{"id":20427,"date":"2012-04-17T13:30:33","date_gmt":"2012-04-17T11:30:33","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/04\/17\/publikationszwang-muss-wissenschaftliche-software-freigegeben-werden\/"},"modified":"2025-05-14T16:07:37","modified_gmt":"2025-05-14T14:07:37","slug":"publikationszwang-muss-wissenschaftliche-software-freigegeben-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/04\/17\/publikationszwang-muss-wissenschaftliche-software-freigegeben-werden\/","title":{"rendered":"Publikationszwang: Muss wissenschaftliche Software freigegeben werden?"},"content":{"rendered":"<p>Erst k\u00fcrzlich haben wir hier <a href=\"www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/04\/kunst-und-kreativitat-nur-in-der-freizeit-ein-paar-gedanken-zu-geistigem-eigentum-geld-und-urheberrecht.php\">\u00fcber kreative Leistungen und Urheberrechte<\/a> diskutiert. Dabei ging es haupts\u00e4chlich um klassische k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeiten: Musik komponieren oder B\u00fccher schreiben zum Beispiel. Die Wissenschaft kam h\u00f6chstens am Rande vor. Dabei ist die nat\u00fcrlich auch ein Gebiet, auf dem kreativ gearbeitet wird. Und es stellen sich die gleichen Fragen wie bei der normalen Urheberrechtsdebatte. Wie werden die wissenschaftlichen Leistungen &#8222;verwertet&#8220;? Muss man bezahlen, um die Ergebnisse einsehen zu d\u00fcrfen? Muss alles komplett frei sein? Oder gibt es auch hier das Recht eines &#8222;Urhebers&#8220;, der zum Beispiel darauf besteht, seine Daten oder Methoden nicht preis zu geben?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIn der Wissenschaft geht es dabei weniger um die Bezahlung. Wissenschaftler sind im Allgemeinen Angestellte mit festem Lohn. Viel wichtiger ist hier die Transparenz und die Dokumentation. Die Ergebnisse m\u00fcssen nachvollziehbar und nachpr\u00fcfbar sein. Das ist normalerweise kein Problem. Immerhin ver\u00f6ffentlichen die Forscher ihre Arbeit in Fachzeitschriften, die rein prinzipiell jeder einsehen kann (auch wenn es praktisch nicht immer f\u00fcr jeden m\u00f6glich ist, weswegen dringend mehr Artikel in Open-Acess-Journalen <a href=\"https:\/\/www.scilogs.de\/wblogs\/blog\/fischblog\/allgemein\/2011-07-31\/open-access-das-petitionsverfahren-ist-abgeschlossen\">ver\u00f6ffentlicht werden sollten<\/a>). Aber wenn es um die Methoden geht, wird es schon etwas komplizierter. <i>Jeremy Hsu<\/i> hat in <a href=\"https:\/\/www.scientificamerican.com\/article.cfm?id=secret-computer-code-threatens-science\">einem Artikel bei &#8222;Scientific American&#8220;<\/a> die Frage nach der Ver\u00f6ffenttlichung von Computerprogrammen gestellt.<\/p>\n<p>Ohne Computer geht in der modernen Naturwissenschaft so gut wie gar nichts mehr. Selbst Experimentatoren und Beobachter sind bei ihrer Arbeit meistens darauf angewiesen, Computerprogramme zur Datenauswertung zu benutzen. Und Theoretiker nutzen umfangreiche Computersimulationen, um ihre Daten zu gewinnen. Standardisierte Software gibt es dabei selten. Viel \u00f6fter schreiben die Wissenschaftler ihren code selber; speziell zugeschnitten auf das jeweilige Forschungsvorhaben. Soll dieser Programmcode nun ebenfalls zwingend gemeinsam mit den eigentlichen wissenschaftlichen Ergebnissen ver\u00f6ffentlicht werden?<\/p>\n<p>Klar, auf jeden Fall! werden die meisten jetzt wohl sagen. Wie sonst soll man Transparenz erm\u00f6glichen und sicherstellen, dass hier niemand schummelt. Und das ist prinzipiell auch richtig. so eine Forderung st\u00f6sst aber schnell auf praktische Probleme. Computerprogramme in der Wissenschaft k\u00f6nnen oft enorm umfangreich sein. Es steckt oft sehr viel Arbeit in ihnen. Nicht nur reine Programmierarbeit; auch echte Forschung. Manche Diplomanden oder Doktoranden tun nichts anderes, als an einem speziellen Computerprogramm zu arbeiten. Manchmal sitzen mehrere Generationen an Wissenschaftlern an einem Programm und entwickeln und optimieren es \u00fcber Jahre hinweg. Dann ist es verst\u00e4ndlich, dass sie auch von ihrer Arbeit profitieren wollen. Warum soll man jahrelang ein spezielles St\u00fcck Software entwickeln, nur um es dann sofort zu ver\u00f6ffentlichen und es damit den konkurrierenden Forschergruppen zur freien Verf\u00fcgung zu stellen? Die k\u00f6nnen sich dann die m\u00fchsame Entwicklungsarbeit sparen und direkt mit der Datenproduktion bzw. -auswertung anfangen. Es ist also verst\u00e4ndlich, wenn Wissenschaftler nicht immer begeistert von der Vorstellung sind, ihre Computerprogramme frei zu geben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich heisst das nicht, dass alles komplett geheim gehalten soll! Selbstverst\u00e4ndlich muss man in einer wissenschaftlichen Publikation genau erkl\u00e4ren, <i>wie<\/i> man an seine Daten gekommen ist. Man muss seine Methoden ausf\u00fchrlich beschreiben. Aber es macht einen Unterschied, ob man nur das Prinzip beschreibt, mit dem man seine Daten gewinnt oder auswertet oder ob man gleich die komplette Software ver\u00f6ffentlicht. Ich selbst bin vor dem Problem noch nie gestanden. Die Software, die ich geschrieben habe, h\u00e4tte ruhig jeder sehen k\u00f6nnen; so speziell, au\u00dfergew\u00f6hnlich und arbeitsintensiv war sie nicht. Aber das Programm zur N-K\u00f6rper-Integration mit dem in unserer Arbeitsgruppe die himmelsmechanischen Simulationen durchgef\u00fchrt wurden, wurde schon etwas besser &#8222;beh\u00fctet&#8220;. Die <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/05\/integration-durch-differenzieren-lieintegration.php\">Grundlagen dieser Methode<\/a> wurden selbstverst\u00e4ndlich publiziert, <a href=\"https:\/\/articles.adsabs.harvard.edu\/full\/1984A%26A...132..203H\">sehr detailliert sogar<\/a>. Aber von dort zum fertigen, funktionsf\u00e4higen Programm ist es noch ein St\u00fcck Arbeit&#8230; Im Gegensatz zu anderen Arbeitsgruppen war das Programm nie wirklich &#8222;geheim&#8220;. Wer uns nett gefragt hat, hat das Programm auch bekommen. Aber eine komplette Freigabe wollte unser Chef nicht. Vor allem, weil es eben gerade keine Standardsoftware war. Das Programm war immer &#8222;work in progress&#8220;, jahrelang. Und damit nicht wirklich besonders nutzerfreundlich. Wer sich damit besch\u00e4ftigt hatte, der wusste auch, wie man damit umgehen muss. Aber zur Ver\u00f6ffentlichung hat es sich schon rein formal nicht geeignet (Irgendwann hat ein Student mal eine &#8222;sch\u00f6ne&#8220; Version des Programms geschrieben und publiziert).<\/p>\n<p>Es scheint hier wieder einen Konflikt zwischen analog und digital zu geben. Wenn ein Experimentator jahrelang an einem kniffligen Ger\u00e4t bastelt, dann wird er am Ende nat\u00fcrlich auch eine entsprechende Publikation schreiben und darin genau erkl\u00e4ren, wie es funktioniert. Aber es w\u00e4re absurd zu verlangen, dass er sein Ger\u00e4t nun jeder anderen Forschergruppe zur Verf\u00fcgung stellen muss. Handelt es sich aber nicht um ein physisches Ger\u00e4t, sondern um digitale Software, dann wird genau das gefordert. Bei gro\u00dfen Weltraumprojekten hat man eine Art Kompromi\u00df gefunden. Im Bau eines Satelliten oder Weltraumteleskops steckt ja noch viel mehr Geld und Zeit als in einem normalen St\u00fcck Software. Hier wird es meistens so gel\u00f6st, dass die an der Entwicklung beteiligten Teams zuerst das Recht haben, exklusiv mit den Daten zu arbeiten. Erst nach einer gewissen Frist werden sie f\u00fcr die Allgemeinheit freigegeben.<\/p>\n<p>Es ist ein schwieriges Problem. Sch\u00fctzt man lieber die Investition der Wissenschaftler? Oder ist die totale Transparenz der Methoden wichtiger? Meine Meinung ist gespalten; ich tendiere aber eher dazu, keinen Publikationszwang f\u00fcr Software zu fordern. Es ist sowieso illusorisch <i>jedes<\/i> Detail einer Forschungsarbeit \u00f6ffentlich zu machen. Eine wissenschaftliche Publikation muss detailliert genug beschrieben sein, damit andere Forscher die Arbeit nachvollziehen k\u00f6nnen. Geht es um Software, dann m\u00fcssen die verwendeten Algorithmen und Techniken ausreichend dokumentiert werden, um es anderen Wissenschaftlern zu erm\u00f6glichen, auf dieser Basis selbst ein Programm zu schreiben. Aber das ist ja auch jetzt schon der Standard. Ich spreche jetzt aus meiner Erfahrung als Himmelsmechaniker; eine Disziplin der Astronomie in der sehr viel eigener Code geschrieben wird. Aber vielleicht sieht das in anderen Bereichen anders aus? Wie seht ihr das?\t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/32704a9144bd40c1b192b6ffc65a2aff\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst k\u00fcrzlich haben wir hier \u00fcber kreative Leistungen und Urheberrechte diskutiert. Dabei ging es haupts\u00e4chlich um klassische k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeiten: Musik komponieren oder B\u00fccher schreiben zum Beispiel. Die Wissenschaft kam h\u00f6chstens am Rande vor. Dabei ist die nat\u00fcrlich auch ein Gebiet, auf dem kreativ gearbeitet wird. 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