{"id":20809,"date":"2012-08-12T09:53:39","date_gmt":"2012-08-12T07:53:39","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/12\/romantik-und-raumfahrt\/"},"modified":"2012-08-12T09:53:39","modified_gmt":"2012-08-12T07:53:39","slug":"romantik-und-raumfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/12\/romantik-und-raumfahrt\/","title":{"rendered":"Romantik und Raumfahrt"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/07\/auszeit.php\">Auszeit<\/a> erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. Wenn ihr auch Lust habt, euer Blog (euren Podcast, euer Videoblog, etc) hier vorzustellen oder einfach nur mal einen Artikel schreiben wollt, dann <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/08\/gastautoren-gesucht.php\">macht mit<\/a>!<\/p>\n<p>Heute gibt es einen Artikel von Tibor R\u00e1cskai.<\/p>\n<hr \/>\n<p><!--more--><br \/>\nSind bemannte Weltraumfl\u00fcge wirklich n\u00f6tig? Warum Menschen ins Weltall bringen, wenn wir Sonden schicken k\u00f6nnen, die uns Daten liefern? Was k\u00f6nnte ein Astronaut auf dem Mars vollbringen, was Curiosity und seine Epigonen nicht leisten k\u00f6nnen? In der franz\u00f6sisch-kanadischen Dokumentation \u0084&#8220;Kein Mensch mehr im All?\u0093&#8220; warnt der Astronaut Jean-Loup Chretien davor, auf die bemannte Raumfahrt zu verzichten. Wir w\u00fcrden uns an der jungen Generation orientieren, die sich immer mehr in einer virtuellen Realit\u00e4t einschlie\u00dfen werde. Der Mensch sei daf\u00fcr aber nicht bestimmt, er habe Arme, Beine und ein Gehirn, die er zum Laufen, Arbeiten und \u00dcberleben einsetzen solle. Der Mensch besitze eine Art Forscher-Gen und w\u00fcrde seine Bestimmung verfehlen, wenn er nur Roboter aussenden w\u00fcrde, das Universum zu erforschen. Er k\u00f6nne sie vorausschicken, aber nur, um ihnen zu folgen.<\/p>\n<p>Ist diese Auffassung der Raumfahrt tats\u00e4chlich Ausdruck eines Generationenkonflikts? Sie ist vor allem romantisch und zugleich Symptom einer pessimistischen Weltsicht. Chretien konstruiert einen Gegensatz zwischen dem aktiven und dem passiven Menschen, der so nicht existiert, und er schlie\u00dft daraus auf einen gesellschaftlichen Verfall. Der Astronaut nimmt dabei die Stelle des frontiersman ein, der die Grenzen der Zivilisation in das Unbekannte hinaus verschiebt. Er erweitert unseren Herrschaftsraum konkret. Er f\u00fchlt stellvertretend f\u00fcr diejenigen, die nicht ins All reisen k\u00f6nnen, weil sie physisch und psychisch nicht dazu in der Lage sind, und er kann zur\u00fcckkehren, um von seinen Gef\u00fchlen zu berichten. Der Physiker und Nobelpreistr\u00e4ger Steven Weinberg weist zu Recht darauf hin, dass Raumfahrt in diesem Sinne eine Art Sport sei, so wie die Besteigung der h\u00f6chsten Gipfel und die Reise zu den Gr\u00e4ben der Tiefsee. Sie ist eine k\u00f6rperliche, geistige und gesellschaftliche Herausforderung, aber sie ist nicht bewusstseinserweiternd.<\/p>\n<p>Damit einher geht die von Chretien formulierte Furcht vor der \u00e4u\u00dferen Bewegungslosigkeit der inneren Reise. Dies ist das eine Paradox der bemannten Raumfahrt im Computerzeitalter. Bisher sah sich der homo faber als Gegenpol eines angeblich praxisfernen Denkers, als einer, der an die Machbarkeit nicht nur glaubt, sondern der wei\u00df, wie er sich die Welt im praktischen Sinne Untertan machen kann und es tut. Nun zeigt sich allerdings, dass der Ingenieur, der Abenteurer und der Pilot im Grunde Romantiker sind, die nach individueller Erf\u00fcllung ihrer pers\u00f6nlichen, ins Unendliche gerichteten Sehnsucht streben. Ihr Traum von der physischen Pr\u00e4senz an der Grenze des Unbekannten ist jedoch beinah obsolet geworden. Beinah, denn auf die physische Existenz einer Sonde kann auch der Astronom nicht immer verzichten. Nur, kein Astronaut kann jemals, so wie die Voyager-Sonden, an die Grenzen unseres Sonnensystems vordringen. Der praktische Nutzen dieser Mission scheint gering, aber ihre spirituelle Bedeutung ist weit gr\u00f6\u00dfer als die eines Fu\u00dfabdrucks im Staub des Mars.<br \/>\nNicht erst die Technik hat dem Menschen erm\u00f6glicht, virtuelle Reisen zu unternehmen, aber gest\u00fctzt auf Beobachtungen und Messungen modernster Instrumente hat der Mensch sein geistiges Hoheitsgebiet bis an die Grenzen des Universums und der Zeit ausdehnen k\u00f6nnen, ohne sich in eine Raumkapsel zw\u00e4ngen zu m\u00fcssen. Was vorher nur gedacht werden konnte, hat sich best\u00e4tigt, und einiges, was noch nicht gedacht worden ist, wurde so entdeckt. Das ist nat\u00fcrlich eine Beleidigung f\u00fcr den Piloten und scheint seine M\u00fchen und Verdienste zu schm\u00e4lern.<\/p>\n<p>Steven Weinberg f\u00fchrt als Beispiele f\u00fcr bewusstseinserweiternde Leistungen des Menschen Liebe, Kunst und die Erforschung der Natur an. Jedes davon hat eine physische und eine geistige Komponente. Ist die Physis der Psyche \u00fcberlegen? Selbstverst\u00e4ndlich nicht. Auch die virtuelle Reise kann nicht in jedem Fall die physische Erfahrung ersetzen, aber man muss akzeptieren, dass dem K\u00f6rper engere Grenzen gesetzt sind als dem Geist. Eine Reise zum Mars ist m\u00f6glich, vielleicht kann auch Wirklichkeit werden, wof\u00fcr Kubrick in &#8222;A Space odyssey&#8220; schon die Bilder geliefert hat, aber wo liegt die Grenze? Noch ist der Warp-Antrieb eine Fiktion. Die Macht der Bilder suggeriert seine Machbarkeit, aber Science-Fiction bebildert dennoch weiterhin nur romantische Phantasien. Bemannte Raumfahrt muss letztlich den K\u00f6rper \u00fcberwinden, um weite R\u00e4ume \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, aber sie wird dabei nie transzendent werden, sondern nur unethisch.<\/p>\n<p>Richard Heidman, ein ehemaliger Raumfahrtingenieur und Leiter der Pariser Sektion der Mars-Society, beschreibt ein Konzept einer experimentellen Marskolonie: Angesichts der Schwierigkeiten, die es bereitet, eine Gruppe erwachsener Menschen auf den Mars und gesund wieder zur\u00fcck zu bringen, sei es vielleicht besser, Embryonen zu schicken, die, wie auch immer das m\u00f6glich sein soll, dann auf dem Mars aufgezogen w\u00fcrden. Die eigentliche Frage sei, so Heidman, ob sie unter den dortigen Bedingungen \u00fcberlebensf\u00e4hig seien. Das ist offensichtlich falsch, denn die eigentliche Frage ist nicht die nach der \u00dcberlebensf\u00e4higkeit des menschlichen K\u00f6rpers auf dem Mars, sondern die nach den ethischen Konsequenzen eines solchen Experiments. Irgendwann wird es ohne Zweifel technisch m\u00f6glich sein, Embryonen zum Mars zu bringen und sie aufzuziehen, aber ob eine Gesellschaft dies auch durchf\u00fchren wird, h\u00e4ngt davon ab, welchen Wert sie dem Individuum und seiner Menschenw\u00fcrde zumisst. Manche Nationen scheinen in beiderlei Hinsicht auf dem besten, also aus humanistischer Sicht auf dem schlechtesten Weg zu sein. Dies ist das zweite Paradox der bemannten Raumfahrt. Zum einen verachtet der Astronaut den nur virtuell reisenden Astronomen und unterstellt ihm, den Menschen seiner Natur zu entfremden, zum anderen muss der k\u00fcnftige Astronaut seine Natur \u00fcberwinden, um noch Astronaut sein zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEs scheint also, so die Autoren der Dokumentation, dass zuk\u00fcnftige Forschungsreisen allein im Geiste stattfinden werden. Der Astronaut wird, wenn er eine Zukunft haben sollte, nicht mehr sein als er jetzt schon ist: der Repr\u00e4sentant einer Industrie im Weltraum und ein lebendiges (und daher zwangsl\u00e4ufig der Rationalisierung anheimfallendes) Werkzeug, das ein paar hundert Kilometer \u00fcber der Erde Ersatzteile montiert. Nicht sehr romantisch.<\/p>\n<p>Die Dokumentation &#8222;\u0084Kein Mensch mehr im All?&#8220;\u0093 wird am Samstag, den 18. August auf ARTE wiederholt und ist noch bis zum 16. August in der ARTE-Mediathek zu sehen: <a href=\"https:\/\/videos.arte.tv\/de\/videos\/kein_mensch_mehr_im_all_-6849208.html\">https:\/\/videos.arte.tv\/de\/videos\/kein_mensch_mehr_im_all_-6849208.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner Auszeit erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. 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