{"id":17857,"date":"2009-02-17T21:16:16","date_gmt":"2009-02-17T20:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/02\/17\/wie-bewertet-man-wissenschaftlichen-erfolg\/"},"modified":"2025-05-14T15:59:47","modified_gmt":"2025-05-14T13:59:47","slug":"wie-bewertet-man-wissenschaftlichen-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2009\/02\/17\/wie-bewertet-man-wissenschaftlichen-erfolg\/","title":{"rendered":"Wie bewertet man wissenschaftlichen Erfolg?"},"content":{"rendered":"<form mt:asset-id=\"5667\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-e2766e7f6120cc89a1f8c698af4965f0-wasting.jpg\" alt=\"i-e2766e7f6120cc89a1f8c698af4965f0-wasting.jpg\" \/><\/form>\n<p>Als ich vor ein paar Tagen wieder einmal bei <a href=\"https:\/\/technorati.com\/\">Technorati<\/a> gest\u00f6bert habe, habe ich auch dar\u00fcber nachgedacht, wie man den Erfolg eines Blogs messen kann. Dieses Thema wurde in der Blogwelt ja schon <a href=\"https:\/\/blog.metaroll.de\/2007\/12\/07\/wie-misst-man-den-erfolg-eines-weblogs\/\">ausgiebig<\/a> <a href=\"https:\/\/www.wissenswerkstatt.net\/2008\/03\/19\/die-populaersten-wissenschaftlichen-blogs-wissenschaftsblog-charts-032008\/\">diskutiert<\/a> &#8211; ohne eine endg\u00fcltige Antwort zu finden. Meistens wird die sg. &#8222;<a href=\"https:\/\/support.technorati.com\/faq\/topic\/71?replies=1\">Technorati-Authority<\/a>&#8220; benutzt: also die Anzahl der Links die von anderen Blogs auf ein bestimmtes Blog gesetzt werden. <\/p>\n<p>Das ist sicherlich ein gutes Me\u00dfinstrument &#8211; einflu\u00dfreichere (und damit wohl auch erfolgreichere) Blogs werden \u00f6fter verlinkt. Aber Links sind nat\u00fcrlich nicht alles. Ein Blog, dass sich z.B. nur mit der Welt der Blogs besch\u00e4ftigt, kann leicht eine hohe <i>authority<\/i> bekommen, denn dann ist es nicht verwunderlich, wenn viele Blogs darauf verweisen. Aber au\u00dferhalb der (eigentlich doch relativ kleinen) Blogwelt werden solche Beitr\u00e4ge kaum Interesse hervorrufen. Andererseits kann es Blogs geben, die kaum oder keine Verlinkungen aufweisen &#8211; aber doch von sehr vielen Leuten gelesen werden. <\/p>\n<p>Es ist also leicht zu sehen, wie schwer es ist, den Erfolg eines Blogs zu bewerten &#8211; und auch ich kenne keine vern\u00fcnftige L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem. Aber diese Situation hat mich an ein anderes Bewertungsproblem erinnert: Wie bewertet man den Erfolg von Wissenschaftlern?<\/p>\n<p>Was macht einen Wissenschaftler zu einem guten Wissenschaftler? Individuell l\u00e4sst sich diese Frage meistens beantworten: setzt man sich lang genug mit der Arbeit eines konkreten Forschers auseinander (und hat man Ahnung vom Forschungsthema), dann kann man recht gut einsch\u00e4tzen, ob hier gute oder schlechte Arbeit geleistet wird. Aber was macht man, wenn man z.B. 50 Bewerbungen f\u00fcr eine PostDoc-Stelle vorliegen hat, und entscheiden soll, wer den Job bekommt? Da braucht es dann irgendeine andere M\u00f6glichkeit, die Entscheidung zu treffen.<\/p>\n<p>Und genau wie f\u00fcr den Erfolg von Blogs meistens eine einzelne Zahl (die <i>Technorat-authority<\/i>) verwendet wird, gibt es auch bei der Bewertung von Wissenschaftlern (zumindest in den Naturwissenschaften) eine entsprechende &#8222;Me\u00dfgr\u00f6\u00dfe&#8220;: die Publikationsliste.<\/p>\n<p>Publikationen sind das f\u00fcr alle sichtbare Endprodukt eines wissenschaftlichen Projekts: nach Abschlu\u00df einer Forschungsarbeit werden die Ergebnisse mitsamt der Methode zusammengefasst und aufgeschrieben. Fachgutachter pr\u00fcfen die Arbeit und (bei bestandender Pr\u00fcfung) sie wird in einer passenden Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht und so dem Rest der wissenschaftlichen Gemeinschaft zug\u00e4ngig gemacht.<\/p>\n<p>Die Publikationsliste ist quasi eine erweiterte Visitenkarte eines Forschers, die dessen bisherige Karriere kurz wiedergibt. Aber auch hier ergeben sich einige Probleme: um tats\u00e4chlich zu bewerten, ob die publizierten Arbeiten gut oder weniger gut (schlechte Arbeiten sollten es ja eigentlich gar nicht bis zu einer Ver\u00f6ffentlichung schaffen) sind, sollte man sie lesen. In der Praxis ist daf\u00fcr selten Zeit &#8211; oft reicht es nur dazu, die Artikel kurz zu \u00fcberfliegen und meistens nichtmal dazu. Deshalb wird darauf geachtet, in <i>welchen Zeitschriften<\/i>, die Artikel erschienen sind. Es gibt n\u00e4mlich &#8222;gute&#8220; und &#8222;schlechte&#8220; Journale &#8211; und genau wie die authority bei den Blogs bestimmen auch hier gegenseitigen &#8222;Verlinkungen&#8220; \u00fcber die G\u00fcte einer Zeitschrift.<\/p>\n<p>Die entsprechende Zahl heisst &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Impact_Factor\">Impact Factor<\/a>&#8220; und bestimmt sich daraus, wie oft Atrikel aus der Zeitschrift in anderen Artikel zitiert werden. Je mehr Zitate, desto h\u00f6her der Impact Factor und desto &#8222;besser&#8220; die Zeitschrift. Und je mehr Artikel man selbst in Zeitschriften mit einem hohen Impact Factor ver\u00f6ffentlicht hat, desto h\u00f6her wird die Qualit\u00e4t der Publikationsliste (und damit der eigenen Forschungsarbeit) eingesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Methode nicht ganz unproblematisch. Da Ver\u00f6ffentlichungen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor mehr z\u00e4hlen, versucht man nat\u00fcrlich meistens, seine Artikel auch dort unterzubringen. Journale, die sich auf bestimmte Bereiche stark spezialisiert haben, gehen da leicht ein bisschen unter. Ein Beispiel aus meinem Arbeitsbereich, der Himmelsmechanik: Da gibt es die Zeitschrift &#8222;<a href=\"https:\/\/www.springer.com\/astronomy\/journal\/10569\">Celestial Mechanics and Dynamical Astronomy<\/a>&#8220; (CMDA) die sich speziell mit Himmelsmechanik, st\u00f6rungs- bzw. chaostheoretischen Anwendungen und Astrodynamik besch\u00e4ftigt. Im <a href=\"https:\/\/www.springer.com\/astronomy\/journal\/10569?detailsPage=editorialBoard\">Editorial Board<\/a> sitzen f\u00fchrende Himmelsmechaniker, die Qualit\u00e4tsstandards sind hoch und trotzdem ist der Impact Factor von CMDA vergleichsweise niedrig. Ich habe deswegen schon \u00f6fter Artikel, die thematisch eigentlich genau zu CMDA gepasst h\u00e4tten, lieber in <a href=\"https:\/\/www.aanda.org\/\">Astronomy &amp; Astrophysics<\/a> (A&amp;A) ver\u00f6ffentlicht (einer Zeitschrift, die sich mit allen Themen der Astronomie besch\u00e4ftigt und einen vergleichsweise hohen Impact Factor hat). Das f\u00fchrt dann nat\u00fcrlich wieder dazu, dass der Impact Factor von A&amp;A die Chance hat, gr\u00f6\u00dfer zu werden w\u00e4hrend der von CMDA kleiner wird (und eine Publikation dort noch unattraktiver &#8211; es wird aber trotzdem bald ein <a href=\"https:\/\/www.springerlink.com\/content\/qk751815x5q06855\/?p=cfe7c509c94b4fa6a7679633efaa1d4b&amp;pi=6\">neuer Artikel von mir<\/a> dort erscheinen).<\/p>\n<p>Je nach Zeitschrift, in der ein Artikel ver\u00f6ffentlicht wird, wird dieser &#8222;besser&#8220; oder &#8222;schlechter&#8220; &#8211; auch wenn sich am eigentlich Inhalt des Artikels nichts \u00e4ndert. Ein anderer Artikel von mir soll beispielsweise in den &#8222;<a href=\"https:\/\/www.aip.de\/AN\/\">Astronomischen Nachrichten<\/a>&#8220; erscheinen &#8211; immerhin die \u00e4lteste noch existierende astronomische Fachzeitschrift der Welt! Trotzdem ist ihr Impact Factor ziemlich klein. Ich h\u00e4tte meinen Artikel sicherlich auch bei Astronomy &amp; Astrophysics oder z.B. den <a href=\"https:\/\/www.wiley.com\/bw\/journal.asp?ref=0035-8711\">Monthly Notices of the Royal Astronomical Society<\/a> unterbringen k\u00f6nnen. In diesem Fall waren es aber organisatorische Gr\u00fcnde die zur Ver\u00f6ffentlichung in den Astronomischen Nachrichten gef\u00fchrt haben &#8211; und damit dann auch die &#8222;Qualit\u00e4t&#8220; meines Artikels verringern. <\/p>\n<p>Ein gewisses Gegengewicht zu dieser Entwicklung hat die Digitalisierung der Zeitschriftendatenbanken gebracht. W\u00e4hrend fr\u00fcher Artikel in unbekannteren bzw. &#8222;unwichtigeren&#8220; Journalen tats\u00e4chlich nicht gelesen oder zur Kenntnis genommen wurden (weil die entsprechenden Zeitschriften nur in wenigen Bibliotheken vorhanden waren), sorgen heute Datenbanken wie z.B. das <a href=\"https:\/\/adsabs.harvard.edu\/\">Astrophysics Data System<\/a> (ADS) f\u00fcr mehr Sichtbarkeit. Wer nach Artikeln zu bestimmten Themen sucht, findet alle &#8211; egal ob sie in Nature, Science, A&amp;A, CMDA oder den Astronomischen Nachrichten erschienen sind.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass die Zeitschriften, in denen man ver\u00f6ffentlicht, immer noch eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn es daran geht, eine wissenschaftliche Karriere zu bewerten. Das System ist unfair &#8211; aber ich habe mir schon \u00f6fter Gedanken dar\u00fcber gemacht, ohne wirklich eine bessere L\u00f6sung zu finden. Wenn man nicht tats\u00e4chlich alle Artikel eines Wissenschaftlers detailliert studiert, dann muss man zwangsl\u00e4ufigt irgendwelche N\u00e4herungswerte suchen, die die Qualit\u00e4t beschreiben k\u00f6nnen &#8211; und das kann wohl nie eine befriedigende L\u00f6sung sein. Oder haben meine Leserinnen und Leser vielleicht eine geniale Idee?<\/p>\n<p>Ein weiteres wesentliches Problem ist die Beschr\u00e4nkung der Beurteilung auf die Publikationen. Nicht umsonst heisst die Redewendung ja &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Publish_or_perish\">Publish or Perish<\/a>!&#8220; &#8211; <i>&#8222;Publiziere oder gehe unter!&#8220;<\/i>. Wer nicht publiziert, existiert in der wissenschaftlichen Welt quasi nicht. <\/p>\n<p>Ich habe ja hier <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/07\/wissenschaftsrat-fordert-bessere-lehre-an-den-universitaten.php\">schon<\/a> <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/04\/meinprofde-verstoss-gegen-datenschutz.php\">\u00f6fter<\/a> <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/04\/hochschulrektorenkonferenz-in-jena.php\">gefordert<\/a>, dass man Wissenschaftler nicht allein nach ihrer Forschungsarbeit bzw. Publikationen beurteilen sollte. Nicht, weil Forschung nicht wichtig ist. Selbstverst\u00e4ndlich, ist Forschung ein fundamentaler Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit. Aber eben nicht alles. Meiner Meinung nach sollte die <i>Vermittlung des Wissens<\/i> (Lehre und \u00d6ffentlichkeitsarbeit) eine mindestens ebenso wichtige Rolle f\u00fcr die Forschung spielen. Diese Themen werden an den Universit\u00e4ten meist etwas stiefm\u00fctterlich behandelt. Das ist auch nicht verwunderlich &#8211; wenn der Erfolg eines Wissenschaftlers rein an der Forschung und an den Publikationen gemessen werden, dann wird man auch nicht sonderlich viel Zeit auf die Lehre oder gar \u00d6ffentlichkeitsarbeit verwenden. Ob man gute oder schlechte Vorlesungen h\u00e4lt, sich um die \u00d6ffentlichkeitsarbeit k\u00fcmmert oder nicht, spielt bei der Bewertung wissenschaftlicher Karrieren kaum eine Rolle &#8211; und dementsprechend &#8222;wichtig&#8220; wird sie auch genommen.<\/p>\n<p>Wenn auch diese Dinge eine wichtige Rolle bei der Messung des wissenschaftlichen Erfolgs spielen w\u00fcrden, dann k\u00f6nnte man vielleicht von der reinen Fixierung auf Publikationen und die damit verbundenen Probleme abkommen. Aber das ist wohl nur eine Wunschvorstellung&#8230;<\/p>\n<form mt:asset-id=\"5664\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-eb945fd311a6d5fd0b1d6946a80091af-phd082707s.gif\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-eb945fd311a6d5fd0b1d6946a80091af-phd082707s.gif','popup','width=700,height=445,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-33f84a8ede1377452d87e19459cbf81a-phd082707s-thumb-500x317-1.gif\" alt=\"i-33f84a8ede1377452d87e19459cbf81a-phd082707s-thumb-500x317.gif\" \/><\/a><\/form>\n<div align=\"center\"><font style=\"font-size: 0.8em;\"><i><a href=\"https:\/\/www.phdcomics.com\/comics\/archive.php?comicid=905\">Bild:PhD-Comics, 27. August 2007<\/a><\/i><\/font><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor ein paar Tagen wieder einmal bei Technorati gest\u00f6bert habe, habe ich auch dar\u00fcber nachgedacht, wie man den Erfolg eines Blogs messen kann. Dieses Thema wurde in der Blogwelt ja schon ausgiebig diskutiert &#8211; ohne eine endg\u00fcltige Antwort zu finden. 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