e4tigung f\u00fcr die Vermutung sucht fragt nur nach &#8222;8,10,12&#8220; und \u00fcbersieht so das wesentliche&#8230;<\/p>\n<p>Dem Best\u00e4tigungsfehler verdanken wir auch die vielen Vorurteile die \u00fcber bestimmte Menschengruppen in Umlauf sind und er ist f\u00fcr jede Menge irrationalen Unsinns und sinnloser Diskussionen verantwortlich. Da jeder sich immer nur die Argumente aus vorhanden Daten raussucht, die die eigenen Denkmuster unterst\u00fctzen und den Rest ignoriert, kann der gleiche Datensatz von Menschen mit verschiedener Weltsicht v\u00f6llig unterschiedlich interpretiert werden. Und leider ist niemand sicher vor all diesen kognitiven Verzerrungen; selbst wenn wir denken, wir w\u00e4ren kl\u00fcger als der Rest der Welt (was wir insgeheim nat\u00fcrlich alle denken und auch nur eine kognitive Verzerrung ist). Wollen wir etwas dagegen tun, dann m\u00fcssen wir uns st\u00e4ndig daran erinnern, dass auch der Zufall Muster produziert und nicht \u00fcberall Sinn und Ordnung zu finden ist, wo wir sie sehen&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ec8b8706d07241ad98ca56eb0b66e5a4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Besprechung des Buchs &#8222;Wenn Gott w\u00fcrfelt: oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt&#8220; (im Original: &#8222;The Drunkard&#8217;s Walk: How Randomness Rules Our Lives&#8220;) von Leonard Mlodinow. Jeder Artikel dieser Serie besch\u00e4ftigt sich mit einem anderen Kapitel des Buchs. Eine \u00dcbersicht \u00fcber alle bisher erschienen Artikel findet man hier. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11561,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,771],"tags":[2439,2564,714,176,5995,5996,8371,8928,10331,10332,11903,244,15575,15576,15861,16384],"class_list":["post-21292","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-naturwissenschaften","category-wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt","tag-bestaetigungsfehler","tag-bill-miller","tag-boerse","tag-buch","tag-glucksspiel","tag-glucksstrahne","tag-kognitive-verzerrung","tag-leonard-mlodinow","tag-muster","tag-mustererkennung","tag-psychologie","tag-statistik","tag-wahrscheinlichkeit","tag-wahrscheinlichkeitsrechnung","tag-wie-der-zufall-unser-leben-bestimmt","tag-zufall"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21292"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21293,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21292\/revisions\/21293"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}