{"id":20787,"date":"2012-08-16T09:11:12","date_gmt":"2012-08-16T07:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/16\/der-unterschied-zwischen-wissenschaft-und-pseudowissenschaft\/"},"modified":"2025-05-14T16:10:47","modified_gmt":"2025-05-14T14:10:47","slug":"der-unterschied-zwischen-wissenschaft-und-pseudowissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/08\/16\/der-unterschied-zwischen-wissenschaft-und-pseudowissenschaft\/","title":{"rendered":"Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/07\/auszeit.php\">Auszeit<\/a> erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. Wenn ihr auch Lust habt, euer Blog (euren Podcast, euer Videoblog, etc) hier vorzustellen oder einfach nur mal einen Artikel schreiben wollt, dann <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/08\/gastautoren-gesucht.php\">macht mit<\/a>!<\/p>\n<p>Heute gibt es einen Artikel von <i><a href=\"https:\/\/twitter.com\/SkeptatorTalk\">Celsus<\/a><\/i>, Betreiber von <a href=\"https:\/\/skeptator.blogspot.de\/\">Skeptator<\/a>, des Meta-Blogs f\u00fcr Wissenschaft und kritisches Denken.<\/p>\n<hr \/>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><b>Die Unterscheidung zwischen &#8222;echter&#8220; und &#8222;falscher&#8220; Wissenschaft f\u00e4llt nicht immer leicht. Oft wirkt etwas auf den ersten Blick v\u00f6llig plausibel, stellt sich dann aber als Humbug heraus. Gibt es Kriterien, welche die richtige Einordnung erleichtern? Ein Aufatz von Barry L. Beyerstein aus dem Jahr 1995 hilft, Realit\u00e4t und Wunschdenken besser auseinander zu halten.<\/b><\/p>\n<p>Eindeutige Kriterien zur Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft kann es nicht geben, da es Grauzonen und \u00dcberschneidungen gibt, in denen die Unterschiede verschwimmen oder nicht klar erkennbar sind. Also brauchen wir zun\u00e4chst ein paar Definitionen zur Orientierung:<\/p>\n<h2>Wissenschaft:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Die wesentlichen Eigenschaften von (Natur-) Wissenschaften sind die Erweiterung des Wissens durch Forschung, also die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen sowie deren Dokumentation und Ver\u00f6ffentlichung. Dieses systematisierte Wissen und dessen Grundlagen werden durch Lehre weitergegeben. Wissenschaft ist also systematisiertes Wissen, welches durch Beobachtung, Experiment und \u00dcberpr\u00fcfung gewonnen wird, wobei die beobachteten Ph\u00e4nomene empirisch untersuchbar sein m\u00fcssen. Wissenschaft stellt Fragen und pr\u00fcft die m\u00f6glichen Antworten auf ihre Richtigkeit. Das Ziel ist, allgemeing\u00fcltige Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu finden und zu beschreiben. Damit das funktioniert und menschliche Fehler so weit wie m\u00f6glich reduziert werden, ist ein umfassendes System gegenseitiger Kontrolle und die Offenlegung aller Methoden und Informationen notwendig. So werden Experimente und Erkenntnisse reproduzierbar und \u00fcberpr\u00fcfbar. Die direkte Umsetzung von Erkenntnissen in Verfahren oder Anwendungen soll nicht das oberste Ziel von Wissenschaft sein. Gerade in der Grundlagenforschung ist oft nicht erkennbar, wohin der Weg f\u00fchrt. Im Mittelpunkt steht die Erlangung neuen Wissens &#8211; auf der Basis bestehender Erkenntnisse.<\/p>\n<h2>Pseudowissenschaft:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Pseudowissenschaften versuchen gew\u00f6hnlich, von der Reputation echter Wissenschaften zu profitieren, indem sie deren Vokabular verwenden und versuchen, m\u00f6glichst wissenschaftlich zu wirken, ohne dabei aber die Strukturen und Verfahren der Wissenschaftlichkeit einzuhalten. Offene Diskussionen und Kritik findet man hier kaum, ebensowenig wie echten Fortschritt und Erkenntnisgewinn. Pseudowissenschaftliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr behauptete Ph\u00e4nomene stehen meistens im krassen Gegensatz zu naturwissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Auf sachliche Kritik wird oft mit pers\u00f6nlichen Angriffen reagiert, wenn sich die pseudowissenschaftlichen Behauptungen nicht belegen lassen und kritischen Fragen nicht standhalten. Stattdessen werden hochtrabende Versprechungen gemacht und Hoffnungen geweckt, f\u00fcr deren Erf\u00fcllung nat\u00fcrlich keinerlei Garantie gegeben wird.<\/p>\n<p><div style=\"float:right; margin:10px; font-size:70%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" height=\"109\" width=\"200\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Philosophisches_System_Bunge.png\" \/><br \/>\n  <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC BY-SA 3.0<\/a> Wikipedia (DE): <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/User:Belsazar\">Belsazar<\/a><\/div>\n<p>Diese beiden kurzen Beschreibungen befassen sich haupts\u00e4chich mit Naturwissenschaften und deren pseudowissenschaftlichen Derivaten, lassen sich aber in \u00e4hnlicher Form z.B. auch auf die Psychologie oder auf Geistes- und Kulturwissenschaften anwenden. Daher mag es interessant sein, noch eine weitere Trennlinie zu betrachten, die von dem argentinischen Philosophen und Physiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mario_Bunge\">Prof. Mario Bunge<\/a>, definiert wurde. Im deutschsprachigen Raum d\u00fcrfte haupts\u00e4chlich sein Werk &#8222;\u00dcber die Natur der Dinge&#8220; bekannt sein, welches er gemeinsam mit <a href=\"https:\/\/www.gwup.org\/component\/content\/article\/104-wiw-martin-mahner\">Dr. Martin Mahner<\/a>, Leiter des Zentrums f\u00fcr Wissenschaft und kritisches Denken der <a href=\"https:\/\/www.gwup.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">GWUP<\/a>, verfasst hat.<\/p>\n<p>Bunge hat sich sehr intensiv mit den Grenzen und Grenzbereichen zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft besch\u00e4ftigt und nimmt eine Unterteilung in &#8222;Glaubensbereiche&#8220; und &#8222;Forschungsbereiche&#8220; vor. Zu den Glaubensbereichen z\u00e4hlt er Religionen, politische Ideologien, Pseudowissenschaften und Pseudotechnologien sowie die Mystik. Die Forschungsbereiche beinhalten demnach nicht nur Naturwissenschaft, Formalwissenschaft (Logik, Mathematik, Linguistik, Informatik usw.) und angewandte Wissenschaft, sondern auch Geistes- und Sozialwissenschaften, also alle Bereiche, in denen systematische Forschung betrieben wird. Als wichtiges Unterscheidungskriterium gilt hier die Art des Erkenntnisgewinns. <\/p>\n<p>Im <b>Glaubensbereich<\/b> sind Erkenntnisse, so sie denn welche sind, individuell auf die Pers\u00f6nlichkeit und deren Gef\u00fchle bezogen. Emotionale Kriterien entscheiden, was richtig oder falsch ist. Hier findet sich z.B. auch der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konstruktivismus_(Philosophie)\">Konstruktivismus<\/a>, eine Weltsicht, die eine allgemeing\u00fcltige und verbindliche Realit\u00e4t ablehnt und die Wahrnehmung zur Wirklichkeit erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu ist im <b>Forschungsbereich<\/b> der Erkenntnisgewinn nicht vom Individuum abh\u00e4ngig sondern interpersonell &#8211; es findet also ein Abgleich zwischen Forschenden anhand von objektiven Kriterien statt. Forschungsergebnisse sind f\u00fcr alle Fachleute verf\u00fcgbar und \u00fcberpr\u00fcfbar, somit auch reproduzierbar. Damit ist noch nichts \u00fcber den Wahrheitsgehalt einer Hypothese gesagt, aber so lange sie objektiv \u00fcberpr\u00fcfbar ist, f\u00e4llt sie in den Forschungsbereich.<\/p>\n<p>Wir betrachen hier den Begriff Pseudowissenschaft als Teil des Glaubensbereiches, wobei sich dessen Umfang nicht nur auf die missbr\u00e4uchliche Verwendung naturwissenschaftlicher Terminologie beschr\u00e4nken soll, sondern allgemein als Umschreibung von Produkten, Verfahren und Behauptungen, die sich wissenschaftlicher \u00dcberpr\u00fcfung bewusst entziehen.<\/p>\n<p>Kommen wir nun zu den typischen Merkmalen der Pseudowissenschaft, wie sie von Beyerstein erkannt werden:<\/p>\n<h2>Isolation:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Entgegen der oft geh\u00f6rten Behauptung, unterschiedliche Bereiche der Wissenschaft w\u00fcrden nicht miteinander kooperieren oder kommunizieren, ist das Gegenteil der Fall. Es gibt viele interdisziplin\u00e4re Projekte und Kommunikationsstrukturen, die einen Austausch von Wissen zwischen den Disziplinen erm\u00f6glichen und f\u00f6rdern. Das ist sogar eine besondere St\u00e4rke der wissenschaftlichen Arbeit. In den Pseudowissenschaften ist das allerdings nicht \u00fcblich. Diese neigen eher dazu, sich zu isolieren, aufgestellte Behauptungen vor Kritik von au\u00dfen zu sch\u00fctzen und geben nur Informationen preis, die dem Erhalt der eigenen Ansichten dienen. Auch eine allgemein verbindliche Terminologie findet sich dort nicht. Die Erfinder und Entdecker, die sich demonstativ gegen den &#8222;Mainstream&#8220; wenden, arbeiten lieber alleine oder in kleinen Gruppen mit Gleichgesinnten. Ein Abgleich mit gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen findet kaum statt, und wenn doch, werden Zusammenh\u00e4nge und Begriffe uminterpretiert oder nicht fachgerecht verwendet. Einw\u00e4nde werden ignoriert oder abgelehnt bzw. als pers\u00f6nlicher Angriff gewertet.<\/p>\n<h2>Fehlende Falsifizierbarkeit:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Nach <a href=\"https:\/\/blog.psiram.com\/2012\/08\/karl-popper-zum-110-geburtstag\/\">Karl Popper<\/a> ist eine Behauptung, die sich nicht widerlegen l\u00e4sst, als Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine Beobachtung unbrauchbar. Viele Best\u00e4tigungen erh\u00f6hen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erk\u00e4rung korrekt ist. Um sie zu widerlegen, gen\u00fcgt dagegen ein einziges negatives Ergebnis.Wie Mario Bunge festgestellt hat, finden sich in der Pseudowissenschaft fast ausschlie\u00dflich nicht falsifizierbare Behauptungen, da bereits die Hypothese nicht eindeutig formuliert ist. <\/p>\n<h2>Missbr\u00e4uchliche Verwendung von Daten und Ergebnissen:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">\n<div style=\"float:right; margin:10px; font-size:70%;\">\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" height=\"154\" width=\"200\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/200px-Messwertverteilung.svg_.png\" \/><br \/><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC BY-SA 3.0<\/a> Wikipedia (DE): <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/User:Belsazar\">Belsazar<\/a><\/div>\n<p>Sofern es statistische Daten oder Messwerte gibt, werden diese oft nur teilweise offengelegt, kreativ interpretiert oder sind schlichtweg nicht reproduzierbar. Statistische Ausrei\u00dfer werden als Beweis pr\u00e4sentiert, Ungenauigkeiten bei Messungen  als Ergebnisse interpretiert und Daten, welche die Behauptung nicht st\u00fctzen, werden verworfen. L\u00e4sst sich der behauptete Effekt bei einer unabh\u00e4ngigen \u00dcberpr\u00fcfung nicht nachvollziehen, wird dies etwa mit fehlenden F\u00e4higkeiten des Testers oder ung\u00fcnstigen Umst\u00e4nden bei der Durchf\u00fchrung des Tests wegargumentiert. Der britische Physiker <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_G._Taylor\">John G. Taylor<\/a> verwendete f\u00fcr diesen Umstand den Begriff &#8222;shyness effect&#8220;, welcher besonders oft bei paranormalen Ph\u00e4nomenen in der Parapsychologie auftritt. Der Parapsychologe Walter von Lucadou hat f\u00fcr das pl\u00f6tzliche Verschwinden eines Ph\u00e4nomens unter Testbedingungen sogar einen eigenen Mechanismus ausgemacht und bezeichnet solche Anordnungen als &#8222;Pseudomaschinen&#8220;. Damit unterstellt er jedoch, dass ein solcher Effekt nicht von der Wahrnehmung des Beobachters abh\u00e4ngig ist, sondern real existiert. W\u00e4re es so, lie\u00dfe sich das allerdings \u00fcberpr\u00fcfen. Hier wird also eine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit definiert, die sich allen Gesetzen widersetzt.<\/p>\n<h2>Stagnation und fehlende Korrekturen:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Bei den meisten Pseudowissenschaften f\u00e4llt auf, dass \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume keine Weiterentwicklung stattfindet. Angeblich neue Erkenntnisse bauen nicht auf vorhandenes Wissen auf, sondern widersprechen vorherigen Behauptungen und stehen so wieder f\u00fcr sich alleine. &#8222;Altes Wissen&#8220; wird als Beweis herangezogen, dass eine These richtig sein muss, sonst w\u00fcrde sie ja nicht mehr verwendet. Dabei wird allerdings nicht ber\u00fccksichtigt, dass viele dieser oft hunderte Jahre alten Behauptungen regelm\u00e4\u00dfig widerlegt wurden und aus einer Zeit stammen, in der magisches Denken pr\u00e4gender war als systematische Forschung und dadurch oft gew\u00f6hnliche Missverst\u00e4ndnisse zu Fachwissen erkl\u00e4rt wurden.<\/p>\n<h2>Exotenstatus:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float:right; margin:10px;\" border=\"0\" height=\"176\" width=\"200\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SelfFlowingFlask.png\" \/>Besonders in der Pseudomedizin beruft man sich oft auf altbew\u00e4hrte Verfahren und weist gleichzeitig darauf hin, dass die Wissenschaft noch nicht so weit sei, diese neuen Methoden erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Dem harten Urteil der wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung entzieht man sich mit der Argumentation, das Verfahren sei so individuell, dass sich dar\u00fcber keine allgemeing\u00fcltigen Aussagen machen lie\u00dfen. Aber auch in der Pseudophysik begegnet uns dieses Verhalten. Seit Jahrhunderten nicht funktionierende Wundermaschinen werden immer wieder neu pr\u00e4sentiert, mit dem Hinweis, es seien nur noch ein paar kleine Verbesserungen notwendig, um endlich den Durchbruch zu erlangen. Physikalische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die sich seit Entstehung des Universums niemals als fehlerhaft erwiesen haben, werden als unverbindliche Empfehlungen betrachtet. <\/p>\n<h2>Wunderbare Versprechungen:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Pseudowissenschaften sind angenehm f\u00fcr jene, die daran glauben. Magische Heilmethoden verhei\u00dfen ein Leben ohne Schmerz und Leid und bieten Auswege aus der Verzweiflung. Auf wundersame Weise funktionierende Ger\u00e4te zur Energieerzeugung versprechen das Ende der Rohstoffkrise und ein komfortables Leben f\u00fcr alle Menschen, ohne schlechtes Gewissen wegen der Umweltverschmutzung. Mit den richtigen Gedanken stellt sich der Erfolg im Leben ganz von alleine ein, ohne Anstrengung und un\u00fcberwindbare Hindernisse, ganz im Einklang mit der Natur. Die Realit\u00e4t aber ist unbarmherzig und nimmt keine R\u00fccksicht auf den Einzelnen. Die Wissenschaften repr\u00e4sentieren diese harte Realit\u00e4t, dokumentieren sie und machen sie sichtbar. Menschen mit einem pseudowissenschaftlich gepr\u00e4gten Weltbild neigen dazu, sich f\u00fcr die angenehmere Variante zu entscheiden. Wann immer jemand derart \u00fcberzogene Versprechungen macht, ist gr\u00f6\u00dfte Vorsicht geboten.<\/p>\n<h2>Unbelehrbarkeit:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Pseudowissenschaftler halten gew\u00f6hnlich unumst\u00f6\u00dflich an ihren Behauptungen fest, auch wenn sie noch so oft auf Fehler hingewiesen werden. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/M._Lamar_Keene\">M. Lamar Keene<\/a>, der als spirituelles Medium arbeitete, sich aber sp\u00e4ter gegen diese Szene wendete, bezeichnete dieses Verhalten als &#8222;<a href=\"https:\/\/www.skepdic.com\/truebeliever.html\">True Believer Syndrome<\/a>&#8220; &#8211; einen wahren Gl\u00e4ubigen kann nichts in seinem Glauben ersch\u00fcttern. Eine gewisse Hartn\u00e4ckigkeit ist selbstverst\u00e4ndlich auch bei der wissenschaftlichen Arbeit notwendig, um Misserfolge zu verkraften und sein Ziel \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume zu verfolgen.  Allerdings f\u00fchrt ein \u00fcbersteigertes Selbstwertgef\u00fchl leicht dazu, dem Selbstbetrug zu verfallen. Ein Pseudowissenschaftler, der sich in eine Idee verrannt hat, kann nicht mehr umkehren und bei einem absehbaren Misserfolg auch nicht die Richtung wechseln. Alle Widerst\u00e4nde werden ausgeblendet und kein Gegenargument z\u00e4hlt. Der Glaube, letztendlich doch siegen zu k\u00f6nnen, auch gegen Naturgesetze, wird unersch\u00fctterlich.<\/p>\n<h2>Magischen Denken:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Der Geist beherrscht die Materie, was man wirklich will, kann man auch erreichen &#8211; derart <a href=\"https:\/\/www.scilogs.de\/blogs\/blog\/gedankenwerkstatt\/magisches-denken\">magisches Denken<\/a> ist in der Pseudowissenschaft weit verbreitet. Dazu kommen Vorstellungen von unbekannten Feldern, Schwingungen und Dimensionen, die im Zweifelsfall als Erkl\u00e4rung herhalten m\u00fcssen. Da diese Ph\u00e4nomene nicht nachweisbar und damit auch nicht \u00fcberpr\u00fcfbar sind, eigenen sie sich bestens, um Plausibilit\u00e4tsl\u00fccken zu f\u00fcllen. Der Mensch als Individuum spielt oft eine \u00fcbergeordnete Rolle, auf dessen Existenz das Universum eine besondere R\u00fccksicht nimmt. Umgekehrt wird ein Einfluss besonderer Denk- und Verhaltenssweisen auf die physikalische Welt postuliert. Wissen muss nicht hart durch ausdauerndes Lernen erarbeitet werden, sondern erschlie\u00dft sich in Form von Erleuchtung. Oft geht damit eine strikte Ablehnung des wissenschaftlichen Weltbildes einher, dessen Erkenntnisse negiert oder f\u00fcr unwichtig befunden werden. <\/p>\n<h2>Finanzielle Motive:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Viele pseudowissenschaftliche Behauptungen dienen in erster Linie dazu, einen finanziellen Gewinn zu erzielen. Der Aufwand ist relativ gering und besteht hauts\u00e4chlich darin, eine Behauptung aufzustellen und ein daraus resultierendes Produkt oder eine Dienstleistung zu vermarkten. Langj\u00e4hrige Forschung f\u00e4llt weg, wird aber trotzdem behauptet. Nat\u00fcrlich spielen auch im Wissenschaftsbetrieb  finanzielle Motive eine Rolle, sei es um F\u00f6rder- und Stiftungsgelder zu erlangen, den eigenen Arbeitsplatz zu erhalten oder, in der industriellen Forschung, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen. Das macht die Unterscheidung manchmal schwierig. Trotzdem bleibt echte Forschung nachpr\u00fcfbar. Vermarkter von pseudowissenschaftlichen Angeboten entziehen sich \u00fcblicherweise dieser \u00dcberpr\u00fcfung und setzen lieber auf angebliche Berichte zufriedener Kunden. <\/p>\n<h2>Mangelhafte Ausbildung:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Ein Blick auf den Bildungsweg eines Proponenten pseudowissenschaftlicher Methoden oder Produkte lohnt sich. Entweder ist  \u00fcberhaupt keine fachspezifische akademische Ausbildung  vorhanden oder es handelt sich um eine Ausbildung in einem fremden Fachbereich. Als Rechtfertigung findet sich oft die Behauptung, man sei dadurch nicht durch die Scheuklappen der etablierten Wissenschaft belastet und k\u00f6nne so freier denken. Ein Au\u00dfenseiter k\u00f6nne schlie\u00dflich Zusammenh\u00e4nge entdecken, welche jenen Leuten verborgen blieben, die nie \u00fcber den Tellerrand geschaut haben. Die Chance einer solchen Entdeckung ist jedoch eher gering, gerade bei der oft extremen Komplexit\u00e4t heutiger Forschung und Technologie. Ohne eine solide akademische Ausbildung und viel Erfahrung im eigenen Forschungsgebiet ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass Zusammenh\u00e4nge falsch interpretiert und vermeintliche Entdeckungen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dunning-Kruger-Effekt\">ma\u00dflos \u00fcberbewertet<\/a> werden. <\/p>\n<h2>Bunkermentalit\u00e4t:<\/h2>\n<p style=\"margin-left:10px;\">Es liegt in der Natur der Sache, dass unplausible Behauptungen nicht ernst genommen werden oder \u00fcberhaupt nicht zu \u00f6ffentlicher Wahrnehmung gelangen. Diese Tatsache wird von Vertretern der Pseudowissenschaften aber gerne als Beweis gewertet, dass ihre Ansichten vom &#8222;Establishment&#8220; unterdr\u00fcckt oder vors\u00e4tzlich ignoriert werden, weil sie f\u00fcr das bestehende wissenschaftliche System eine Bedrohung darstellen. Diese Sichtweise gipfelt oft in absurden Verschw\u00f6rungstheorien bis hin zum Verfolgungswahn. Das ganze Bild wird dann gerne mit <a href=\"https:\/\/www.ratioblog.de\/entry\/fehlschluss-19-das-galileo-gambit\">Galileo-Vergleichen<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.zitate-online.de\/sprueche\/historische-personen\/18623\/zuerst-ignorieren-sie-dich-dann-lachen-sie.html\">Gandhi-Zitaten<\/a> abgerundet. <\/p>\n<p>Sicherlich lassen sich noch weitere Kriterien finden, die sich als deutliche Hinweise auf Pseudowissenschaften verwenden lassen. Zu beachten ist aber, dass jedes einzelne Kriterium f\u00fcr sich weit entfernt davon ist, einen klaren Beweis f\u00fcr pseudowissenschaftliches Handeln zu liefern. Die Grauzonen sind breit und oft schwer zu durchschauen. Das kritische Denken sollte auch nicht so weit f\u00fchren, jede neue Idee von vornherein abzulehnen. Aber es gibt Methoden, mit denen sich Behauptungen zumindest grob pr\u00fcfen und hinterfragen lassen. Die darauf folgenden Erkl\u00e4rungen oder Erkl\u00e4rungsversuche bieten dann den n\u00e4chsten Ansatz zur \u00dcberpr\u00fcfung. Eine endg\u00fcltige Sicherheit gibt es nicht. Aber es lohnt sich, die richtigen Fragen zu stellen. Dem Skeptiker ist es auch nicht so wichtig, eine endg\u00fcltige Antwort zu finden. F\u00fcr Fragen, die sich nicht unmittelbar kl\u00e4ren lassen, gibt es zwischen wahr und falsch immer noch die Schublade &#8222;abwarten&#8220;. Entweder eine Behauptung stellt sich irgendwann als gerechtfertigt heraus, dann wird sie zu Wissenschaft. Oder sie bleibt s\u00e4mtliche Belege dauerhaft schuldig und verschwindet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in der Versenkung. Manchmal dauert es allerdings etwas l\u00e4nger.<\/p>\n<p>In diesem Artikel wurden bewusst sehr wenige Beispiele aufgef\u00fchrt. An einzelnen Beispielen scheiden sich schnell die Geister und die Diskussionen drehen sich nur noch darum, ob etwas wahr oder falsch ist. Stattdessen sollen diese allgemein gehaltenen Definitionen dazu anregen, im Einzelfall zu einer eigenen Einsch\u00e4tzung zu gelangen und gegebenenfalls auf erg\u00e4nzende Literatur zur\u00fcck zu greifen und weiterf\u00fchrende Fragestellungen zu finden. <\/p>\n<p>Niemand hat behauptet, dass es einfach sei &#8211; wir sind ja keine Pseudowissenschaftler.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Literatur:<\/h2>\n<p>Beyerstein, B. L., (1995): <a href=\"https:\/\/www.sld.cu\/galerias\/pdf\/sitios\/revsalud\/beyerstein_cience_vs_pseudoscience.pdf\">Distinguishing Science form Pseudoscience<\/a> (PDF). Victoria, B.C., Canada<\/p>\n<p>Bunge, M.; Mahner, M. (2004): \u00dcber die Natur der Dinge. S. Hirzel, Stuttgart<\/p>\n<p>Mahner, M. (2009) Was sind Parawissenschaften? Der Versuch einer Neubestimmung. In: Skeptiker 4\/2009, S. 186-190.<\/p>\n<p>Mahner, M. (2010) <a href=\"https:\/\/www.gwup.org\/infos\/themen\/698-parawissenschaften-und-pseudowissenschaften\">Parawissenschaft &#8211; Pseudowissenschaft<\/a><\/p>\n<p>Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pseudowissenschaft\">Pseudowissenschaft<\/a><\/p>\n<p>Popper, K. R. (1935) Logik der Forschung. Springer, Wien<\/p>\n<p>Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Popper\">Karl Popper<\/a><\/p>\n<p>Gr\u00fcter, T. (2010) Magisches Denken: Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst. Fischer, Frankfurt a. M. <\/p>\n<p>Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konstruktivismus_(Philosophie)\">Konstruktivismus (Philosophie)<\/a><\/p>\n<p>The Skeptic&#8217;s Dictionary: <a href=\"https:\/\/www.skepdic.com\/shynesseffect.html\">Shyness Effect<\/a><\/p>\n<p>Lucadou, W. v. (2002) <a href=\"https:\/\/www.parapsychologische-beratungsstelle.de\/downloads\/Pseudomaschine.pdf\">Die Magie der Pseudomaschine<\/a> (PDF)<\/p>\n<p>Hoffer, E. (1951) The True Believer. Harper and Row, New York<\/p>\n<p>The Skeptic&#8217;s Dictionary: <a href=\"https:\/\/www.skepdic.com\/truebeliever.html\">true-believer syndrome<\/a><\/p>\n<p>RatioBlog: <a href=\"https:\/\/www.ratioblog.de\/entry\/fehlschluss-19-das-galileo-gambit\">Fehlschluss #19: Das Galileo-Gambit<\/a><\/p>\n<p>zitate.net: <a href=\"https:\/\/zitate.net\/mahatma%20gandhi.html\">Zitate &#8211; Mahatma Gandhi<\/a><\/p>\n<p>Randi, J. (1995), An Encyclopedia of Claims, Frauds, and Hoaxes of the Occult and Supernatural, Prometheus Books, New York<\/p>\n<p>Keene, L. (as told to Allen Spraggett) (1976), The Psychic Mafia, St. Martin&#8217;s Press, New York<\/p>\n<p>Taylor, J. G. (1975) Superminds: a Scientist Looks at the Paranormal, Viking Press, New York<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner Auszeit erscheinen hier einige Gastbeitr\u00e4ge von anderen Bloggern. Wenn ihr auch Lust habt, euer Blog (euren Podcast, euer Videoblog, etc) hier vorzustellen oder einfach nur mal einen Artikel schreiben wollt, dann macht mit! Heute gibt es einen Artikel von Celsus, Betreiber von Skeptator, des Meta-Blogs f\u00fcr Wissenschaft und kritisches Denken.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6662,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[221,11],"tags":[141,28,189],"class_list":["post-20787","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-naturwissenschaften","tag-pseudowissenschaft","tag-wissenschaft","tag-wissenschaftstheorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20787","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20787"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20787\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20788,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20787\/revisions\/20788"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20787"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20787"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20787"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}