{"id":21231,"date":"2012-12-11T09:19:04","date_gmt":"2012-12-11T08:19:04","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/12\/11\/das-unsichtbare-sehen-hercules-a-und-die-gigantischen-radio-jets\/"},"modified":"2025-05-14T16:11:54","modified_gmt":"2025-05-14T14:11:54","slug":"das-unsichtbare-sehen-hercules-a-und-die-gigantischen-radio-jets","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/12\/11\/das-unsichtbare-sehen-hercules-a-und-die-gigantischen-radio-jets\/","title":{"rendered":"Das Unsichtbare sehen: Hercules A und die gigantischen Radio-Jets"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einen Aspekt, der mich bei der Astronomie immer wieder beeindruckt. Der mich eigentlich bei der gesamten Naturwissenschaft immer wieder beeindruckt. N\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit, Dinge zu &#8222;sehen&#8220;, die wir eigentlich nicht sehen k\u00f6nnen. Unsere Sinnesorgane sind ja genaugenommen ziemlich unzureichend, um die Welt in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Aus dem gesamten elektromagnetischen Spektrum k\u00f6nnen wir nur den winzigen Bereich zwischen 380 und 780 Nanometern mit unseren Augen als &#8222;Licht&#8220; sehen. Unsere Ohren k\u00f6nnen nur einen kleinen Ausschnitt all der m\u00f6glichen T\u00f6ne und Frequenzen h\u00f6ren. Die Materie aus der wir bestehen erlaubt es uns nur, mit anderer Materie der gleichen Art zu interagieren und alles was sonst noch im Universum &#8211; und meist viel zahlreicher- vorhanden ist (zum Beispiel dunkle Materie), sp\u00fcren wir nicht. In einem gewissen Sinn sind wir taub und blind und verpassen fast die gesamte Realit\u00e4t. Aber wir haben ein &#8222;Sinnesorgan&#8220;, dass all das aufwiegt. Wir haben unser Gehirn. Und mit unserem Gehirn k\u00f6nnen wir Dinge sehen, h\u00f6ren und sp\u00fcren, die unsere echten Sinnesorgane nicht wahrnehmen k\u00f6nnen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie Astronomen haben besonders gut gelernt, sich neue &#8222;Augen&#8220; zu bauen. Zuerst waren es einfach nur <i>bessere<\/i> Augen. Teleskope, die f\u00e4hig waren, viel mehr Licht aufzufangen als die Augen und damit auch viel mehr sehen konnten. Aber mittlerweile haben wir auch jede Menge <i>andere<\/i> Augen, die all das sehen k\u00f6nnen, was unsere Augen verpassen: R\u00f6ntgenstrahlung, Mikrowellenstrahlung, Infrarotstrahlung oder Radiostrahlung zum Beispiel. Die Phrase &#8222;Die Welt mit anderen Augen sehen&#8220; bekommt hier eine v\u00f6llig neue Bedeutung. Astronomen sehen die Welt <i>tats\u00e4chlich<\/i> mit anderen Augen. Und da sieht man beeindruckende Dinge.<\/p>\n<p>Schauen wir zuerst einmal dieses Bild hier an:<\/p>\n<figure id=\"attachment_8319\" aria-describedby=\"caption-attachment-8319\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/hubblesite.org\/newscenter\/archive\/releases\/2012\/47\/image\/c\/\" rel=\"attachment wp-att-8319\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/herculesa.jpg\" alt=\"\" title=\"herculesa\" width=\"500\" height=\"355\" class=\"size-medium wp-image-8319\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8319\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"NASA, ESA, S. Baum and C. O'Dea (RIT), and the Hubble Heritage Team (STScI\/AURA)\">Bild: https:\/\/hubblesite.org\/newscenter\/archive\/releases\/2012\/47\/image\/c\/<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Dieses Bild wurde mit dem Hubble-Weltraumteleskop aufgenommen. Hubble geh\u00f6rt zu den <i>besseren<\/i> Augen. Es sieht das gleiche Licht wie wir &#8211; nur enorm viel mehr davon, weswegen es auch so tolle Bilder machen kann. Hier hat es die Galaxie <i>3C 348<\/i> aufgenommen die auch unter dem Namen <i>&#8222;Hercules A&#8220;<\/i> bekannt ist, weil sie von der Erde aus im Sternbild Herkules zu sehen ist. Auf den ersten Blick ist das Bild nicht sonderlich spektakul\u00e4r. (Was nat\u00fcrlich nicht stimmt. Immerhin sehen wir hier Licht, dass aus einer Entfernung von 2 Milliarden Lichtjahren kommt! Und auch die anderen Punkte im Bild &#8211; bis auf die hellen Vordergrundsterne die man an den Lichtzacken erkennt &#8211; sind alle ferne Galaxien! Das <i>ist<\/i> beeindruckend.)<\/p>\n<p>Die Astronomen haben aber nicht nur ihre besseren Augen auf die Galaxie gerichtet. Sondern auch die <i>anderen<\/i> Augen. Zum Beispiel das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Very_Large_Array\">Very Large Array (VLA)<\/a> in New Mexico. Das ist eine Anlage die aus 27 Radioantennen mit jeweils einem Durchmesser von 25 Metern besteht. Das VLA kann Radiostrahlung sehen, die aus dem Weltall kommt und Hercules A schickt jede Menge davon ins All! Denn Hercules ist eine sogenannte <i>aktive Galaxie<\/i>. Das sind Galaxien, die ein gro\u00dfes, supermassereiches schwarzes Loch im Zentrum haben. Das allein reicht aber noch nicht, denn jede Galaxie hat so ein Ding im Zentrum. Eine aktive Galaxie hat ein aktives schwarzes Loch. Also ein Loch, auf das noch jede Menge Material f\u00e4llt. Befindet sich in der N\u00e4he eines schwarzen Lochs viel interstellares Gas und Staub, dann bildet es eine <i>Akkretionsscheibe<\/i>. Das Material wirbelt um das Loch und f\u00e4llt spiralf\u00f6rmig in es hinein. Die Materie bewegt sich mit enormen Geschwindigkeiten durch das starke Magnetfeld des Lochs und erzeugt dabei viel Strahlung. Haupts\u00e4chlich R\u00f6ntgen- und Radiostrahlung, weswegen unsere <i>anderen<\/i> Augen die schwarzen L\u00f6cher auch entdecken k\u00f6nnen. Es passiert aber noch mehr. Nicht das gesamte Material f\u00e4llt ins schwarze Loch. Einiges davon wird davon geschleudert. Mit gewaltiger Geschwindigkeit schleudert das Zentrum von Hercules A Gas und Staub in die Umgebung &#8211; man nennt so etwas &#8222;Jets&#8220;. Dabei trifft das Material auf anderen Staub und anderes Gas und wird irgendwann abgebremst. Das erzeugt Radiostrahlung. Und die kann das VLA sehen. Mit Radioaugen sieht Hercules A v\u00f6llig anders aus:<\/p>\n<figure id=\"attachment_8320\" aria-describedby=\"caption-attachment-8320\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/12\/11\/das-unsichtbare-sehen-hercules-a-und-die-gigantischen-radio-jets\/herculesaradio\/\" rel=\"attachment wp-att-8320\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/herculesaradio.jpg\" alt=\"\" title=\"herculesaradio\" width=\"500\" height=\"355\" class=\"size-medium wp-image-8320\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8320\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.nrao.edu\/pr\/2012\/herca\/\">Bild: NASA, ESA, S. Baum and C. O&#8217;Dea (RIT), R. Perley and W. Cotton (NRAO\/AUI\/NSF), and the Hubble Heritage Team (STScI\/AURA)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In Rot kann man nun die Radiostrahlung sehen, die \u00fcber das Hubble-Bild gelegt wurde. Das zentrale schwarze Loch von Hercules A schleudert das Material unvorstellbare 1,5 Millionen Lichtjahre ins All hinaus! Erst in dieser Entfernung wird das Material stark genug abgebremst, um die Wolken zu bilden, die am Ende der Radiojets sitzen. 1,5 Millionen Lichtjahre &#8211; das ist f\u00fcnfzehn Mal l\u00e4nger als unsere gesamte Milchstra\u00dfe lang ist! Kein Wunder, das schwarze Loch von Hercules A ist auch ungef\u00e4hr 1000 Mal schwerer als unser schwarzes Loch. Trotzdem ist es beeindruckend, dass ein vergleichsweise so kleines Objekt eine so gro\u00dfe Struktur erzeugt. Das zentrale supermassereiche schwarze Loch ist zwar 2,5 Milliarden Mal schwerer als unsere Sonne, aber doch nur so gro\u00df wie unser Sonnensystem. Und dieses kleine Objekt erzeugt etwas, dass 3 Millionen Lichtjahre von einem Ende zum anderen durchmisst!<\/p>\n<p>Carl Sagan hat einmal gesagt: <i>&#8222;Somewhere, something incredible is waiting to be known.&#8220;<\/i> Damit hat er v\u00f6llig Recht. Das Universum ist voll mit unglaublichen Dingen, die darauf warten, von uns entdeckt zu werden.<br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/7bd9da7dda4c485c87a78d773ec2ed0c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Aspekt, der mich bei der Astronomie immer wieder beeindruckt. Der mich eigentlich bei der gesamten Naturwissenschaft immer wieder beeindruckt. N\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit, Dinge zu &#8222;sehen&#8220;, die wir eigentlich nicht sehen k\u00f6nnen. Unsere Sinnesorgane sind ja genaugenommen ziemlich unzureichend, um die Welt in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. 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