{"id":17874,"date":"2009-02-25T15:05:14","date_gmt":"2009-02-25T14:05:14","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/02\/25\/johannes-kepler-astronomia-nova-die-einleitung-2\/"},"modified":"2025-05-14T15:59:49","modified_gmt":"2025-05-14T13:59:49","slug":"johannes-kepler-astronomia-nova-die-einleitung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/02\/25\/johannes-kepler-astronomia-nova-die-einleitung-2\/","title":{"rendered":"Johannes Kepler: Astronomia Nova &#8211; Die Einleitung (2)"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem sich Kepler <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/02\/johannes-kepler-astronomia-nova-die-einleitung-1.php\">im letzten Artikel<\/a> ausf\u00fchrlich dem Kaiser gewidmet hat, geht es nun mit der richtigen Einleitung der <i>&#8222;Astronomia Nova&#8220;<\/i> weiter.<\/p>\n<p>Und gleich die ersten Worte lassen erkennen, dass die weitere Lekt\u00fcre anstrengend sein wird:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Es ist heutzutage ein hartes Los, mathematische B\u00fccher<br \/>\nzu schreiben. Wahrt man nicht die geh\u00f6rige Feinheit in den S\u00e4tzen,<br \/>\nErl\u00e4uterungen, Beweisen und Schl\u00fcssen, so ist das Buch kein<br \/>\nmathematisches. Wahrt man sie aber, so wird die Lekt\u00fcre sehr<br \/>\nbeschwerlich, besonders in der lateinischen Sprache (&#8230;). Daher gibt es<br \/>\nheute nur sehr wenig t\u00fcchtige Leser; die \u00fcbrigen lehnen die Lekt\u00fcre<br \/>\n\u00fcberhaupt ab. (&#8230;) Ich selber, der ich als Mathematiker gelte, erm\u00fcde<br \/>\nbeim Wiederlesen meines Werkes mit den Kr\u00e4ften meines Gehirns<br \/>\n(&#8230;).&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hu &#8211; wenn selbst Kepler die &#8222;Astronomia Nova&#8220; als erm\u00fcdenen Lekt\u00fcre empfindet, dann kann das ja noch lustig werden \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Danach erkl\u00e4rt Kepler, dass er in dieser Einleitung einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber das gesamte Buch geben und die wichtigsten Argumente und Ergebnisse zusammenfassen wird:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Besonders jenen zulieb, die sich zur Physik bekennen<br \/>\nund mir; oder vielmehr dem COPERNICUS und somit dem \u00e4u\u00dfersten Altertum<br \/>\nz\u00fcrnen wegen der durch die Erdbewegung bewirkten Ersch\u00fctterung der<br \/>\nGrundlagen der Wissenschaften, also ihnen zulieb will ich getreu die<br \/>\nGrunds\u00e4tze der Hauptkapitel angeben, die hierzu beitragen und ihnen alle<br \/>\nBeweisgrundlagen vor Augen f\u00fchren, auf die sich meine ihnen so sehr<br \/>\nverha\u00dften Schl\u00fcsse st\u00fcrzen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Kepler f\u00e4hrt fort mit einer Erkl\u00e4rung der beiden haupts\u00e4chlichen Weltbilder nach Ptolem\u00e4us und Kopernikus und erw\u00e4hnt auch das tychonische Weltbild (in dem sich die Planeten um die Sonne bewegen; allesamt sich aber um die ruhende Erde drehen). Er erw\u00e4hnt auch dass<br \/>\nalle drei Theorie <em>&#8222;in dem, was sie leisten, genau gleichwertig sind und auf eins hinauskommen.&#8220;<\/em> Die Vorhersagen der drei Weltsysteme eignen sich also nicht, um zu entscheiden, welches davon nun die Realit\u00e4t beschreibt und welche nicht.<\/p>\n<p>Kepler m\u00f6chte nun zeigen, dass seine Verbesserung des Kopernikanischen Systems die Beobachtungsdaten eindeutig besser beschreiben kann. Zuerst zeigt er, dass sein ver\u00e4ndertes System mindestens genau so gute Ergebnisse liefert wie die alten und sogar besser ist:<\/p>\n<blockquote><p><em><em>&#8222;Im II.Teil habe ich die Sache selber in Angriff<br \/>\ngenommen; ich habe nach meinem Verfahren die \u00d6rter des Mars in der<br \/>\nOpposition zur wahren Sonne nicht nur nicht schlechter, sondern sogar<br \/>\nbesser wiedergegeben als jene nach dem alten Verfahren<br \/>\n(&#8230;).&#8220;<\/em><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In der Einleitung erw\u00e4hnt Kepler auch schon seine wichtigsten Ergebnisse:<\/p>\n<blockquote><p><em><em>&#8222;Denn ob sich die Erde oder die Sonne bewegt, jedenfalls<br \/>\nist sicher erwiesen, da\u00df sich der K\u00f6rper, der sich bewegt, in<br \/>\nungleichf\u00f6rmiger Weise bewegt, und zwar langsamer, wenn er weiter vom<br \/>\nruhenden entfernt ist, und schnell, wenn er dem ruhenden sehr nahe<br \/>\nsteht.&#8220;<\/em><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nichts anderes als das zweite Keplersche Gesetz!<\/p>\n<p>Danach besch\u00e4ftigt sich Kepler mit den Kr\u00e4ften, die f\u00fcr die Bewegung der Planeten verantwortlich sind. Die Begriffe sind hier f\u00fcr den modernen Leser relativ ungewohnt. Kepler spricht von <em>&#8222;nichtseelischen, also k\u00f6rperlichen, magnetischen Kr\u00e4ften&#8220;<\/em>, wenn er die Art von Kraft meint, die dem heutigen physikalischen Fachbegriff entspricht.<\/p>\n<p>Der Kraftbegriff stellt f\u00fcr Kepler auch einen wichtigen Hinweis auf die G\u00fcltigkeit des heliozentrischen Weltbildes dar:<\/p>\n<blockquote><p><em><em>Da\u00df andererseits die Sonne an ihrem Ort im Mittelpunkt<br \/>\nder Welt feststeht, ist unter anderem haupts\u00e4chlich deswegen<br \/>\nwahrscheinlich, weil in ihr die Quelle der Bewegung mindestens f\u00fcr die<br \/>\nf\u00fcnf Planeten liegt, Denn man mag COPERNICUS oder BRAHE folgen, in<br \/>\nbeiden F\u00e4llen liegt in der Sonne die Quelle der Bewegung f\u00fcr f\u00fcnf<br \/>\nPlaneten, nach COPENICUS auch noch f\u00fcr den sechsten, die Erde. Da\u00df aber<br \/>\ndie Quelle aller Bewegung an ihrem Ort ruht, ist wahrscheinlicher als<br \/>\nda\u00df sie sich bewegt.&#8220;<\/em><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Argument der Einfachheit hat Kepler auch vorher schon die Theorie des Ptolem\u00e4us verwerfen lassen:<\/p>\n<blockquote><p><em><em>&#8222;Als erster wird PTOLEMAIOS ausgeklatscht. Denn wer<br \/>\nm\u00f6chte glauben, da\u00df es ebensoviele (einander v\u00f6llig \u00e4hnliche, ja sogar<br \/>\ngleiche) Sonnentheorien als Planeten gibt; wo man doch sieht, da\u00df dem<br \/>\nBRAHE zu gleicher Leistung eine einzige Sonnentheorie reicht? Ist es ja<br \/>\nin der Physik ein allgemein angenommenes Axiom: Die Natur verwendet so<br \/>\nwenig Mittel als m\u00f6glich.&#8220;<\/em><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch heute noch gilt in der Physik, dass eine Theorie umso besser ist, je einfacher sie ist.<\/p>\n<p>Kepler findet noch 2 weitere vern\u00fcnftige Argumente f\u00fcr das heliozentrische Weltbild:<\/p>\n<blockquote><p><em><em>&#8222;Nun aber schaue man sich die beiden K\u00f6rper, den der<br \/>\nSonne und den der Erde, an und bilde sich ein Urteil, welchem von beiden<br \/>\ndie Quelle der Bewegung des anderen K\u00f6rpers am ehesten zukommt, ob die<br \/>\nSonne, die die anderen f\u00fcnf Planeten bewegt, die Erde bewegt oder die<br \/>\nErde die Sonne, die Bewegerin der anderen, die so vielmal gr\u00f6\u00dfer ist als<br \/>\nsie? Um nicht sagen zu m\u00fcssen, die Sonne wird von der Erde bewegt, was<br \/>\nsinnlos w\u00e4re, m\u00fcssen wir der Sonne Unbeweglichkeit, der Erde aber<br \/>\nBewegung zuschreiben.<br \/>\nWas soll ich \u00fcber die Umlaufzeit von 365 Tagen sagen? Sie liegt in ihrer<br \/>\nGr\u00f6\u00dfe nach zwischen denen des Mars von 687 Tagen und der der Venus von<br \/>\n225 Tagen. Bezeugt hier nicht die Natur mit lauter Stimme, da\u00df der<br \/>\nUmlauf, zu dem 365 Tage gebraucht werden, auch dem Ort nach mitten<br \/>\nzwischen den Uml\u00e4ufen des Mars und der Venus uum die Sonne erfolgt, also<br \/>\nauch selber um die Sonne erfolgt, so da\u00df also dieser Umlauf der der Erde<br \/>\num die Sonne, nicht der der Sonne um die Erde ist?&#8220;<\/em><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Im letzten Absatz h\u00f6rt man schon erste Ankl\u00e4nge an das dritte Keplersche Gesetz (das den Zusammenhang zwischen Umlaufzeit und Abstand von der Sonne eines Planeten beschreibt) heraus, das allerdings nicht in der &#8222;Astronomia Nova&#8220; ver\u00f6ffentlich wurde sonder erst 10 Jahre sp\u00e4ter in seinem Buch &#8222;Harmonices Mundi&#8220;.<\/p>\n<p>Im Rest der Einleitung besch\u00e4ftigt sich Kepler ausf\u00fchrlich mit der Natur der Kraft, die die Planeten bewegt und geht ebenso ausf\u00fchrlich auf die Argumente derjenigen ein, die meinen, die Bibel w\u00fcrde eindeutig feststellen, die Erde sei in Ruhe und bewege sich nicht.<\/p>\n<p>Dazu aber dann mehr in meinem n\u00e4chsten Artikel.\n<\/p>\n<hr>\n<p>\n<u><b>Bisherige Artikel zur <em>Astronomia Nova<\/em><\/b><\/u>: <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/02\/johannes-kepler-astronomia-nova-die-einleitung-1.php\">Die Einleitung (1)<\/a><\/p>\n<div style=\"border-top: 1px dotted rgb(105, 105, 105); padding: 10px 10px 0pt 0pt; margin-top: 10px;\"><\/div>\n<p><em><strong>Noch mehr Buchrezensionen auf ScienceBlogs:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/2009\/02\/sciencebooks.php\"><\/p>\n<form mt:asset-id=\"5601\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"02_Sciencebooks_550.jpg\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-33ddc65adf7222e34479effc03832ac6-02_Sciencebooks_550.jpg\" class=\"mt-image-center\" style=\"margin: 10px 0px 2px; text-align: center; display: block;\" width=\"550\" height=\"80\" \/><\/form>\n<p><\/a><\/em><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem sich Kepler im letzten Artikel ausf\u00fchrlich dem Kaiser gewidmet hat, geht es nun mit der richtigen Einleitung der &#8222;Astronomia Nova&#8220; weiter. 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