{"id":21106,"date":"2012-11-14T12:16:36","date_gmt":"2012-11-14T11:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/11\/14\/eine-direkte-beobachtung-eines-vagabundieren-planeten\/"},"modified":"2025-05-14T16:11:36","modified_gmt":"2025-05-14T14:11:36","slug":"eine-direkte-beobachtung-eines-vagabundieren-planeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/11\/14\/eine-direkte-beobachtung-eines-vagabundieren-planeten\/","title":{"rendered":"Einzelg\u00e4nger im All: Die direkte Beobachtung eines vagabundierenden Planeten"},"content":{"rendered":"<p>Unser Universum ist nicht nur voller Sterne, sondern auch voller Planeten. Mittlerweile wissen wir, dass <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/01\/11\/die-milchstrasse-ist-voller-planeten\/\">die meisten Sterne von Planeten umkreist<\/a> werden. Wir wissen aber auch, dass es Planeten gibt, die ganz <i>alleine<\/i> durchs All fliegen, ohne an einen Stern gebunden zu sein. Aus indirekten Beobachtungen wei\u00df man, dass es von ihnen <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/05\/18\/ein-himmel-voller-planeten\/\">ein paar hundert Milliarden allein in unserer Milchstra\u00dfe<\/a> gibt. Es ist allerdings schwer, so einen ungebundenen Planeten direkt zu beobachten (und in der Vergangenheit nur wenige Male gegl\u00fcckt). Astronomen aus Frankreich ist es nun aber vermutlich <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/news\/eso1245\/\">gelungen<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Philippe Delorme vom Institut de plan\u00e9tologie et d\u2019astrophysique in Grenoble und seine Kollegen waren eigentlich auf der Suche nach braunen Zwergen. Dabei handelt es sich um eine Art Zwitter aus Stern und Planet. Die Grenzen zwischen diesen beiden Objektgruppen sind nicht starr, sondern flie\u00dfend. Damit ein Stern ein Stern sein kann, muss er f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in seinem Inneren Wasserstoff zu Helium fusionieren k\u00f6nnen. Daf\u00fcr muss er massereich genug sein, damit der Druck im Zentrum gro\u00df und die Temperatur hoch genug wird. Ein Himmelsk\u00f6rper muss ungef\u00e4hr 80 Mal schwerer sein als der Jupiter, damit das klappt (unsere Sonne ist 1000 Mal schwerer als Jupiter). Aber auch wenn die Masse nicht gro\u00df genug ist, k\u00f6nnen Objekte zumindest f\u00fcr kurze Zeit ein wenig Deuterium fusionieren. Dazu muss man 13 Mal schwerer als Jupiter sein. Solche kleineren Himmelsk\u00f6rper, die keine echten Sterne sind, sondern nur ein bisschen fusionieren und dann langsam ausk\u00fchlen, nennt man &#8222;Braune Zwerge&#8220;. Je nach ihrer Masse teil man sie in verschiedene Typen ein und am unteren Ende findet man die kleinen und k\u00fchlen T- bzw. Y-Zwerge. Delorme und seine Kollegen sind bei ihrer Suche nach braunen Zwergen genau auf so einen T-Zwerg gesto\u00dfen, der sich bei n\u00e4herer Betrachtung  als m\u00f6glicher Planet herausgestellt hat.<\/p>\n<p>Das Objekt tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Namen CFBDSIRJ214947.2-040308.9 wobei die Abk\u00fcrzung f\u00fcr <i>Canada-France Brown Dwarf Survey InfraRed<\/i> steht. Braune Zwerge sucht man am besten im Infrarotlicht, denn da sie kaum eigene Strahlung erzeugen sondern nur noch ausk\u00fchlen und W\u00e4rme abgeben, sieht man sie hier besser.  Besonders gut klappt das bei jungen Planeten, die erst vor kurzer Zeit entstanden und deswegen noch warm sind. So sieht CFBDSIRJ2149 aus:<\/p>\n<figure id=\"attachment_7758\" aria-describedby=\"caption-attachment-7758\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/11\/14\/eine-direkte-beobachtung-eines-vagabundieren-planeten\/eso1245c\/\" rel=\"attachment wp-att-7758\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/eso1245c.jpg\" alt=\"\" title=\"eso1245c\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"size-medium wp-image-7758\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7758\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/images\/eso1245c\/\">Bild: ESO\/P.Delorme<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Der T-Zwerg ist das kleine blaue Ding, das in der Bildmitte mit Strichen markiert wurde. Jetzt ist zwar vergleichsweise leicht, ein Foto des Himmels zu machen mit jeder Menge Punkte darauf. Es ist aber ziemlich schwer, genau zu bestimmen, wie schwer, gro\u00df, alt und weit weg so ein Punkt ist. Und das muss man wissen, bevor man feststellen kann, ob es sich um einen kleinen braunen Zwerg oder doch einen Planeten handelt. Bei so vielen freien Parametern ist die genau Bestimmung der Masse ziemlich knifflig. In diesem Fall haben die Astronomen aber eine M\u00f6glichkeit gefunden.<\/p>\n<p>Denn CFBDSIRJ2149 scheint zu einem sogenannten &#8222;Bewegungshaufen&#8220; zu geh\u00f6ren. So nennt man Gruppen von Sternen, die sich alle mit fast der gleichen Geschwindigkeit in die gleiche Richtung bewegen. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie alle zur gleichen Zeit aus der gleichen Gaswolke entstanden sind. Sie haben also auch alle ann\u00e4hernd das gleiche Alter und die gleiche chemische Zusammensetzung. CFBDSIRJ2149 d\u00fcrfte zum AB-Doradus-Bewegungshaufen geh\u00f6ren. Das ist eine Gruppe aus etwa drei\u00dfig jungen Sternen, die gerade mal 50 bis 110 Millionen Jahre alt sind. Der ganze Haufen ist ungef\u00e4hr 100 Lichtjahre entfernt, also vergleichsweise nahe. Beobachtungen mit dem ESO-NTT-Teleskop haben gezeigt, dass sich CFBDSIRJ2149 genauso bewegt, wie es auch die Sterne im AB-Doradus-Haufen tun und die statistischen Analysen legen nahe, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 80 Prozent ein Teil des Bewegungshaufens ist.<\/p>\n<p>Wenn das stimmt, dann muss er genau so alt sein und eine \u00e4hnliche chemische Zusammensetzung haben wie die anderen Sterne. Er muss auch ungef\u00e4hr so weit entfernt sein, wie der restliche Haufen. Und wenn man diese Parameter kennt, kann man daraus die fehlenden berechnen und kommt zu dem Schluss, dass CFBDSIRJ2149 nur zwischen 4 und 7 Mal so schwer wie Jupiter ist. Damit liegt er unterhalb der Grenze f\u00fcr einen braunen Zwerg und w\u00e4re ein Planet!<\/p>\n<p>Wie gesagt &#8211; das gilt nur, wenn er wirklich Teil des Haufens ist. Um das zu verifizieren m\u00fcssen noch weitere und genauere Beobachtungen gemacht werden. Aber <i>wenn<\/i> es stimmt, w\u00e4re es eine coole Sache. Diese vagabundierenden Planeten k\u00f6nnen uns viel \u00fcber unser Universum verraten. Da sie keine Sterne umkreisen und deswegen auch nicht vom Licht eines Sterns \u00fcberstrahlt werden, kann man sie viel besser direkt beobachten als die normalen Exoplaneten (vorausgesetzt, man hat sie erst mal gefunden). Die vagabundierenden Planeten sind entweder ganz alleine, ohne Stern, entstanden &#8211; dann k\u00f6nnen wir aus ihrer Beobachtung etwas \u00fcber die Bedingungen bei der Sternentstehung lernen. Denn dann entstammen sie dem gleichen Material, aus dem sich auch die Sterne gebildet haben und unterliegen den selben Mechanismen. Sie sind aber <i>keine<\/i> Stern geworden, sondern nur kleine Planeten und wie so oft sind es gerade die Ausnahmen, die am interessantesten sind, wenn man einen Prozess wirklich verstehen will. Oder aber die vagabundierenden Planeten entstanden ganz normal und haben fr\u00fcher einen Stern umkreist. Da es aber in der Fr\u00fchzeit eines Planetensystems recht wild zu geht, fliegen einige der Planeten aus dem System raus und bewegen sich danach allein durchs All. Eine genaue Untersuchung dieser Planeten kann uns also etwas \u00fcber die Bedingungen zur Zeit der Planetenentstehung beibringen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7760\" aria-describedby=\"caption-attachment-7760\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/11\/14\/eine-direkte-beobachtung-eines-vagabundieren-planeten\/eso1245a\/\" rel=\"attachment wp-att-7760\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/eso1245a.jpg\" alt=\"\" title=\"eso1245a\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-medium wp-image-7760\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7760\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fcnstlerische Darstellung des Planeten CFBDSIR J2149 (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/eso1245a\/\">ESO\/L. Cal\u00e7ada\/P. Delorme\/Nick Risinger (skysurvey.org)\/R. Saito\/VVV Consortium<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Demn\u00e4chst wird an der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte das Spectro-Polarimetric High-contrast Exoplanet REsearch-Instrument oder kurz &#8222;SPHERE&#8220; installiert. Damit hofft man, noch viel mehr solcher vagabundierenden Planeten zu entdecken. Und was auch immer wir von CFBDSIRJ2149 und seinen Kollegen lernen werden: <i>Lernen<\/i> werden wir auf jeden Fall etwas und am Ende das Universum in dem wir leben besser verstehen als vorher. Und genau darum geht es ja.<br \/><a href=\"https:\/\/flattr.com\/thing\/994380\/Eine-direkte-Beobachtung-eines-vagabundieren-Planeten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/api.flattr.com\/button\/flattr-badge-large.png\" alt=\"Flattr this\" title=\"Flattr this\" border=\"0\" \/><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/945d04de42764b429c441ffbecbabb2f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Universum ist nicht nur voller Sterne, sondern auch voller Planeten. Mittlerweile wissen wir, dass die meisten Sterne von Planeten umkreist werden. Wir wissen aber auch, dass es Planeten gibt, die ganz alleine durchs All fliegen, ohne an einen Stern gebunden zu sein. 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