{"id":20120,"date":"2012-01-11T19:00:23","date_gmt":"2012-01-11T18:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/01\/11\/die-milchstrasse-ist-voller-planeten\/"},"modified":"2025-05-14T16:07:09","modified_gmt":"2025-05-14T14:07:09","slug":"die-milchstrasse-ist-voller-planeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2012\/01\/11\/die-milchstrasse-ist-voller-planeten\/","title":{"rendered":"Die Milchstra\u00dfe ist voller Planeten!"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Wei\u00dft du wieviel Sternlein stehen?&#8220;<\/i>, lautet der Titel eines bekannten Schlafliedes. Im Refrain wird zwar behauptet <i>&#8222;Gott, der Herr, hat sie gez\u00e4hlet&#8220;<\/i>, mittlerweile wissen aber auch wir Menschen so einigerma\u00dfen, wie viele Sterne es gibt. In unserer eigenen Galaxie, der Milchstra\u00dfe, sind es etwa 200 Milliarden St\u00fcck (und im ganzen beobachtbaren Universum gibt es noch ein paar hundert Milliarden anderer Galaxien). Aber wie steht es mit den Planeten? Unsere Sonne wird von 8 Planeten umkreist. Insgesamt kennen wir 716 andere Planeten die fremde Sterne umkreisen. Es muss nat\u00fcrlich viel mehr geben. Aber wie viele sind es? In etwa so viele, wie es Sterne gibt, lautet das Ergebnisse einer eben ver\u00f6ffentlichten Beobachtungskampagne. <i>Arnaud Cassan<\/i> vom Institut d&#8217;Astrophysique de Paris und seine Kollegen <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/news\/eso1204\/\">haben herausgefunden<\/a>, dass jeder Stern unserer Milchstra\u00dfe durchschnittlich von 1,6 Planeten umkreist wird!<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas ist ein wirklich beeindruckendes Ergebnis, dessen Bedeutung man kaum \u00fcbersch\u00e4tzen kann! Noch vor weniger als 20 Jahren wussten wir noch nicht einmal, ob es au\u00dferhalb unseres Sonnensystems \u00fcberhaupt noch weitere Planeten gibt oder ob wir nicht vielleicht doch ein kosmischer Sonderfall sind. In den letzten Jahren haben wir immer mehr Planeten entdeckt, aber bis vor kurzem war es nie wirklich genug, um eine vern\u00fcnftige Statistik machen zu k\u00f6nnen. Unsere Beobachtungsmethoden waren zu beschr\u00e4nkt, um einen globalen \u00dcberblick gewinnen zu k\u00f6nnen. Aber je mehr Daten in den letzten Monaten gewonnen wurden (zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/02\/kepler-findet-haufenweise-potentielle-exoplaneten-wir-sind-nicht-allein.php\">vom Weltraumteleskop Kepler<\/a>) desto klarer wurde, dass Planeten im Universum zumindest nicht selten sind.<\/p>\n<p>Schon im Mai 2011 hat sich abgezeichnet, dass Planeten vielleicht nicht nur nicht selten, sondern sehr h\u00e4ufig sein k\u00f6nnten. Da hat eine gro\u00dfe Gruppe von Wissenschaftlern ihre <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/05\/ein-himmel-voller-planeten.php\">Ergebnisse \u00fcber &#8222;free-floating planets&#8220;<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Das sind Planeten, die nicht an einen Stern gebunden sind, sondern ganz alleine durch die Milchstra\u00dfe fliegen. Man hat sie durch Beobachtung von <i>Gravitationslinseneffekten<\/i> (dazu gleich mehr) entdeckt und die auf diesen Beobachtungen basierenden Hochrechnungen haben ergeben, dass es davon etwa 400 Milliarden St\u00fcck in unserer Milchstra\u00dfen geben muss! Also mehr frei-fliegende Planeten als Sterne! Planeten kommen aber nicht aus dem Nichts und auch diese Planeten, die heute ohne Sterne ihren Weg durch die Milchstra\u00dfe gehen, m\u00fcssen fr\u00fcher einmal bei einem Stern entstanden sein. Erst sp\u00e4ter wurden sie aus der Umlaufbahn geworfen &#8211; z.B. durch Kollisionen oder <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/11\/wenn-planeten-wandern-gehen-planetare-migration.php\">planetare Migration<\/a> &#8211; und haben ihren Stern verlassen. Wenn es aber schon so viele Planeten <i>ohne<\/i> Stern gibt, wie viele sind dann noch \u00fcbrig geblieben?<\/p>\n<p>Auch diese Frage hat man mit der Beobachtung des Gravitationslinseneffekts zu beantworten probiert. Eine &#8222;Gravitationslinse&#8220; ist im Wesentlichen nichts anderes als eine ganz normale optische Linse. Nur wird das Licht hier nicht durch die speziellen Eigenschaften eines Glases abgelenkt, sondern durch eine gro\u00dfe Masse, die den Raum kr\u00fcmmt (wie es in Albert Einsteins allgemeiner Relativit\u00e4tstheorie vorhergesagt wird). Der gekr\u00fcmmte Raum ver\u00e4ndert den Weg des Lichts. Wenn wir einen weit entfernten Stern betrachten, dann strahlt dessen Licht in alle Richtungen und uns auf der Erde erreicht nur ein bestimmter Teil. Wenn sich nun eine &#8222;Linse&#8220;, d.h. eine gr\u00f6\u00dfere Masse, zwischen dem Stern und uns befindet, dann kann die daf\u00fcr sorgen, dass Lichtstrahlen die normalerweise nicht die Erde erreichen so umgelenkt werden, dass wir sie doch sehen. Im Teleskop macht sich das dann als Anstieg der Helligkeit des Sterns bemerkbar. Wenn man also auf Planetensuche geht, dann probiert man, m\u00f6glichst viele Sterne zu beobachten und ihre Helligkeit zu messen. Beobachtet man hier einen Helligkeitsanstieg, dann ist das Anzeichen daf\u00fcr, dass vielleicht gerade ein Planet vor dem Stern vor\u00fcber gezogen ist.<\/p>\n<form mt:asset-id=\"28976\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-0998a1432fcbad13c61f955f78ce54a5-microlense.jpg\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-0998a1432fcbad13c61f955f78ce54a5-microlense.jpg','popup','width=2212,height=1304,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-27d25ff0721cf666930ae3cbb17e0676-microlense-thumb-500x294-1.jpg\" alt=\"i-27d25ff0721cf666930ae3cbb17e0676-microlense-thumb-500x294.jpg\" \/><\/a><\/form>\n<div style=\"text-align: center;\"><em><small>Gravitationslinsenereignis von Stern und Planet (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/eso0603b\/\">Bild: ESO<\/a>)<\/small><\/em><\/div>\n<p>Genauso solche Gravitationslinseneffekte sucht das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Probing_Lensing_Anomalies_Network\">Probing Lensing Anomalies Network (PLANET)<\/a>, das Daten vom <a href=\"https:\/\/ogle.astrouw.edu.pl\/\">&#8222;Optical Gravitational Lensing Experiment (OGLE)&#8220;<\/a> auswertet. Bei diesen Beobachtungskampagnen werden sehr viele Sterne auf einmal beobachtet und spezielle Algorithmen schlagen sofort Alarm, wenn sich irgendwo der f\u00fcr einen Gravitationslinseneffekt charakteristische Helligkeitsanstieg zeigt. Dann probieren die beteiligten Astronomen so schnell wie m\u00f6glich ihre Teleskop auf den Stern zu richten und ihn im Detail zu beobachten. Das klappt mittlerweile recht gut, man beobachtet regelm\u00e4\u00dfig Gravitationslinseneffekte. Aber bis man alle 200 Milliarden Sterne der Milchstra\u00dfe durch hat, w\u00fcrde doch sehr viel Zeit vergehen \ud83d\ude09 Also muss man auch in diesem Fall auf Statistik zur\u00fcck greifen. Man wei\u00df, was man beobachtet hat und man wei\u00df, was man beobachten h\u00e4tte k\u00f6nnen, wenn die Instrumente besser gewesen w\u00e4ren. Man wei\u00df, wie viele Effekte man in dem kleinen Bereich gemessen hat, den man beobachtet hat und man wei\u00df, wie gro\u00df der Bereich ist, der noch nicht beobachtet wurde. Arnaud Cassan und seine Kollegen haben die Beobachtungsdaten aus sechs Jahren (von 2002 bis 2007) ausgewertet. Ihre Hochrechnung (so wie bei einer Wahl, nur nicht ganz so ungenau \ud83d\ude09 ) ergab folgende Werte f\u00fcr die Zahl der Planeten, die ihre Sterne in einem Abstand von 0,5 bis 10facher Erdentfernung umkreisen:<\/p>\n<ul>\n<li>17% aller Sterne haben einen gro\u00dfe Gasriese mit einer Masse bis zur 10fachen Masse des Jupiter.<\/li>\n<li>52% aller Sterne haben einen Neptun-\u00e4hnlichen Planeten mit der 10- bis 30fachen Masse der Erde.<\/li>\n<li>62% aller Sterne haben eine &#8222;Supererde&#8220; mit der 5- bis 10fachen Masse der Erde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>und<\/p>\n<ul>\n<li>Im Durchschnitt wird jeder Stern von 1,6 Planeten umkreist.<\/li>\n<\/ul>\n<form mt:asset-id=\"28945\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-1f67b40a291be8214b15c62b94887aea-newsimage160357.jpg\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-1f67b40a291be8214b15c62b94887aea-newsimage160357.jpg','popup','width=1772,height=1170,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-9deaec8b2a7f42167b737f88fb8af784-newsimage160357-thumb-500x330-1.jpg\" alt=\"i-9deaec8b2a7f42167b737f88fb8af784-newsimage160357-thumb-500x330.jpg\" \/><\/a><\/form>\n<div style=\"text-align: center;\"><em><small>Fast alles wird von Planeten umkreist! <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/eso1204a\/\">K\u00fcnstlerische Darstellung: Europ\u00e4ische S\u00fcdsternwarte (ESO) \/ M. Kornmesser<\/a><\/small><\/em><\/div>\n<p><\/p>\n<p>Wenn das keine ph\u00e4nomenalen Ergebnisse sind, dann wei\u00df ich es auch nicht! Seit ich \u00fcber extrasolaren Planeten schreibe, erw\u00e4hne ich immer wieder, dass es nun bald so weit ist, und wir genug Informationen haben, um statistisch vern\u00fcnftige Aussagen \u00fcber ihre H\u00e4ufigkeit zu machen. Das muss ich nun nicht mehr machen. Nun wissen wir, dass Planeten der Normalfall sind. Ein Stern mit Planet ist keine Ausnahme, sondern die Regel! F\u00fcr manche mag das ein wenig dem\u00fctigend sein. Wieder einmal werden wir Menschen auf unseren Platz verwiesen. Die Erde war nicht der Mittelpunkt des Universums. Die Erde war nicht der Mittelpunkt des Sonnensystems. Die Sonne war nicht der Mittelpunkt der Milchstra\u00dfe. Die Milchstra\u00dfe war nur ein kleiner Teil des ganzen gewaltigen Universums. Und jetzt sind auch Planeten wie der unsrige keine Ausnahme mehr. Planeten sind stinknormal und so wie Sterne ein v\u00f6llig normaler Bestandteil des Universums. Wer anthropozentrisch denkt, mag das als dem\u00fctigend empfinden. Ich finde es gro\u00dfartig! Wenn wir nichts besonders sind, dann bedeutet das auch, dass es so etwas ordin\u00e4res wie unseren Planeten auch \u00fcberall sonst geben kann! Die Milchstra\u00dfe ist voller Planeten! Und wer wei\u00df, mit was sonst noch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wei\u00dft du wieviel Sternlein stehen?&#8220;, lautet der Titel eines bekannten Schlafliedes. Im Refrain wird zwar behauptet &#8222;Gott, der Herr, hat sie gez\u00e4hlet&#8220;, mittlerweile wissen aber auch wir Menschen so einigerma\u00dfen, wie viele Sterne es gibt. 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