{"id":19084,"date":"2010-03-10T14:12:39","date_gmt":"2010-03-10T13:12:39","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2010\/03\/10\/360000-planeten-mit-intelligenten-lebenwesen-in-unserer-milchstrasse\/"},"modified":"2025-05-14T16:03:08","modified_gmt":"2025-05-14T14:03:08","slug":"360000-planeten-mit-intelligenten-lebenwesen-in-unserer-milchstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2010\/03\/10\/360000-planeten-mit-intelligenten-lebenwesen-in-unserer-milchstrasse\/","title":{"rendered":"360000 Planeten mit intelligenten Lebewesen in unserer Milchstrasse?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"float: left; padding: 5px;\"><a href=\"https:\/\/www.researchblogging.org\"><img decoding=\"async\" alt=\"ResearchBlogging.org\" src=\"https:\/\/www.researchblogging.org\/public\/citation_icons\/rb2_large_gray.png\" style=\"border:0;\"\/><\/a><\/span>Mit Zahlen ist das so eine Sache. So wie <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/02\/die-top-physiknationen-schweiz-danemark-usa-und-osterreich.php\">Listen und Rankings<\/a> sind sie f\u00fcr uns immer besonders interessant. Wenn Wissenschaftler sich der mit der Frage besch\u00e4ftigen, ob es irgendwo andere intelligente Lebewesen im All gibt und zu der Antwort kommen, dass das sehr wahrscheinlich ist, dann ist das eine Sache. Wenn sie aber eine <i>genaue Zahl<\/i> nennen und sagen wieviel bewohnte Planeten es in unserer Milchstrasse gibt, dann beeindruckt uns das immer ganz besonders &#8211; obwohl ja eigentlich klar sein m\u00fcsste, dass man solche Zahlen nicht so einfach berechnen kann.<\/p>\n<p>Ich habe vor einiger Zeit schonmal \u00fcber die Arbeit eines schottischen Wissenschaftlers geschrieben, der die Anzahl der au\u00dferirdischen Zivilisationen mit <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/10\/3796497-ausserirdische-zivilisationen.php\">37964,97 angegeben hat<\/a>. Eine interessante Arbeit &#8211; aber die Zahl ist mehr oder weniger willk\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Gestern ist mir bei arXiv ein \u00e4hnlicher Artikel aufgefallen. In <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1003.1368\">&#8222;Probability Distribution of Terrestrial Planets in Habitable Zones around Host Stars&#8220;<\/a> besch\u00e4ftigen sich <i>Jianpo Guo<\/i> und seine Kollegen von der Yunnan Sternwarte in China mit der Frage nach der Anzahl der erd\u00e4hnlichen Planeten in unserer Milchstrasse.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nWir haben ja mittlerweile schon \u00fcber 400 extrasolare Planeten entdeckt &#8211; aber so gut wie alle davon sind gro\u00dfe Gasplaneten wie Jupiter oder Saturn. Sogenannte <i>terrestrische Planeten<\/i> kennen wir kaum; den ersten hat das Weltraumteleskop CoRoT vor <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/planeten\/2009\/02\/corot-entdeckt-ersten-transitierenden-terrestrischen-planeten.php\">knapp einem Jahr entdeckt<\/a>.<\/p>\n<p>So ein terrestrischer oder <i>erd\u00e4hnlicher<\/i> Planet muss nicht unbedingt wie die Erde aussehen (also mit Atmosph\u00e4re, Ozeanen usw). Mit diesem Begriff werden generell Planeten bezeichnet, die felsig sind &#8211; also keinen Gasriesen wie Jupiter &#8211; und deren chemische bzw. mineralogische Zusammensetzung der Erde \u00e4hnelt (das ist zumindest die Definition die Guo und seine Kollegen verwenden). Die Massen dieser Planeten k\u00f6nnen dabei zwischen etwa einer halben Erdmasse und der zehnfachen Erdmasse variieren. <\/p>\n<p>Aber nur ein passende Masse und eine \u00e4hnliche Zusammensetzung reichen noch nicht aus damit sich auf so einem Planeten auch Leben entwickeln kann. In unserem Sonnensystem z\u00e4hlen Merkur, Venus, Erde und Mars zu den terrestrischen Planeten und nur auf der Erde gibt es Leben (die Spekulationen \u00fcber Mars lasse ich jetzt mal au\u00dfen vor). Ein terrestrischer Planet sollte sich n\u00e4mlich auch noch in der <i>habitablen Zone<\/i> seines Planetensystems befinde. Normalerweise bezeichnet man damit den Bereich um einen Stern, wo dessen Strahlung genau richtig ist, damit es auf der Oberfl\u00e4che eines Planeten fl\u00fcssiges Wasser geben kann.<\/p>\n<p>Guo und seine Kollegen wollen in ihrem Artikel nun herausfinden, wieviele terrestrische Planeten in unserer Milchstrasse sich in den habitablen Zonen um ihren Stern befinden. Dazu haben sie erstmal ausgerechnet, wo sich die habitable Zone bei den verschiedenen Sterntypen befindet. Denn je nachdem wie schwer bzw. wie hell ein Stern ist, ist diese Zone woanders. Au\u00dferdem ver\u00e4ndert sich die Lage der habitablen Zone auch noch im Laufe der Zeit &#8211; denn auch ein Stern leuchtet nicht immer exakt gleich hell. <\/p>\n<p>So sehen ihre Ergebnisse aus:<\/p>\n<form mt:asset-id=\"14721\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-d9fb341af4cd6dc68de816e895b97fbb-exoplanet-HZ.png\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-d9fb341af4cd6dc68de816e895b97fbb-exoplanet-HZ.png','popup','width=783,height=568,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-77abcf22f83dbab74386f6cd7961f6f8-exoplanet-HZ-thumb-500x362-1.png\" alt=\"i-77abcf22f83dbab74386f6cd7961f6f8-exoplanet-HZ-thumb-500x362.png\" \/><\/a><\/form>\n<p><\/p>\n<p>Auf der x-Achse ist hier die Masse des Sterns aufgetragen (angegeben in Sonnenmassen); auf der y-Achse der Abstand vom Stern (angegeben in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Astronomische_Einheit\">Astronomischen Einheiten<\/a> und logarithmischen Ma\u00dfstab). Der gr\u00fcne Bereich ist die jeweilige habitable Zone; wobei die mit Punkten markierte Grenze f\u00fcr die ganz jungen Sterne gilt; die mit Sternen markierte f\u00fcr die ganz alten. Je \u00e4lter ein Stern ist bzw. je massiver er ist, desto weiter drau\u00dfen liegt die habitable Zone.<\/p>\n<form mt:asset-id=\"14724\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-badf3cb76ccd518769d6ad00dc05f0e1-idalin.png\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-badf3cb76ccd518769d6ad00dc05f0e1-idalin.png','popup','width=364,height=711,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-53934c9e6cc3bed12e7441fd9708bce8-idalin-thumb-120x234-1.png\" alt=\"i-53934c9e6cc3bed12e7441fd9708bce8-idalin-thumb-120x234.png\" \/><\/a><\/form>\n<p>Jetzt muss man nur noch rausfinden, wieviele terrestrische Planeten es um einen typischen Stern gibt und ob die sich in der habitablen Zone befinden oder nicht. Das dumme ist nur, dass wir hier keine Beobachtungsdaten haben. Es bleibt einem also nichts anderes \u00fcbrig als zu sch\u00e4tzen bzw. die Situation am Computer zu simulieren. Guo et al haben selbst keine solchen Simulationen durchgef\u00fchrt &#8211; sie beziehen sich auf die Ergebnisse von <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/astro-ph\/0502566\">Ida &#038; Lin aus dem Jahr 2005<\/a>. Die haben genau das gemacht: Simuliert, wie Planeten um verschiedene Sterne entstehen und dann nachgesehen, wo die sich befinden. Die Ergebnisse zeigt das Bild rechts. In Abh\u00e4ngigkeit der Sternmasse (0.2, 0.4, 0.6, 1.0, 1.5 Sonnenmassen von oben nach unten) zeigt das Diagramm wo sich in der Simulation die verschiedenen Planeten gebildet haben (x-Achse: Abstand des Planeten von der Sonne; y-Achse: Masse des Planeten).<\/p>\n<p>Diese Daten haben Guo et al benutzt, um daraus die Wahrscheinlichkeit abzusch\u00e4tzen, dass ein bestimmter Stern habitable terrestrische Planeten besitzt. Dabei muss man die vorhandenen Informationen zur gro\u00dfe der habitablen Zone und zur Verteilung der Planeten noch mit der Anzahl der jeweiligen Sterntypen in der Milchstrasse kombinieren.<\/p>\n<p>Guo und seine Kollegen kommen zu dem Ergebnis, dass es in der Galaxis 45,507 Milliarden terrestrische Planeten gibt, die sich in der habitablen Zone ihres Sterns befinden. Die Planeten befinden sich dabei haupts\u00e4chlich bei den kleineren Sternen mit den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spektraltyp\">Spektraltypen<\/a> M und K (11.548 Milliarden Planeten und 12.93 Milliarden Planeten). Um sonnen\u00e4hnliche Sterne mit dem Spektraltyp G kreisen nur 7,622 Milliarden Planeten.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Ich sag nachher gleich noch ein bisschen was zu der Verl\u00e4\u00dflichkeit dieser Zahlen. Aber vorher muss ich noch kurz den letzten Abschnitt im Artikel von Guo et al. erw\u00e4hnen. Da haben sie es meiner Meinung nach mit den Zahlen dann doch ein wenig \u00fcbertrieben. Sie verweisen auf eine Arbeit, <a href=\"https:\/\/adsabs.harvard.edu\/abs\/2008AsBio...8..175W\">die sich mit der Wahrscheinlichkeit besch\u00e4ftigt, dass auf einem Planeten Leben unterschiedlicher Komplexit\u00e4t entsteht<\/a> und schlie\u00dfen daraus, dass es in unserer Milchstrasse 4.3 Milliarden Planeten mit primitiven Leben, 3.7 Millionen Planeten mit komplexen Leben und 360000 Planeten mit intelligenten Leben gibt.<\/p>\n<p>Das ist wirklich ein bisschen zuviel des guten. Absch\u00e4tzungen dieser Art sind nat\u00fcrlich vollkommen zul\u00e4ssig und durchaus auch sinnvoll. Aber man sollte dann auch dazu sagen, wie verl\u00e4\u00dflich die ganze Sache ist. Und das machen Guo und seine Kollegen in der ganzen Arbeit nirgends! Weder bei ihrer Absch\u00e4tzung zur Anzahl der Planeten generell noch zur Absch\u00e4tzung der Planeten mit Leben. Das ist ein grober Mangel &#8211; denn sie vernachl\u00e4ssigen einige wichtige Faktoren deren Einflu\u00df auf das Ergebnis zumindest erw\u00e4hnt werden h\u00e4tte m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte zum Beispiel die dynamische Evolution der Planeten ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen. Die terrestrischen Planeten befinden sich ja vermutlich nicht alleine im Planetensystem und ihre Bahnen werden von den anderen Planeten beeinflusst werden. Es gibt die  <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/11\/wenn-planeten-wandern-gehen-planetare-migration.php\">planetaren Migration<\/a>; die <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/12\/jupiter-freund-oder-feind.php\">Position der Gasriesen beeinflusst dann wieder die Asteroiden<\/a> &#8211; was sich auf die Habitabilit\u00e4t auswirken kann; die <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/05\/kein-leben-ohne-mond.php\">Schwankung der Planetenachse<\/a> spielt eine Rolle &#8211; usw. Nat\u00fcrlich kann man nicht <i>alle<\/i> Faktoren in einer einzigen Arbeit unterbringen &#8211; aber man h\u00e4tte sie zumindest erw\u00e4hnen k\u00f6nnen und erl\u00e4utern, warum es sinnvoll ist, sie in diesem Zusammenhang zu ignorieren. Aber einfach so ein paar Zahlen zu ver\u00f6ffentlichen und zu behaupten, es g\u00e4be so und so viele Planeten mit intelligentem Leben (oder prinzipiell Leben) ohne irgendwas zur Verl\u00e4\u00dflichkeit der Methodik zu sagen: das ist nicht in Ordnung. Ich wei\u00df nicht, wer der Gutachter bei diesem Artikel war (er erschien im August 2008 in <a href=\"https:\/\/www.springerlink.com\/content\/k74530802402jq2v\/https:\/\/www.springerlink.com\/content\/k74530802402jq2v\/\">Astrophysics and Space Science<\/a>) &#8211; aber sowas h\u00e4tte man nicht durchgehen lassen sollen. Das hinterl\u00e4sst einen schlechten Nachgeschmack den dieser ansonsten interessante Artikel nicht verdient hat.<\/p>\n<hr>\n<p><span class=\"Z3988\" title=\"ctx_ver=Z39.88-2004&#038;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Ajournal&#038;rft.jtitle=Astrophysics+and+Space+Science&#038;rft_id=info%3Adoi%2F10.1007%2Fs10509-009-0081-z&#038;rfr_id=info%3Asid%2Fresearchblogging.org&#038;rft.atitle=Probability+distribution+of+terrestrial+planets+in+habitable+zones+around+host+stars&#038;rft.issn=0004-640X&#038;rft.date=2009&#038;rft.volume=323&#038;rft.issue=4&#038;rft.spage=367&#038;rft.epage=373&#038;rft.artnum=http%3A%2F%2Fwww.springerlink.com%2Findex%2F10.1007%2Fs10509-009-0081-z&#038;rft.au=Guo%2C+J.&#038;rft.au=Zhang%2C+F.&#038;rft.au=Chen%2C+X.&#038;rft.au=Han%2C+Z.&#038;rfe_dat=bpr3.included=1;bpr3.tags=Astronomy%2CTheoretical+Astrophysics%2C+Celestial+Mechanics%2C+Planetary+Astronomy\">Guo, J., Zhang, F., Chen, X., &#038; Han, Z. (2009). Probability distribution of terrestrial planets in habitable zones around host stars <span style=\"font-style: italic;\">Astrophysics and Space Science, 323<\/span> (4), 367-373 DOI: <a rev=\"review\" href=\"https:\/\/dx.doi.org\/10.1007\/s10509-009-0081-z\">10.1007\/s10509-009-0081-z<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Zahlen ist das so eine Sache. So wie Listen und Rankings sind sie f\u00fcr uns immer besonders interessant. Wenn Wissenschaftler sich der mit der Frage besch\u00e4ftigen, ob es irgendwo andere intelligente Lebewesen im All gibt und zu der Antwort kommen, dass das sehr wahrscheinlich ist, dann ist das eine Sache. 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