{"id":20944,"date":"2012-09-27T19:31:07","date_gmt":"2012-09-27T17:31:07","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/09\/27\/astronomieunterricht-in-der-schule-hilft-auch-bei-der-quizshow-im-fernsehen\/"},"modified":"2025-05-14T16:11:10","modified_gmt":"2025-05-14T14:11:10","slug":"astronomieunterricht-in-der-schule-hilft-auch-bei-der-quizshow-im-fernsehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/09\/27\/astronomieunterricht-in-der-schule-hilft-auch-bei-der-quizshow-im-fernsehen\/","title":{"rendered":"Astronomieunterricht in der Schule: Hilft auch bei der Quizshow im Fernsehen!"},"content":{"rendered":"<p>Bei der <a href=\"https:\/\/www.hs.uni-hamburg.de\/AG2012\/index.php?lang=en\">Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft in Hamburg<\/a> gibt es vormittags immer Vortr\u00e4ge von allgemeinem Interesse &#8211; zum Beispiel \u00fcber <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/09\/27\/geheimnisvolle-eis-haschen-und-die-entstehung-der-planeten\/\">extrasolare Planeten und ihre Entstehung<\/a> \u00fcber die ich vorhin schon berichtet habe. Am Nachmittag finden dann immer gleichzeitig viele verschiedenen kleine Konferenzen zu speziellen Themen statt. Ich habe mir diesmal das Treffen zum Thema &#8222;Astronomiedidaktik&#8220; ausgesucht. Dort wurde diskutiert, wie man Astronomie am besten vermitteln kann. Das l\u00e4uft &#8211; speziell in den Schulen &#8211; immer noch nicht so gut, wie es eigentlich laufen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Den Anfang macht Andreas M\u00fcller von der Uni M\u00fcnchen. Sein Vortrag trug den Titel &#8222;Schulastronomie: Teil der Physik oder eigenes Fach?&#8220; und begann mit den unterschiedlichen Gr\u00fcnden, warum es sich lohnt, Astronomie in den Schulen zu unterrichten. Zuallerst einmal, weil Astronomie zur Allgemeinbildung geh\u00f6rt. Genauso wie man \u00fcber die Stadt Bescheid wissen sollte, in der man lebt; \u00fcber das Land, das man bewohnt und den Rest der Welt, sollte man auch ein paar grundlegende Kenntnisse \u00fcber das Universum haben, in dem sich das alles abspielt. Wie sehr es vielen Menschen an dieser Art der Allgemeinbildung mangelt, demonstrierte M\u00fcller anhand der letzten Ausgabe der Fernsehshow &#8222;Schlag den Raab&#8220;. Am 22. September trat eine Kandidatin gegen Stefan Raab an und musste dabei auch ein paar Quizfragen beantworten. Zum Beispiel die Frage nach dem n\u00e4chsten \u00c4quinoktium. Das sind die Tage, an denen Tag und Nacht gleich lang dauern und <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/09\/23\/wie-sieht-der-herbst-vom-weltall-aus\/\">22. September war einer davon<\/a>. Die Frage war, in welchem Monat das n\u00e4chste \u00c4quinoktium stattfinden w\u00fcrde. Abgesehen davon, dass Moderator Elton das Wort falsch ausgesprochen hat, wusste die Kandidatin keine Antwort und vermutete die Tag-und-Nacht-Gleiche im Dezember. Das war nat\u00fcrlich falsch, im Winter sind die N\u00e4chte deutlich l\u00e4nger als die Tage; erst im Fr\u00fchling &#8211; M\u00e4rz &#8211; sind Tag und Nacht wieder gleich lang. Auch eine zweite Quizfrage bezog sich auf die Astronomie. Hier ging es um die Eigenschaften des Planeten Mars. Auch hier lag die Kandidatin falsch und war der Meinung, der Mars h\u00e4tte keine Monde (Stefan Raab lag allerdings richtig und wusste, dass der Mars kleiner ist als die Erde).<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle das hier nicht, um zu zeigen, wie &#8222;dumm&#8220; die Kandidatin war &#8211; und auch Andreas M\u00fcller hat diese Geschichte sicher nicht deswegen erz\u00e4hlt. Sondern als Beispiel daf\u00fcr, dass Astronomie eben tats\u00e4chlich nicht Teil der Allgemeinbildung ist. Dabei steckt in der Astronomie noch viel mehr, als nur das reine Faktenwissen \u00fcber die Planeten und unsere kosmische Nachbarschaft. Astronomie hat eine Vielzahl an kulturhistorischen Aspekten. Da geht es um den Kalender, nach dem wir leben; um die Mythen der alten V\u00f6lker, um Philosphie und Religion. Astronomisches Wissen ist n\u00f6tig, wenn man sich mit dem Klima besch\u00e4ftigen will, mit Sonnenergie, mit Satelliten und jeder Menge anderer ganz aktueller Themen. Astronomie ist ein Gebiet, das nicht nur wichtig ist, sondern auch wie kaum ein anderes Thema geeignet, Kinder und Jugendliche zu faszinieren. Darum ist es erstaunlich, dass Astronomie in der Schule meistens nicht oder nur kaum behandelt wird.<\/p>\n<p>Das sehen nicht nur Astronomen so, sondern auch der Rest der Menschen. Eine Studie vom November 2011, die Constantin Weckert, ein Sch\u00fcler des Freien Gymnasiums Z\u00fcrich, durchgef\u00fchrt hat. Die Studie war Teil der <a href=\"https:\/\/50plus-studie.de\/\">INSA Studie 50plus<\/a>, bei der Weckert als Praktikant mitgearbeitet hat (Die Ergebnisse kann man auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift &#8222;Interstellarum&#8220; nachlesen). Jeder vierte der Befragten interessiert sich stark oder sehr stark f\u00fcr Astronomie (in Th\u00fcringen sind es sogar 34,5 Prozent). Nimmt man die Leute dazu, die auch ein teilweises Interesse zeigen, dann sind es fast zwei Drittel der Deutschen. Gefragt, in welchem Umfeld man sich mit Astronomie besch\u00e4ftigen sollte, waren 63 Prozent daf\u00fcr, dass dies in der Schule passieren sollte.<\/p>\n<p>Das passiert aber leider nur bedingt. Astronomie als verpflichtendes Schulfach &#8211; eine Stunde in der 10 Klasse &#8211; gibt es nur in Th\u00fcringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Das sind auch die einzigen drei L\u00e4ndern, in denen Unis (Jena, Halle, Rostock) existieren, an denen Astronomie-Lehrer ausgebildet werden. In Bayern, Baden-W\u00fcrtthemberg, Sachsen und Brandenburg gibt Astronomie als Freifach oder Wahlpflichtfach. Im Rest von Deutschland existiert kein organisierter Astronomieunterricht, nur vereinzelt existieren Initiativen engagierter Lehrer oder anderer Institutionen.<\/p>\n<p>Klar, es ist schwer, ein neues Unterrichtsfach einzuf\u00fchren. Es gibt jetzt schon so viel Stoff, der unterrichtet werden muss. Wo soll da die Astronomie noch Platz finden. In der Grundschule ist es noch einfach. Da ist man bei der Themenwahl recht flexibel und Astronomie kann leicht eingebaut werden. Aber in den weiterf\u00fchrenden Schulen w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, Astronomie organisiert und als eigenes Fach zu lehren. In der Physik gibt es jetzt schon so viel Stoff, da macht es wenig Sinn, auch die Astronomie noch reinzuquetschen. Au\u00dferdem ist Astronomie mehr als nur Astrophysik. Die ganzen kulturellen Aspekte w\u00fcrden hier weg fallen. Es ist auch kaum praktikabel, die Astronomie auf die verschiedenen anderen F\u00e4cher &#8211; Biologie, Philosophie, Geschichte, etc &#8211; aufzuteilen. Dann m\u00fcssten all diese Lehrer entsprechend ausgebildet werden und das scheint kaum durchf\u00fchrbar. Wo also soll die Unterrichtszeit her kommen?<\/p>\n<p>M\u00fcller meint, dass man zwei M\u00f6glichkeiten h\u00e4tte. Entweder man k\u00fcrzt bei anderen F\u00e4chern. Da das vermutlich politisch schwer umzusetzen ist, k\u00f6nnte man auch probieren, die anderen F\u00e4cher effizienter zu gestalten. Gerade <i>weil<\/i> die Astronomie ein sehr interdisziplin\u00e4res Fach ist, k\u00f6nnten einige Inhalte &#8211; zum Beispiel aus der Physik &#8211; im Astronomieunterricht gebracht werden. So oder so, es ist eine schwierige Sache. Aber wenn es in Th\u00fcringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern funktioniert: Warum soll es anderswo nicht auch klappen?<\/p>\n<p>Lohnen w\u00fcrde es sich &#8211; denn es gibt so viele interessante Sachen, die man im Astronomieunterricht erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Olaf Kretzer von der Sternwarte Suhl hat sein Projekt &#8222;Radioastronomie in die Schulen&#8220; vorgestellt. Hier wird in den Schulen nicht nur mit normalen Teleskopen beobachtet, sondern auch mit Radioteleskopen. Das hat zwei gro\u00dfe Vorteile: Einmal kann man Radioastronomie auch bei schlechtem Wetter machen. Und dann lernen die Sch\u00fcler, dass Astronomie <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/10\/28\/die-vielen-augen-der-astronomen\/\">viel mehr ist, als das, was wir mit den Augen sehen k\u00f6nnen<\/a>.<\/p>\n<p>Cecilia Scorza vom <a href=\"https:\/\/www.haus-der-astronomie.de\">Haus der Astronomie in Heidelberg<\/a> stellte den &#8222;Milchstra\u00dfenkoffer&#8220; vor. Dabei handelt es sich um ein vorbereitetes Set an Lehrmaterialien, dass es den Lehrern leichter machen soll, astronomische Inhalte im Unterricht einzubauen. \u00c4hnliche Sets &#8211; zum Beispiel \u00fcber Infrarotastronomie &#8211; wurden am Haus der Astronomie schon erfolgreich entwickelt und noch erfolgreicher an den Schulen eingesetzt. Und gerade die Milchstra\u00dfe ist ein gutes Thema f\u00fcr den Unterricht. Wenn es um die Abgrenzung zwischen Begriffen wie &#8222;Sonnensystem&#8220;, &#8222;Galaxie&#8220; oder &#8222;Universum&#8220; geht, dann existieren oft erschreckend gro\u00dfe Wissensl\u00fccken&#8230;<\/p>\n<p>Besonders gefallen hat mir der Vortrag von Matthias H\u00fcnsch. Er hat die <a href=\"https:\/\/schul-astronomie.de\/\">Astronomie Werkstatt<\/a> der Hamburger Sternwarte vorgestellt. Diese von der Stadt Hamburg gef\u00f6rderte Einrichtung bietet Schulklassen die M\u00f6glichkeit, an der Sternwarte verschiedenste Projekte durchzuf\u00fchren. Die Sch\u00fcler k\u00f6nnen dort Vortr\u00e4ge h\u00f6ren, an Teleskopen beobachten, selbst die unterschiedlichsten Aufgaben &#8211; passend f\u00fcr jede Altersstufe &#8211; bearbeiten und ganz allgemein Astronomie aus erster Hand erleben. Die Werkstatt kommt wunderbar an; w\u00e4hrend der Schulzeit besuchen im Schnitt zwei bis drei Gruppen pro Woche die Sternwarte. Und es besteht der Wunsch nach mehr! Das Problem ist nicht das mangelnde Interesse der Schulen, sondern die limitierte Personalkapazit\u00e4t. Die Projekte werden von den Mitarbeitern der Sternwarte auf Honorarbasis durchgef\u00fchrt und die haben nicht unbegrenzt Zeit. Und wie \u00fcblich will das Land m\u00f6glichst wenig Geld ausgeben. Das ist auch etwas, was mir unverst\u00e4ndlich ist. Einerseits wird immer erz\u00e4hlt, man will die naturwissenschaftliche Bildung f\u00f6rdern; will mehr Sch\u00fcler dazu bringen, eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung zu beginnen. Und dann <i>hat<\/i> man ein Projekt, das genau das leistet und gro\u00dfen Zuspruch findet &#8211; und stellt dann nicht genug Geld zur Verf\u00fcgung&#8230;<\/p>\n<p>Ich w\u00e4re ja daf\u00fcr, dieses Konzept noch viel weiter auszubauen; \u00fcber die Astronomie hinaus. Universit\u00e4ten sind heute Orte, an denen geforscht wird und an denen man Studenten ausbildet. Das ist vollkommen in Ordnung und viele sind der Meinung, dass das vollkommen ausreicht. Ich &#8211; und wer mein Blog regelm\u00e4\u00dfig liest wei\u00df das &#8211; sehe das aber anders. F\u00fcr mich geh\u00f6rt die \u00d6ffentlichkeitsarbeit genauso zur Wissenschaft wie Forschung und Lehre. Universit\u00e4ten sollten Orte sein, die auch &#8222;normale&#8220; Menschen gerne besuchen und vor allem besuchen k\u00f6nnen. Wer kein Student oder Uni-Mitarbeiter ist, sieht heute so gut wie nie eine Uni von innen (sicher auch ein Grund, f\u00fcr die weit verbreitete Wissenschaftsfeindlichkeit). Wenn Angebote wie die Astronomie-Werkstatt keine lobenswerte Ausnahme w\u00e4ren, sondern Standard an allen Fakult\u00e4ten aller Unis, dann w\u00e4re ein Besuch an der Hochschule vielleicht irgendwann so normal wie ein Besuch im Theater oder im Kino. Aber ich f\u00fcrchte, das wird noch f\u00fcr lange Zeit Fantasie bleiben&#8230;<br \/><a href=\"https:\/\/flattr.com\/thing\/910291\/Astronomieunterricht-in-der-Schule-Hilft-auch-bei-der-Quizshow-im-Fernsehen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/api.flattr.com\/button\/flattr-badge-large.png\" alt=\"Flattr this\" title=\"Flattr this\" border=\"0\" \/><\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/1337eba9f06842c1aeca8dce98030c5a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft in Hamburg gibt es vormittags immer Vortr\u00e4ge von allgemeinem Interesse &#8211; zum Beispiel \u00fcber extrasolare Planeten und ihre Entstehung \u00fcber die ich vorhin schon berichtet habe. Am Nachmittag finden dann immer gleichzeitig viele verschiedenen kleine Konferenzen zu speziellen Themen statt. 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