{"id":18056,"date":"2009-05-08T22:15:19","date_gmt":"2009-05-08T20:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/05\/08\/osterreichs-abschied-von-cern-reaktionen\/"},"modified":"2009-05-08T22:15:19","modified_gmt":"2009-05-08T20:15:19","slug":"osterreichs-abschied-von-cern-reaktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/05\/08\/osterreichs-abschied-von-cern-reaktionen\/","title":{"rendered":"\u00d6sterreichs Abschied von CERN: Reaktionen"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hat der \u00f6sterreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn verk\u00fcndet, dass \u00d6sterreich nicht mehr weiter Mitglied des europ\u00e4ischen Kernforschungszentrum CERN sein wird. In <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/05\/osterreich-steigt-bei-cern-aus.php\">meinem Artikel dazu<\/a> habe ich auch schon von einige Reaktionen berichtet &#8211; fast ausschlie\u00dflich negativ.<\/p>\n<p>Mittlerweile haben sich noch mehr Menschen zu Wort gemeldet. Hier kommt ein kleiner \u00dcberblick:<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nWalter Thirring, ein<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Thirring\"> nicht gerade unbekannter<\/a> \u00f6sterreichischer Physiker, der zwischen 1968 und 1971 auch Forschungsdirektor in CERN war, ist <i>&#8222;entsetzt<\/i>&#8220; von Hahns Entscheidung und <a href=\"https:\/\/science.orf.at\/science\/news\/155645\">spricht von einer Katastrophe<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;<font size=\"-1\" face=\"Arial,Helvetica,sans-serif\">Das ist eine<br \/>\nKatastrophe, CERN ist ein Sinnbild daf\u00fcr, dass Europa alle anderen<br \/>\nL\u00e4nder \u00fcberfl\u00fcgeln kann, wenn es zusammenh\u00e4lt.&#8220;<\/font><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Herbert Pietschmann, der ehemaliger Direkter des \u00f6sterreichischen Instituts f\u00fcr Hochenergiephysik spricht in einem offenen Brief an Hahn von einem <i>&#8222;historischen Irrtum&#8220;<\/i>. Ausserdem meint er, dass <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/topic.php?uid=79764652010&amp;topic=8603\">Hahn die Entscheidung nicht im Alleingang<\/a> treffen h\u00e4tte sollen:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Offenbar wurde dieser Beschluss ohne ausreichende Konsultation der<br \/>\neinschl\u00e4gig ausgewiesenen \u00f6sterreichischen Fachleute gefasst, da sich<br \/>\ndie Kunde \u00fcber diese Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen erst<br \/>\nam Tag der Ver\u00f6ffentlichung in den TV-Nachrichten verbreitete. Als<br \/>\nehemaliger \u00f6sterreichischer Delegierter zum Aufsichtsrat des CERN<br \/>\n(\u201eCERN-Council&#8220;) und Direktor des Instituts f\u00fcr Hochenergiephysik der<br \/>\n\u00f6sterreichischen Akademie der Wissenschaften wurde ich jedenfalls nicht<br \/>\nvon dieser Entscheidung informiert und vielen meiner engeren<br \/>\nFachkollegen ist es \u00e4hnlich ergangen.<\/p>\n<p> Aus diesen Gr\u00fcnden liegt<br \/>\ndie Vermutung nahe, dass Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, \u00fcber<br \/>\ndie Konsequenzen Ihrer Entscheidung nicht ausreichend informiert waren.<br \/>\nCERN ist das weltweit gr\u00f6\u00dfte Institut auf dem Forschungsfeld der<br \/>\nStruktur der Materie. Daher pilgern Teilchenphysiker aus aller Welt zu<br \/>\nCERN, um an den grundlegenden Fragen nach dem, \u201ewas die Welt im<br \/>\nInnersten zusammenh\u00e4lt&#8220; mitzuwirken. Durch die Nobelpreise der Jahre<br \/>\n1960, 1963, 1965, 1968, 1969, 1976, 1979, 1980, 1984, 1988, 1990, 1992,<br \/>\n1995, 1999, 2002, 2004 und 2008 wurde dieses Forschungsgebiet<br \/>\nausgezeichnet und ich darf anmerken, dass zwar \u00d6sterreich seit 1945<br \/>\nkeinen Nobelpreis der Physik mehr erhalten hat, dass aber immerhin<br \/>\nmehrere Physikerinnen und Physiker des Instituts f\u00fcr Hochenergiephysik<br \/>\nder \u00f6sterreichischen Akademie der Wissenschaften Co-Autoren der<br \/>\nPublikation sind, f\u00fcr die Carlo Rubbia im Jahre 1984 den Nobelpreis<br \/>\nerhalten hat.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Wenig begeistert ist auch die \u00f6sterreichische Physikerin <i>Felicitas Pauss<\/i>, beim CERN zust\u00e4ndige Ansprechpartner f\u00fcr Probleme der Mitgliedsl\u00e4nder. Vor allem auch deswegen, weil sie ebenfalls <a href=\"https:\/\/derstandard.at\/?url=\/?id=1241622199541\">erst durch die Medien<\/a> von \u00d6sterreichs Austritt erfahren hat. <\/p>\n<p>Aber nicht nur die renommierten Physiker sind von der Entscheidung Hahns entsetzt, auch die Studenten sind verst\u00e4ndlicherweise ver\u00e4rgert. In einer <a href=\"https:\/\/www.ots.at\/presseaussendung.php?schluessel=OTS_20090508_OTS0166&amp;ch=panorama\">Presseaussendung<\/a> meint Bianka Ullmann, Vorsitzende der Studienrichtungsvertretung Physik an der TU Wien:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Das Vorhaben Minister Hahns ist ein grober Einschnitt in die \u00f6sterreichische Forschungslandschaft. Viele \u00f6sterreichische Top-WissenschaftlerInnen und -Lehrende sind am CERN-Projekt beteiligt, wodurch die heimischen Universit\u00e4ten, besonders die Studierenden, enorm profitieren.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Und sie fragt:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Wie soll \u00d6sterreich jemals wieder einen Nobelpreis bekommen, wenn hochkar\u00e4tige Wissenschaft mit F\u00fc\u00dfen getreten wird?&#8220; beklagt Karner die kurzsichtige Wissenschaftspolitik. Die budget\u00e4re Priorit\u00e4tensetzung in \u00d6sterreich l\u00e4uft in eine komplett falsche Richtung.&#8220; stellt Ullmann mit Bedenken fest. Das zeigt die Tatsache, dass f\u00fcr Banken 100 Milliarden Euro ohne Probleme locker gemacht werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend 20 Millionen f\u00fcr ein wissenschaftliches Gro\u00dfprojekt zu viel verlangt sind.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch die Vorsitzende der Studienrichtungsvertretung Physik an der Universit\u00e4t Wien, Carina Karner ist um die Studenten besorgt:<\/p>\n<p>&#8222;Der Ausstieg \u00d6sterreichs aus dem CERN-Projekt hat weitreichende Konsequenzen f\u00fcr viele Studierende. Zahlreiche Praktika, Diplomarbeiten und Dissertationsstellen h\u00e4ngen in der Luft.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird auch in den Blogs diskutiert:<\/p>\n<p>Der Physiker Lubos Motl <a href=\"https:\/\/motls.blogspot.com\/2009\/05\/austria-quits-cern.html\">schreibt in seinem Blog \u00fcber den Austritt<\/a> und \u00e4rgert sich (so wie ich) besonders \u00fcber den <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/kommentare\/leitartikel\/477274\/index.do\">Leitartikel von Martin Kugler in der Presse<\/a>. Dort meint Kugler <strike>(der ehemalige Pressesprecher des Opus Dei)<\/strike> ja, Teilchenphysik w\u00e4re sowieso uninteressant:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Im Vergleich zu den Lebenswissenschaften oder<br \/>\nder Nanotechnologie mutet die Teilchenphysik wie ein<br \/>\nWissenschaftsdinosaurier an: beh\u00e4big (jedes Experiment dauert Jahre),<br \/>\naufwendig (riesige Anlagen sind n\u00f6tig) und wenig zukunftstr\u00e4chtig (die<br \/>\nZeit der gro\u00dfen Entdeckungen scheint vorbei zu sein).&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p><i><br \/><\/i>Motl kommentiert das so: <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;While this idiot may be right that Austria is not a leader in the<br \/>\nfield, his conclusion that it means that particle physics is a dinosaur<br \/>\nshows a serious lack of his brain activity.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/www.physikblog.eu\/2009\/05\/08\/oesterreich-sagt-dem-cern-tschuess\/\">physikBlog kann Hahns Entscheidung<\/a> ebenfalls nicht verstehen: <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Irgendwie ist es schade, dass bei Johannes Hahn der Gedanke der<br \/>\nGrundlagenforschung nicht so ganz angekommen ist. N\u00e4mlich, dass um des<br \/>\nWissens willen geforscht wird. Und daf\u00fcr ist es unerheblich, wie viel<br \/>\nman beitr\u00e4gt, Hauptsache man tr\u00e4gt bei.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>In <a href=\"https:\/\/dorfpfarrer.blogspot.com\/2009\/05\/osterreich-steigt-aus-dem-cern-aus.html\">Gedanken eines Dorfpfarrers<\/a> liest man:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Ein Minister der \u00d6VP die keine Probleme hatte vor Jahren unn\u00f6tiges Geld<br \/>\nf\u00fcr Abfangj\u00e4ger rauszuschmei\u00dfen, geizt auf einmal an im Vergleich zu<br \/>\neben angef\u00fchrten Ausgaben l\u00e4cherlichen 16 Mio. herum. Arm sind wir<br \/>\ndran. Grundlagenforschung wird in unserem Land schon seit Jahren<br \/>\nausgehungert, daf\u00fcr schw\u00e4tzt immer von der so segensreichen angewandten<br \/>\nForschung.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>In <a href=\"https:\/\/s252163662.online.de\/2009\/05\/08\/wissenschaft-aus-in-osterreich\/\">Ruths Blog<\/a> steht:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Wie kann man nur? Es hei\u00dft: kein Geld. Und anscheinend ist das<br \/>\ntats\u00e4chlich der einfache echte Grund. Nicht etwa \u00dcberlegungen, ob<br \/>\nGro\u00dfprojekte dieser Art unzeitgem\u00e4\u00df sein k\u00f6nnten (wie es ein Artikel in<br \/>\nder heutigen Presse meines Erachtens v\u00f6llig un\u00fcberzeugend suggeriert),<br \/>\nauch nicht konkrete Gedanken, dass genau dieses Geld in konkret<br \/>\nanstehende andere Forschungsprojekte flie\u00dfen solle (die irgenwie<br \/>\nvielversprechender w\u00e4ren?). Nein, einfach ein Budgetloch, und nicht<br \/>\neinmal ein gar so gro\u00dfes. Das wahnwitzige Argument, es handle sich um<br \/>\n70% dessen, was f\u00fcr internationale Forschungskooperation vorgesehen<br \/>\nsei, ist ja nur Ausdruck dessen, dass in diesem Land eben nebbich wenig<br \/>\nf\u00fcr internationale Forschungszusammenarbeit ausgegeben wird! Es ist so<br \/>\nschon schlimm genug, nun soll es noch schlimmer kommen.&#8220;<br \/><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Kommentare und Reaktionen g\u00e4be es noch genug &#8211; aber seltsamerweise kaum welche aus der Politik. Die <a href=\"https:\/\/www.ots.at\/presseaussendung.php?schluessel=OTS_20090507_OTS0266&amp;ch=politik\">Gr\u00fcnen sind mit der Entscheidung nicht einverstanden<\/a>. Aber von den andern Parteien ist nichts zu h\u00f6ren (jedenfalls w\u00e4ren mir keine \u00c4u\u00dferungen bekannt &#8211; hat vielleicht jemand was geh\u00f6rt, was mir entgangen ist?). Naja, die SP\u00d6 wird sich als Koalitionspartner von Hahns Partei \u00d6VP nichts zu sagen trauen und bei FP\u00d6 und BZ\u00d6 ist man vermutlich noch auf der Suche nach Leuten, die mit dem Wort &#8222;Teilchenphysik&#8220; etwa anfangen k\u00f6nnen \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Ganz hoffnungslos ist die Lage aber noch nicht. Der CERN-Direktor, Rold-Dieter Heuer wird sich n\u00e4chste Woche mit Hahn und Felicitas Pauss zu einem Gespr\u00e4ch treffen. Und dann mu\u00df die Entscheidung auch noch vom Parlament beschlossen werden. Vielleicht ist es ja noch irgendwie m\u00f6glich, Hahn zu erkl\u00e4ren, dass seine Entscheidung unsinnig war.<\/p>\n<p><b><i>Nachtrag: <a href=\"https:\/\/sos.teilchen.at\/\">Bei sos.teilchen.at<\/a> wird der Protest gegen den Ausstieg koordiniert.<\/i><\/b><\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hat der \u00f6sterreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn verk\u00fcndet, dass \u00d6sterreich nicht mehr weiter Mitglied des europ\u00e4ischen Kernforschungszentrum CERN sein wird. In meinem Artikel dazu habe ich auch schon von einige Reaktionen berichtet &#8211; fast ausschlie\u00dflich negativ. Mittlerweile haben sich noch mehr Menschen zu Wort gemeldet. 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