{"id":18252,"date":"2009-07-10T23:45:57","date_gmt":"2009-07-10T21:45:57","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/07\/10\/doch-keine-dunkle-materie\/"},"modified":"2025-05-14T16:01:01","modified_gmt":"2025-05-14T14:01:01","slug":"doch-keine-dunkle-materie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/07\/10\/doch-keine-dunkle-materie\/","title":{"rendered":"Doch keine dunkle Materie?"},"content":{"rendered":"<p>In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte der Astronom Fritz Zwicky, dass sich Galaxien in Galaxienhaufen nicht so bewegten, wie sie es sollte: sie waren viel zu schnell. Bei der Geschwindigkeit und der beobachteten Gesamtmasse der Galaxienhaufen h\u00e4tten sie l\u00e4ngst auseinanderfliegen m\u00fcssen und d\u00fcrften nicht mehr gravitativ aneinandergebunden sein &#8211; was sie aber waren. Es sah so aus, als w\u00e4re da irgendwo noch mehr Masse; Materie, die anscheinend nicht sichtbar ist. In den 60ern beobachtete die Astronomin Vera Rubin, wie sich Sterne in Spiralgalaxien bewegte. Auch sie bewegten sich nicht so, wie sie eigentlich sollten. Sie bewegten sich so, als w\u00e4re in der Galaxie noch mehr Materie enthalten, als man beobachten konnte. <\/p>\n<p>Seitdem hat man dieses Verhalten zweifelsfrei in vielen anderen F\u00e4llen best\u00e4tigt. Es <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/12\/neptun-vulkan-und-die-dunkle-materie.php\">l\u00e4sst sich auf zwei Arten interpretieren<\/a>: entweder gibt es tats\u00e4chlich noch eine andere Art von Materie im Universum; Materie, die zwar gravitativ wechselwirkt, aber nicht elektromagnetisch: sie ist also unsichtbar. Oder irgendetwas stimmt nicht mit den Formeln, anhand derer wir die gravitative Wechselwirkung berechnen. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das R\u00e4tsel um die Existenz der &#8222;dunklen Materie&#8220; geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen ungel\u00f6sten Problemen der Physik. Alles deutet darauf hin, dass unser Universum tats\u00e4chlich zu einem gro\u00dfen Teil aus Materie besteht, die v\u00f6llig anders zu sein scheint, als die &#8222;normale&#8220; Materie, aus der die Dinge bestehen, die uns umgeben und die wir kennen. <\/p>\n<p>Auch wenn wir die genau Natur der dunklen Materie noch nicht kennen (was sich vielleicht <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/wissenschaft-am-lhc-die-suche-nach-dunkler-materie.php\">aber bald \u00e4ndern wird<\/a>) gehen die allermeisten Astronomen und Physiker von ihrer Existenz aus. Eine Minderheit verfolgt einen anderen weg: die MOND-Hypothese. &#8222;MOND&#8220; steht hier f\u00fcr &#8222;Modifizierte Newtonsche Dynamik&#8220; und es handelt sich dabei um eine Abwandlung der Newtonschen (bzw. Einsteinschen) Gravitationsgleichung. Aufgestellt hat diese Gleichungen Mordehai Milgrom und im Normalfall stimmen sie mit den bekannten Formeln \u00fcberein. Nur f\u00fcr sehr kleine Beschleunigen sagen sie eine Abweichung von den Newtonschen Gesetzen vor. Dadurch w\u00fcrde sich der beobachtete Effekt ergeben, der von den anderen Astronomen als dunkle Materie interpretiert wird.<\/p>\n<p>MOND zu best\u00e4tigen ist schwer &#8211; die daf\u00fcr n\u00f6tigen Messungen bei kleinen Beschleunigungen k\u00f6nnen noch nicht mit der n\u00f6tigen Genauigkeit durchgef\u00fchrt werden. Milgrom hat nun aber eine neue Arbeit ver\u00f6ffentlicht. In &#8222;<a href=\"https:\/\/uk.arxiv.org\/abs\/0906.4817\">MOND effects in the inner Solar System<\/a>&#8220; beschreibt er einen neuen Effekt, der sich aus den MOND-Gleichungen ableitet und der die Bewegung der Planeten in unserem Sonnensystem betrifft. Und dieser Effekt soll leichter nachzuweisen sein!<\/p>\n<p>Diese neue gravitative Anomalie w\u00fcrde wie ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Quadrupol\">Quadrupol<\/a>feld erscheinen. F\u00fcr Objekte au\u00dferhalb der Ebene des Sonnensystems w\u00fcrde sie sich als absto\u00dfende Kraft bemerkbar machen; f\u00fcr die in der Ebene als anziehende Kraft. Bei den Planeten im Sonnensystem soll sich der Effekt laut Milgrom auf die Bewegung der Perihele (die sonnenn\u00e4chsten Punkte der Bahnen) auswirken. K\u00f6nnte man hier Anomalien messen (und zwar bei allen Planeten), w\u00e4re das seiner Meinung nach ein deutliches Anzeichen daf\u00fcr, das MOND richtig ist.<\/p>\n<p>Das wurde bis jetzt noch nicht gemessen. Oder vielleicht doch? Eine <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/0811.0756\">Arbeit aus dem letzten Jahr<\/a>, die sich mit der Auswertung der Bahndaten von Cassini (die Sonde, die im Saturnsystem unterwegs ist) besch\u00e4ftigt, kommt zu dem Schlu\u00df, dass die Periheldrehung des Saturns nicht exakt den berechneten Werten folgt! <i>Lorenzo Iorio<\/i> behauptet darin, dass diese Abweichung sich weder mit den Newtonschen, noch mit den Einsteinschen Gravitationsgleichungen erkl\u00e4ren l\u00e4sst! <\/p>\n<form mt:asset-id=\"3189\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-3a0fd0d666f8a9ff4fd6da5ed9392b8b-bullet.jpg\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-3a0fd0d666f8a9ff4fd6da5ed9392b8b-bullet.jpg','popup','width=420,height=303,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-15be4e363bf72e68962e41852d2cac1d-bullet-thumb-420x303-1.jpg\" alt=\"i-15be4e363bf72e68962e41852d2cac1d-bullet-thumb-420x303.jpg\" \/><\/a><\/form>\n<p align=\"center\"><font style=\"font-size: 0.8em;\"><i>Bullet Cluster:<\/i><\/font><font style=\"font-size: 0.8em;\"><i> <a href=\"https:\/\/chandra.harvard.edu\/photo\/2006\/1e0657\/\">Credit: X-ray:<br \/>\nNASA\/CXC\/CfA\/M.Markevitch et al.; Optical: NASA\/STScI;<br \/>\nMagellan\/U.Arizona\/D.Clowe et al.; Lensing Map: NASA\/STScI; ESO WFI;<br \/>\nMagellan\/U.Arizona\/D.Clowe et al<\/a><\/i><\/font><\/p>\n<p>Noch ist es zu fr\u00fch, um zu sagen, ob das wirklich schon eine Best\u00e4tigung f\u00fcr Milgroms MOND-Hypothese ist (Milgrom hat Iorios Arbeit auch nichtmal zitiert). Und selbst wenn sich MOND als korrekt heraustellen w\u00fcrde, w\u00e4re die dunkle Materie damit immer noch nicht vom Tisch. Denn bei <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/neues-aus-der-forschung-kollidierende-galaxienhaufen-und-dunkle-materie.php\">Untersuchungen des Bullet-Clusters<\/a> (zwei kollidierende Galaxienhaufen) im letzten Jahr wurde einerseits die Verteilung der sichtbaren Materie vermessen; andererseits aber auch das Gravitationspotential in der Region (durch die Auswertung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gravitationslinseneffekt\">Gravitationslinsen<\/a>). Die Auswertung zeigte, dass das Gravitationsfeld im Bullet-Cluster nicht der Verteilung der sichtbaren Materie folgt; es muss also noch eine zweite, nicht sichtbare Quelle f\u00fcr das Gravitationspotential geben. Das l\u00e4sst sich durch die Existenz von dunkler Materie erkl\u00e4ren, nicht aber durch die MOND-Hypothese. Selbst wenn sich MOND also als korrekt herausstellen sollte, brauchen wir immer noch die dunkle Materie, um Beobachtungen wie den Bullet-Cluster zu erkl\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><font style=\"font-size: 0.8em;\"><i>(via <a href=\"https:\/\/www.technologyreview.com\/blog\/arxiv\/23811\/\">arXiv-Blog<\/a>)<\/i><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte der Astronom Fritz Zwicky, dass sich Galaxien in Galaxienhaufen nicht so bewegten, wie sie es sollte: sie waren viel zu schnell. Bei der Geschwindigkeit und der beobachteten Gesamtmasse der Galaxienhaufen h\u00e4tten sie l\u00e4ngst auseinanderfliegen m\u00fcssen und d\u00fcrften nicht mehr gravitativ aneinandergebunden sein &#8211; was sie aber waren. 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