{"id":20814,"date":"2012-08-16T13:13:10","date_gmt":"2012-08-16T11:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/16\/pu-der-bar-und-der-wind-in-den-weiden-oder-zwei-klassiker-die-in-keinem-kinderzimmer-fehlen-durfen\/"},"modified":"2012-08-16T13:13:10","modified_gmt":"2012-08-16T11:13:10","slug":"pu-der-bar-und-der-wind-in-den-weiden-oder-zwei-klassiker-die-in-keinem-kinderzimmer-fehlen-durfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/16\/pu-der-bar-und-der-wind-in-den-weiden-oder-zwei-klassiker-die-in-keinem-kinderzimmer-fehlen-durfen\/","title":{"rendered":"Pu, der B\u00e4r und Der Wind in den Weiden Oder: Zwei Klassiker, die in keinem Kinderzimmer fehlen d\u00fcrfen"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/07\/auszeit.php\">Auszeit<\/a> erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. Wenn ihr auch Lust habt, euer Blog (euren Podcast, euer Videoblog, etc) hier vorzustellen oder einfach nur mal einen Artikel schreiben wollt, dann <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/08\/gastautoren-gesucht.php\">macht mit<\/a>!<\/p>\n<p>Heute gibt es einen Artikel von Michael Scholz, dem Leiter der <a href=\"https:\/\/www.roedental.de\/rathaus-buergerservice\/service-kontakt\/behoerdenwegweiser\/item\/heinrich-schaumberger-bibliothekstadtbuecherei-roedental.html\">Heinrich-Schaumberger-Bibliothek und der Stadtb\u00fccherei R\u00f6dental<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><!--more--><br \/>\nIch muss ja ehrlich gestehen, dass ich erst im Erwachsenenalter mit diesen<br \/>\nbeiden Klassikern der Kinderliteratur in Ber\u00fchrung gekommen bin. Mein<br \/>\nBruder und ich wuchsen in den 1970er Jahren auf und so wollten uns unsere<br \/>\nEltern auch progressiv erziehen, was sich auch auf den Vorlesestoff<br \/>\nerstreckte. Es war quasi die \u201eRappelkiste&#8220; in Buchform. Quasi als<br \/>\nKontrastprogramm gab es dann noch unseren Gro\u00dfvater, der uns, wenn wir bei<br \/>\nunseren Gro\u00dfeltern schlafen durften, aus einem in oranges Leinen gebundenen<br \/>\nBuch aus den 1920er Jahren deutsche G\u00f6tter- und Heldensagen vorlas. Glauben<br \/>\nSie mir, sp\u00e4testens nach der Geschichte von Beowulf und einer detaillierten<br \/>\nBeschreibung, wie \u201eder Unhold Grendel&#8220;, wie es in dem Buch hie\u00df, Menschen<br \/>\nmassakrierte und auffra\u00df war an baldigen Schlaf f\u00fcr uns beide nicht mehr zu<br \/>\ndenken. Dazu kamen noch die ebenfalls detailreichen Stahlstiche im Stil der<br \/>\nZeit. Kein Wunder also, wenn ich noch heute beim Anblick der M\u00fcllabfuhr<br \/>\noder der niederl\u00e4ndischen Fu\u00dfballnationalmannschaft Panikattacken bekomme<br \/>\nund das nur wegen orange&#8230;<\/p>\n<p>Sie sehen also, das Thema Gute-Nacht-Geschichten war f\u00fcr mich eher negativ<br \/>\nbesetzt. H\u00e4tte es nicht sein m\u00fcssen, denn zwei B\u00fccher, die wir heute als<br \/>\nKlassiker der britischen Kinderliteratur sehen (eigentlich wollte ich hier<br \/>\n\u201eder englischen Kinderliteratur&#8220; schreiben, aber nachdem Kenneth Graham ja<br \/>\nSchotte ist bzw. war, wurde es dann doch \u201ebritischen&#8220;), haben ihre Karriere<br \/>\nebenfalls als Bettkantengeschichten begonnen.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit \u201ePu der B\u00e4r&#8220;. Die Geschichten um Pu den B\u00e4r stammen aus der<br \/>\nFeder von Alan Alexander Milne.<\/p>\n<p>Hauptfiguren dieses Kinderbuches sind als erstes nat\u00fcrlich Pu der B\u00e4r, oder<br \/>\nwie er im Original hei\u00dft &#8222;Winnie-the-Pooh&#8220;, dann kommen Ferkel (Piglet),<br \/>\nOile (Owl), I-Aah (Eeyore), Kaninchen (Rabbit), K\u00e4nga (Kanga), Klein-Ruh<br \/>\n(Roo), Tiger (Tigger) und nat\u00fcrlich die zweite Hauptperson Christopher Robin.<\/p>\n<p>Das &#8222;Heffalump&#8220;, das sich in Gestalt eines kleinen Elefanten durch die<br \/>\nDisney-Filme schleicht, kommt in der Originalgeschichte allerdings nur am<br \/>\nRande vor und ist eigentlich kein Tier, sondern nur die Angst vor etwas,<br \/>\nda\u00df gar nicht da ist.<\/p>\n<p>Alle diese Figuren waren die Stofftiere von Christopher Robin Milne, dem<br \/>\nganz realen Sohn von Alan Alexander Milne. Die Geschichten, die Christopher<br \/>\nRobin mit seinen Stofftieren spielte, entwickelte der Vater weiter, brachte<br \/>\nsie zu Papier und las sie dann wieder seinem Sohn vor. So profitierte der<br \/>\neine vom andern.<\/p>\n<p>Alle Geschichten ereignen sich im 160-Morgen-Wald. 160 Morgen und nicht<br \/>\n100 Morgen deswegen, weil der Wald im Original der 100 Acre Wood ist.<br \/>\nIn einer fr\u00fcheren \u00dcbersetzung wurde dies mit 100 Morgen gleichgesetzt, was<br \/>\naber so nicht ganz stimmt, da 100 Acre 404700 m\u00b2 entsprechen, was wiederum<br \/>\n161,88 Morgen ergibt. In der aktuellen Pu-\u00dcbersetzung von Harry Rowohlt,<br \/>\ndie allgemein n\u00e4her am Originaltext ist, wurde dies berichtigt, genauso<br \/>\nwie der bis dahin nur Christoph Robin sein &#8222;er&#8220; wieder bekam und nun endlich<br \/>\nwieder als Christopher Robin durch die Welt gehen kann.<\/p>\n<p>Die Geschichten umfassen zwei B\u00e4nde &#8222;Pu der B\u00e4r&#8220; und &#8222;Pu baut ein Haus&#8220;.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus gibt es noch einen Gedichtband &#8222;Ich und Du, der B\u00e4r hei\u00dft Pu&#8220;<br \/>\nund eine Fortsetzung von David Benedictus &#8222;R\u00fcckkehr in den Hundertsechzig-<br \/>\nMorgen-Wald. \u00dcber die Disney-Filme sei an dieser Stelle allerdings der Mantel<br \/>\nder Scham gedeckt&#8230;<\/p>\n<p>Woher Pu seinen Namen hat, wei\u00df man nicht genau, denn eigentlich hei\u00dft er ja<br \/>\nmit b\u00fcrgerlichem Namen Eduard B\u00e4r, auch wenn Christopher Robin ihn ganz<br \/>\nliebevoll seinen dummen alten B\u00e4r nennt (&#8217;silly old bear&#8216; im englischen Original).<br \/>\nDie netteste Geschichte \u00fcber den Namen liefert \u00fcbrigens der \u00dcbersetzer Harry<br \/>\nRowohlt in einem Spiegel-Artikel:<\/p>\n<p>&#8222;Sein Verfasser hie\u00df \u00fcbrigens Milne. Und mit Vornamen hie\u00df er Alan Alexander; wir k\u00f6nnen also davon ausgehen, da\u00df seine  Freunde &#8218;Al&#8216; zu ihm gesagt haben. Oder sogar &#8218;Al-Al&#8216;. Als Milne zum Beispiel gerade \u00fcberlegte, wie er den B\u00e4ren, \u00fcber den er ein Buch schreiben wollte,  nennen sollte, kamen seine besten Freunde Keats und Chapman mit dem Fahrrad  vorbei. &#8218;Hallo Al-Al&#8216;, rief Keats, &#8218;kommst du mit, ein gepflegtes Bierchen  zischen?&#8216; &#8218;Nein&#8216; sagte Milne, &#8218;ich habe keine Zeit. Ich \u00fcberlege gerade, wie  ich den B\u00e4ren nennen soll, \u00fcber den ich ein Buch schreiben will.&#8216; &#8218;Na dann eben nicht&#8216;, sagte Keats. &#8218;Wer nicht will, der hat schon&#8216;, sagte Chapman. &#8218;Puh!&#8216; rief Keats. &#8218;Genau&#8216;, sagte Milne.&#8220;<\/p>\n<p>Das sch\u00f6ne an den Geschichten um Pu den B\u00e4ren ist einfach, dass jedes Kind sich<br \/>\nin der einen oder andern Figur (oder Figurenkombination) wiederfinden kann. Und<br \/>\nselbst Erwachsene noch viel ZEN in den Ausf\u00fchrungen des Philosophen Pu finden<br \/>\nk\u00f6nnen. So verwundert es nicht, dass es gerade im englischen Sprachraum dutzende<br \/>\nvon Pu-Ratgebern gibt. Aus unseren Breiten fallen mir &#8222;Pu der B\u00e4r und Tieger oder:<br \/>\nwie man Karriere macht&#8220; und &#8222;Pu der B\u00e4r oder: wie man mit Feng Shui Harmonie ins<br \/>\nLeben bringt&#8220; (beide Dressler-Verlag Hamburg) ein. Seit ich jedenfalls den &#8222;kleinen<br \/>\nMundvoll&#8220; (eine je nach Stimmung gr\u00f6\u00dfere oder kleinere Zwischenmahlzeit) kenne, bin<br \/>\nich viel ausgeglichener.<\/p>\n<p>So ist die Geschichte von Pu dem B\u00e4ren nicht nur f\u00fcr Kinder interessant, sondern<br \/>\ngibt auch Erwachsenen Rat und Lebenshilfe. Darum ein hoch dem B\u00e4ren Pu:<\/p>\n<p>Singt Ho! Der B\u00e4r soll leben!<br \/>\nEs ist mir egal, ob Schnee oder Regen,<br \/>\nMeine Nase riecht Honig auf allen Wegen!<br \/>\nSingt Ho! Leben soll Pu!<br \/>\nEr braucht einen kleinen Mundvoll ab und zu!<\/p>\n<p>In unserem zweiten Kinderbuchklassiker &#8222;Der Wind in den Weiden&#8220; von Kenneth Graham<br \/>\nspielen ebenfalls Tier die Hauptfiguren. Dies sind der etwas naive Maulwurf (Mole),<br \/>\ndie patente Wasserratte (Ratty), der selbstverliebte und etwas hyperaktive Kr\u00f6terich<br \/>\n(Toad) und der knorrig-liebenswerte Dachs (Mr. Badger). Au\u00dferdem tauchen noch der<br \/>\nfreundliche Otter mit seinem Sohn Portly und die hinterh\u00e4ltigen Wiesel und Hermeline<br \/>\nauf.<\/p>\n<p>Graham war bei seiner Gro\u00dfmutter aufgewachsen, die in Cookham Dene in der Grafschaft Berkshire lebte und deren Garten durch den den Thames begrenzt war. So lernte er schon als Kind die typische Flora und Fauna kennen. Als dann sein Sohn Alastair geboren war, unternahm er mit ihm oft Bootsfahrten und Ausfl\u00fcge. Um die Tiere, die sie bei diesen Partien sahen, konstruierte Graham kleine Geschichten, die er seinem<br \/>\nSohn am Abend als Gute-Nacht-Geschichten erz\u00e4hlte. Die Geschichten, die in &#8222;Der Wind<br \/>\nin den Weiden&#8220; erhalten geblieben sind, hatte er in Briefe an seinen Sohn geschrieben,<br \/>\ndie er ihm w\u00e4hrend der Ferien schrieb.<\/p>\n<p>Die tierischen Charaktere erhielten von Graham menschliche Eigenschaften und auch<br \/>\nMacken. Aber alle Charakterz\u00fcge passten zu den jeweiligen Tieren. Nat\u00fcrlich kommt es<br \/>\ndeswegen auch zum Streit, aber immer wieder finden die Tiere durch ihre Freundschaft<br \/>\nund gegenseitige Zuneigung wieder zueinander.<\/p>\n<p>Das Buch ist besonders durch seine liebevollen Naturbeschreibungen und die Sch\u00f6nheit des Jahreslaufs so liebenswert. Es zeigt, dass Mensch und Natur im Einklang leben k\u00f6nnen und das unsere so \u00fcbertriebene Technik-H\u00f6rigkeit und das hinterher hasten nach dem neuesten Handy, I-Pad, PC etc. uns die Augen verschlie\u00dfen l\u00e4sst vor den Sch\u00f6nheiten der Natur.<\/p>\n<p>Die Stimmung, die Graham in seinem Buch schafft, ist von tiefer Harmonie, von<br \/>\nFreundschaft und Zuneigung gepr\u00e4gt. Wobei das tief pantheistisch gepr\u00e4gte siebte Kapitel &#8222;The Piper at the Gates of Dawn&#8220; einen besonderen Zauber besitzt, der ja bereits Pink Floyd zu einem Album inspirierte. Auch Van Morrison ver\u00f6ffentlichte auf seinem Album &#8222;The Healing Game&#8220; ein Lied mit diesem Titel. Blackmores Night wiederum haben ein St\u00fcck mit dem Titel &#8222;The Wind in the Willows&#8220; im Repertoire.<\/p>\n<p>Besonders liebevoll ist eine Umsetzung als Zeichentrickfilm gelungen, der 1996 erschien.<br \/>\nHier fungiert Vanessa Redgrave als Erz\u00e4hlerin und Schauspieler wie Michael Palin und Alan Bennett \u00fcbernahmen Sprechrollen. Ebenfalls 1996 erschien eine Spielfim-Adaption von Terry Jones, in der unter anderem John Cleese einen Gastauftritt hat. Gl\u00fccklicherweise gibt es nur eine kurze Disney-Verfilmung des Stoffes, die ein Teil des Episodenfilms &#8222;Die Abenteuer von Ichabod und Tadd\u00e4us Kr\u00f6te&#8220; aus dem Jahr 1949 sind.<\/p>\n<p>Dem britischen Autor William Horwood gelang es, genau diese wunderbare Stimmung in vier Folgeb\u00e4nden wiederaufleben zu lassen. Dies waren &#8222;Winter in den Weiden&#8220;, &#8222;Fr\u00fchling in den Weiden&#8220;, &#8222;Herbst in den Weiden&#8220; und &#8222;Weihnachten in den Weiden&#8220;.<\/p>\n<p>Sowohl &#8222;Der Wind in den Weiden&#8220;, wie auch &#8222;Pu der B\u00e4r&#8220; wurden von Harry Rowohlt genial ins Deutsche \u00fcbersetzt. Es existieren zwar jeweils noch andere \u00dcbersetzungen, aber  verlieren sie doch viel gegen\u00fcber der Rowohltschen; ist er doch sehr nahe an der Sprache der Originaltexte und schafft es auch, die jeweiligen Stimmungen besser zu erfassen.<\/p>\n<p>Beide B\u00e4nde wurden durch Ernest Howard Shepard illustriert. Diese Illustrationen sind<br \/>\nnoch heute das weltweite Markenzeichen dieser B\u00fccher. Im Fall von &#8222;Der Wind in den<br \/>\nWeiden&#8220; kam der finanzielle Erfolg erst mit der herausgabe eines Bandes mit den<br \/>\nZeichnungen von Shepard.<\/p>\n<p><u>Literatur:<\/u><br \/>\nBegleitmaterial zu \u201eDer Wind in den Weiden&#8220;. Berlin: Theater an der Parkaue, 2005.<br \/>\nBenedictus, David: Pu der B\u00e4r: R\u00fcckkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald. Hamburg, 2009.<br \/>\nGrahame, Kenneth: Der Wind in den Weiden: Der Dachs l\u00e4sst sch\u00f6n gr\u00fc\u00dfen, m\u00f6chte aber auf keinen Fall gest\u00f6rt werden. Z\u00fcrich, 2004.<br \/>\nGro\u00df, Konrad: Alan A. Milne: Pu der B\u00e4r. Kiel, 2004.<br \/>\nHaas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur: Ein Handbuch. Ditzingen, 1984.<br \/>\nHurrelmann, Bettina: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Frankfurt\/M., 2001.<br \/>\nMayer, Susanne: Es rumpeldipumpelt. In: Die Zeit, Nr. 42 vom 8.10.2009.<br \/>\nMilne, Alan A.: Pu der B\u00e4r. Hamburg, 2009.<br \/>\nMarquardt, Manfred: Einf\u00fchrung in die Kinder- und Jugendliteratur. M\u00fcnchen, 1977.<br \/>\nRowohlt, Harry: Nunc, tump, tump. In: Spiegel spezial. 9\/1995, S. 127.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner Auszeit erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. Wenn ihr auch Lust habt, euer Blog (euren Podcast, euer Videoblog, etc) hier vorzustellen oder einfach nur mal einen Artikel schreiben wollt, dann macht mit! 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