{"id":17766,"date":"2008-12-29T21:30:20","date_gmt":"2008-12-29T20:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/12\/29\/neptun-vulkan-und-die-dunkle-materie\/"},"modified":"2025-05-14T15:59:41","modified_gmt":"2025-05-14T13:59:41","slug":"neptun-vulkan-und-die-dunkle-materie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/12\/29\/neptun-vulkan-und-die-dunkle-materie\/","title":{"rendered":"Neptun, Vulkan und die dunkle Materie"},"content":{"rendered":"<p><!-- Begin TwitThis (https:\/\/twitthis.com\/) --><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/s3.chuug.com\/chuug.twitthis.scripts\/twitthis.js\"><\/script><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\">\n<!--\ndocument.write('<a href=\"javascript:;\" onclick=\"TwitThis.pop();\"><img decoding=\"async\" class=\"mt-image-right\" style=\"margin: 0pt 0pt 20px 20px; float: right;\" src=\"https:\/\/s3.chuug.com\/chuug.twitthis.resources\/twitthis_grey_72x22.gif\" alt=\"TwitThis\" style=\"border:none;\" \/ \/ \/ \/ \/ \/ \/ \/ \/ \/ \/><\/a>');\n\/\/-->\n<\/script><br \/>\n<!-- \/End -->Was haben der Planet <i>Neptun<\/i>, der (nicht existierende) Planet <i>Vulkan<\/i> und <i>dunkle Materie<\/i> gemeinsam? Eigentlich nichts &#8211; aber die Geschichtem, die hinter der Entdeckung und der Suche nach den Planeten bzw. der dunklen Materie stehen, sind ziemlich interessant. Und sie erkl\u00e4ren, wie die Wissenschaft reagiert, wenn eine Theorie nicht mehr so funktioniert, wie sie eigentlich sollte.<\/p>\n<p><big><strong>Die Sternstunde der Himmelsmechanik<\/strong><\/big><\/p>\n<form mt:asset-id=\"4943\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-e2d319943654aa2a5939d00f73043846-651px-Neptune_storms.jpg\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-e2d319943654aa2a5939d00f73043846-651px-Neptune_storms.jpg','popup','width=651,height=599,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-635ea7b1727b132cfdeba267c9c4fe50-651px-Neptune_storms-thumb-200x184-1.jpg\" alt=\"i-635ea7b1727b132cfdeba267c9c4fe50-651px-Neptune_storms-thumb-200x184.jpg\" \/><\/a><\/form>\n<p><i>Urbain Jean Joseph Le Verrier<\/i> war einer der gr\u00f6\u00dften Astronomen des 19. Jahrhunderts. Er war Theoretiker und besch\u00e4ftigte sich ausf\u00fchrlich mit der Bewegung der Himmelsk\u00f6rper und der Berechnung ihrer Positionen. Probleme hatte er dabei mit Uranus. Die berechnete Werte wichen immer von den beobachteten Positionen des Planeten am Himmel ab. Das lag nicht an ungenauen Beobachtungen oder an fehlerhaften Rechnungen &#8211; die Diskrepanz zwischen Theorie und Beobachtung lie\u00df sich nicht eliminieren.<\/p>\n<p>Wenn eine Theorie nicht mit Beobachtungen \u00fcbereinstimmt, gibt es prinzipiell zwei M\u00f6glichkeiten: 1) die Theorie ist nicht richtig und muss modifiziert oder ganz verworfen werden. 2) Es sind nicht alle Parameter bekannt &#8211; nicht ber\u00fccksichtigte Einfl\u00fcsse sind der Grund f\u00fcr die Diskrepanz.<\/p>\n<p>Le Verrier war v\u00f6llig von der Richtigkeit der Newtonschen Gravitationstheorie \u00fcberzeugt. Er fand sie \u00fcberall im Sonnensystem best\u00e4tigt und die Theorie zu verwerfen w\u00e4re f\u00fcr ihn nur der allerletzte Ausweg gewesen. Stattdessen vermutete er, dass ein bisher unbekannter Planet die Bewegung von Uranus beeinflusst. Diesen gravitativen Einfluss hatte man bisher nicht ber\u00fccksichtigt und deswegen stimmten Beobachtung und Theorie nicht \u00fcberein.<\/p>\n<p>Le Verrier begann nun, aus den Abweichungen des Uranus von der vorhergesagten Position, die Parameter des noch unbekannten Planeten zu berechnen. Dabei konkurrierte er mit dem Engl\u00e4nder John Couch Adams, der ebenfalls solche Berechnungen anstellte. Die ewige Rivalit\u00e4t zwischen Frankreich und Gro\u00dfbritannien setzte sich auch hier fort: die Suche nach dem unbekannten Planeten war eine Sache von nationaler Wichtigkeit; die Zeitungen berichteten st\u00e4ndig \u00fcber die jeweiligen Fortschritte. Le Verrier und Adams und ihre Suche nach dem neuen Planeten waren damals allen gebildeten Leuten bekannt (heute sind ihre Namen au\u00dferhalb der astronomischen Kreise eher in Vergessenheit geraten). <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich \u00fcbermittelte Le Verrier 1846 seine Ergebnisse an deutschen Beobachter Johann Gottfried Galle in Berlin und bat ihn, an der von ihm berechneten Stelle am Himmel nachzusehen. Und tats\u00e4chlich fand sich dort ein unbekannter Planet &#8211; der Neptun! Nat\u00fcrlich war hier auch ein wenig Gl\u00fcck im Spiel. Heute wissen wir, dass sowohl Le Verrier als auch Adams etwas ungenaue Annahmen \u00fcber den unbekannten Planeten getroffen haben. Sie h\u00e4tten Neptun sicher auch so gefunden &#8211; dass aber Galle den Himmelsk\u00f6rper tats\u00e4chlich genau dort fand, wo Le Verrier ihn vorhergesagt hatte, ist auf eine gro\u00dfe Portion Gl\u00fcck zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Noch ein neuer Planet?<\/b><\/font><\/p>\n<p>Bei Neptun hatte Le Verrier recht. Nicht Newtons Gravitationstheorie war falsch &#8211; es waren einfach noch nicht alle Einfl\u00fcsse bekannt. Mit der Entdeckung des Neptun demonstrierte Le Verrier eindrucksvoll, wie m\u00e4chtig die Theorie tats\u00e4chlich war: vom Schreibtisch aus, nur mit Bleistift und Papier, fand er einen neuen Planeten. <\/p>\n<p>Darum war Le Verrier auch sehr optimistisch, als er sich einem neuen Problemfall zuwandte. Denn auch der sonnenn\u00e4chste Planet Merkur hielt sich nicht an die Vorhersagen der Theoretiker. Die berechnete Bewegung stimmte nicht mit der beobachteten \u00fcberein. Wieder stand man vor der Wahl, entweder die Theorie zu verwerfen oder nach bisher unbekannten Einfl\u00fcssen zu suchen. Und wieder entschied sich Le Verrier f\u00fcr Newtons Gravitationstheorie. Basierend auf seinem Erfolg mit Neptun, vermutete er auch hier einen unbekannten Planeten, der die Bahn des Merkur beeinflusste. Diese Planet sollte noch n\u00e4her an der Sonne liegen und bekam den Namen &#8222;<i>Vulkan<\/i>&#8222;. <\/p>\n<form mt:asset-id=\"4946\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-79e3443bb3436a62cdd3dcbe39abe7cc-Watsons-Vulkan-SoFi1878.gif\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-79e3443bb3436a62cdd3dcbe39abe7cc-Watsons-Vulkan-SoFi1878.gif','popup','width=599,height=480,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-431906337ffbd72d94c8ed4c64addeec-Watsons-Vulkan-SoFi1878-thumb-200x160-1.gif\" alt=\"i-431906337ffbd72d94c8ed4c64addeec-Watsons-Vulkan-SoFi1878-thumb-200x160.gif\" \/><\/a><\/form>\n<p>Le Verrier war ein ber\u00fchmter und geachteter Astronom und hatte seine F\u00e4higkeiten durch die Erkl\u00e4rung der Bahnabweichungen des Uranus eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich seine Vulkan-Hypothese schnell in der wissenschaftlichen Welt verbreitet hatte. Leider schaffte es aber niemand, diesen Planeten auch wirklich zu beohachten. Zuerst vermutete man, dass es an den schwierigen Beobachtungsbedingungen lag: so ein sonnennaher Planet ist enorm schwer zu entdecken. Man nutze Finsternisse, um die Umgebung der Sonne zu untersuchen; man probierte, einen Transit des Vulkan vor der Sonnenscheibe zu beobachten &#8211; alles ohne Erfolg. Sichtungen des Planten (siehe das Bild oben rechts, das eine &#8222;Beobachtung&#8220; des Vulkan w\u00e4hrend der Sonnenfinsternis 1871 von James Watson zeigt) stellten sich als Fehler in der Optik heraus oder konnten nicht reproduziert werden &#8211; trotz aller Bem\u00fchungen blieb der Vulkan unentdeckt (Wer mehr \u00fcber die Suche nach dem Vulkan erfahren will, dem kann ich das hervorragende Buch &#8222;<span id=\"btAsinTitle\"><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Search-Planet-Vulcan-Clockwork-Universe\/dp\/0738208892\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books-intl-de&amp;qid=1230580894&amp;sr=8-1\">In Search of Planet Vulcan: The Ghost in Newton&#8217;s Clockwork Universe<\/a>&#8220; empfehlen).<\/p>\n<p><\/span>Gel\u00f6st werden konnte dieses R\u00e4tsel erst 1915, als Albert Einstein seine allgemeine Relativit\u00e4tstheorie ver\u00f6ffentlichte. Diesmal hatte sich Le Verrier falsch entschieden: Newtons Gravitationstheorie war tats\u00e4chlich nicht in der Lage gewesen, die Bewegung des Merkur ausreichend gut zu erkl\u00e4ren. Kein unbekannter Einfluss war f\u00fcr die Diskrepanz zwischen Beobachtung und Theorie verantwortlich sondern es war n\u00f6tig gewesen, eine neue, verbesserte Theorie zu finden. Dies hat Einstein mit seiner Relativit\u00e4tstheorie getan und mit ihr lie\u00df sich auch die Bewegung des Merkur zufriedenstellend beschreiben &#8211; ganz ohne den Einflu\u00df eines hypothetischen Vulkan.<\/p>\n<p>Aber auch sp\u00e4ter noch wurde die Astronomie vor die Wahl gestellt, eine Theorie zu verwerfen oder nach unbekannten Einfl\u00fcssen zu suchen. Wieder lag das Problem bei der Bewegung von Himmelsk\u00f6rper. <\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Dunkle Materie<\/b><\/font><\/p>\n<form mt:asset-id=\"4949\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-90410ceb92ee04312cde16495ff5e2ae-691px-Comasluster_nasajpl.jpg\" onclick=\"window.open('https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/wp-content\/blogs.dir\/28\/files\/2012\/07\/i-90410ceb92ee04312cde16495ff5e2ae-691px-Comasluster_nasajpl.jpg','popup','width=691,height=600,scrollbars=no,resizable=no,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=no,left=0,top=0'); return false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-b6ae8bda81fe190059a269c377e9f310-691px-Comasluster_nasajpl-thumb-220x191-1.jpg\" alt=\"i-b6ae8bda81fe190059a269c377e9f310-691px-Comasluster_nasajpl-thumb-220x191.jpg\" \/><\/a><\/form>\n<p>1933 untersuchte der Schweizer Astronom <i>Fritz Zwicky<\/i> die Bewegung von <a href=\"https:\/\/adsabs.harvard.edu\/abs\/1937ApJ....86..217Z\">Galaxien im Coma-Haufen<\/a> (rechts). Er fand, dass diese Ansammlung von etwa 1000 Galaxien eigentlich gar nicht existieren d\u00fcrfte. Die einzelnen Galaxien bewegten sich viel zu schnell, um in einem Haufen organisiert zu bleiben. Die gravitativen Kr\u00e4ften der Gesamtmasse des Haufens ist zu gering, um die Galaxien daran zu hindern, einfach &#8222;wegzufliegen&#8220;. Dort muss sich entweder mehr Materie befinden, als man beobachten kann &#8211; dann w\u00fcrde deren zus\u00e4tzliche gravitative Wirkung f\u00fcr den Zusammenhalt sorgen. Oder die Theorie ist falsch.<\/p>\n<p>Zwicky postulierte damals zus\u00e4tzliche, unbeobachtete Materie im Coma-Haufen. Seine Hypothese setzte sich allerdings in der wissenschaftlichen Welt nicht wirklich durch. Einige Jahrzehnte sp\u00e4ter stie\u00df allerdings die amerikanische Astronomin Vera Rubin auf das gleiche Problem.<\/p>\n<p>Sie beobachtete die Sterne in einer Galaxie. Auch hier h\u00e4ngt die Geschwindigkeit, mit der sich die Sterne um das Galaxienzentrum bewegen, von der in der Galaxie enthaltenen Gesamtmasse ab. Rubin fand nun, dass sich die Sterne nicht so bewegen, wie sie es laut theoretischer Vorhersage tun sollten. Wieder gab es zwei M\u00f6glichkeiten, die Diskrepanz aufzul\u00f6sen: entweder es existiert mehr Masse in den Galaxien, als man sehen kann. Diese Masse w\u00fcrde dann mit ihrer Gravitationswirkung die beobachtete Geschwindigkeit erkl\u00e4ren. Oder es gibt Probleme mit der Theorie. <\/p>\n<p>Nun begann man das Problem ernst zu nehmen; besonders dann, als es sp\u00e4ter auch noch bei Galaxiensuperhaufen (also Anh\u00e4ufungen von Galaxienhaufen) auftrat. \u00dcberall im Universum &#8211; von Sternen in Galaxien bis hin zu Galaxienhaufen &#8211; schienen sich die Himmelsk\u00f6rper nicht so zu bewegen, wie sie es sollten. Sie bewegten sich so, als st\u00fcnden sie unter dem Einflu\u00df einer gr\u00f6\u00dferen Menge von Materie, als wir beobachten k\u00f6nnen. Neben der &#8222;normalen&#8220; Materie schien es also eine Art &#8222;dunkler Materie&#8220; zu geben. Etwas, das zwar eine gravitative Wirkung aus\u00fcbt &#8211; aber keine elektromagnetische Strahlung (also auch Licht) aussendet bzw. reflektiert.<\/p>\n<p>Auch die Kosmologen stellten fest, dass ihre Theorien besser mit der Realit\u00e4t \u00fcbereinstimmten, wenn sie davon ausgingen, dass gro\u00dfe Mengen dieser dunklen Materie im Universum existieren.<\/p>\n<p>Die dunkle Materie repr\u00e4sentiert den Weg, den Le Verrier 1846 einschlug: nicht die Theorie ist falsch, sondern es existiert ein bisher unbekannter Einfluss. Damals war es Neptun, heute ist es die dunkle Materie. Aber es k\u00f6nnte auch genauso gut sein, dass der Unterschied zwischen Beobachtung und Theorie auf die gleiche Art gel\u00f6st wird, mit der Einstein 1915 das Problem der Merkurbewegung l\u00f6st: mit einer neuen Theorie.<\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>MOND?<\/b><\/font><\/p>\n<p>Auch das wurde versucht. 1983 schlug der israelische Physiker Mordehai Milgrom die MOND-Hypothese vor. MOND steht hier f\u00fcr <i>&#8222;Modifizierte Newtonsche Dynamik&#8220;<\/i> und postuliert eine \u00c4nderung des newtonschen Bewegungsgesetzes. Newton sagte, dass eine Kraft gleich dem Produkt von Masse mal Beschleunigung ist. Normalerweise ist das auch richtig, meinte Milgrom. Geht es allerdings um sehr kleine Beschleunigungen &#8211; wie eben bei der problematischen Bewegung der Sterne und Galaxien &#8211; dann k\u00f6nnte die Formel anders sein. Seine modifizierte Version des newtonschen Bewegungsgesetzes stimmt bei den allt\u00e4glichen Beschleunigungswerten mit der bisher bekannten Theorie \u00fcberein. Bei kleinen Werten weicht sie allerdings davon ab und k\u00f6nnte so den Unterschied zwischen Beobachtung und Theorie erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Aber was ist nun richtig? Ist die Theorie falsch, die wir zur Beschreibung der Bewegung der Himmelsk\u00f6rper verwenden? Sollte statt der Newtonschen Theorie bzw. statt Einsteins allgemeiner Relativit\u00e4tstheorie die MOND-Theorie (bzw. ihre relativistische Entsprechung, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tensor-Vektor-Skalar-Gravitationstheorie\">Tensor-Vektor-Skalar-Gravitationstheorie<\/a>) verwendet werden? Oder stimmt die Theorie und die Unterschiede werden durch den Einfluss der noch nicht direkt beobachteten dunklen Materie erzeugt?<\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Hinweise<\/b><\/font><\/p>\n<p>Zur Zeit stehen die Karten f\u00fcr die MOND-Theorie eher schlecht. Mittlerweile h\u00e4ufen sich die Anzeichen, dass tats\u00e4chlich dunkle Materie f\u00fcr die Abweichungen bei den Beobachtungsdaten verantwortlich ist. <\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit 2006 der Bullet-Cluster beobachtet wurde, hat die MOND-Theorie mit gro\u00dfen Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen. In diesem Galaxienhaufen beobachtete man die Verteilung der einzelnen Galaxien. Man konnte aber auch das Gravitationspotential des Haufens bestimmen (durch Ausnutzung des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gravitationslinseneffekt\">Gravitationslinseneffekts<\/a>). <br \/>Hier sah man zum ersten Mal deutlich, dass sich auch dort Materie befinden muss, wo wir <i>nichts<\/i> sehen k\u00f6nnen! Wegen des Gravitationslinseneffekts wei\u00df man, dass sich in bestimmten Bereichen Materie befinden muss, die eine gravitative Wirkung erzeugt (ansonsten w\u00fcrde man den Gravitationslinseneffekt nicht messen). In diesen Bereichen sind allerdings keine Galaxien zu sehen. Es muss sich also tats\u00e4chlich um &#8222;dunkle Materie&#8220; handeln. <br \/>Die folgende Aufnahme zeigt die Situation noch einmal grafisch. In rot sind die Bereiche dargestellt, in denen sich sichtbare Materie befindet, blau zeigt die Regionen dunkler Materie an:<\/p>\n<form mt:asset-id=\"3189\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\" contenteditable=\"false\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-3a0fd0d666f8a9ff4fd6da5ed9392b8b-bullet.jpg\" alt=\"i-3a0fd0d666f8a9ff4fd6da5ed9392b8b-bullet.jpg\" \/><\/form>\n<div align=\"center\"><font style=\"font-size: 0.8em;\"><i><a href=\"https:\/\/chandra.harvard.edu\/photo\/2006\/1e0657\/\">Credit: X-ray:<br \/>\nNASA\/CXC\/CfA\/M.Markevitch et al.; Optical: NASA\/STScI;<br \/>\nMagellan\/U.Arizona\/D.Clowe et al.; Lensing Map: NASA\/STScI; ESO WFI;<br \/>\nMagellan\/U.Arizona\/D.Clowe et al<\/a><\/i><\/font><\/div>\n<p>Diese Beobachtung l\u00e4sst sich mit der MOND-Hypothese nicht erkl\u00e4ren. Das muss nicht bedeuten, dass der Ansatz falsch ist. Es kann gut sein, dass sich die Bewegungsgleichung f\u00fcr kleine Beschleunigungen wirklich anders verh\u00e4lt, als wir bisher gedacht haben. Aber die Beobachtungen am Bullet-Cluster zeigen, dass auf jeden Fall dunkle Materie vorhanden sein mu\u00df. Ob zus\u00e4tzlich auch noch die Theorie ge\u00e4ndert werden mu\u00df, ist eine andere Frage.<b> <\/p>\n<p><\/b><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Beweise<\/b><\/font><\/p>\n<p>Die Beweislage ist mittlerweile so dicht, dass kaum noch an der Existenz dunkler Materie gezweifelt werden kann. Die Beobachtungen, die man beim Bullet-Cluster machte, konnten <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/neues-aus-der-forschung-kollidierende-galaxienhaufen-und-dunkle-materie.php\">bei anderen Objekten best\u00e4tigt<\/a> werden. Auch die Teilchenphysiker haben mittlerweile gute Ideen entwickelt, um was sich bei der dunklen Materie handeln k\u00f6nnte (Ich habe dar\u00fcber <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/wissenschaft-am-lhc-die-suche-nach-dunkler-materie.php\">einen eigenen Artikel<\/a> geschrieben). <\/p>\n<p>Dunkle Materie ist also nichts, das sich Astronomen einfach so aus den Fingern gesaugt haben. Ihre Existenz kann mittlerweile fast schon als belegt angsehen werden. Wir haben sie zwar noch nicht direkt beobachtet (wie denn auch \ud83d\ude09 ). Aber &#8222;sehen&#8220; (bzw. eine Detektion im elektromagnetischen Spektrum) ist ja bei weitem nicht die einzige M\u00f6glichkeit, auf die Existenz von Dingen zu schlie\u00dfen. Dunkle Materie wechselwirkt gravitativ &#8211; und diese Wirkung <i>wurde<\/i> gemessen!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/08\/neues-aus-der-forschung-dunkle-materie-entdeckt.php\">Satelliten<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/neues-aus-der-forschung-die-dunkelste-galaxie.php\">Teleskope<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/08\/kein-weltuntergang-lhc-ist-sicher.php\">Teilchenbeschleuniger<\/a> sind gleicherma\u00dfen daran beteiligt, auch die letzten Geheimnisse der dunklen Materie zu l\u00f6sen. Jetzt, am Ende des Jahres, wird ja \u00fcberall wieder flei\u00dfig <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/12\/die-prophezeiung-2009-wahrsagen-auf-rtl.php\">prophezeit und prognostiziert<\/a>. Wenn ich auch eine Vorhersage abgeben m\u00fcsste, dann diese: Innerhalb der n\u00e4chsten 10 Jahre werden wir die dunkle Materie endg\u00fcltig dingfest gemacht haben. Wir werden dann wissen, aus was sie besteht und ihre Eigenschaften genau kennen. <\/p>\n<p>Und wenn nicht? Nun &#8211; es w\u00fcrde mich sehr \u00fcberraschen, wenn sich die dunkle Materie doch noch als Sackgasse herausstellen w\u00fcrde. Aber falls doch, dann wird die neue Theorie, die an die Stelle der dunklen Materie r\u00fcckt mindestens genauso faszinierend sein &#8211; wenn nicht gar noch mehr!<\/p>\n<hr>\n<p>\u00c4hnliche Artikel: <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/08\/neues-aus-der-forschung-dunkle-materie-entdeckt.php\">Neues aus der Forschung: dunkle Materie entdeckt?<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/wissenschaft-am-lhc-die-suche-nach-dunkler-materie.php\">Wissenschaft am LHC: Die Suche nach dunkler Materie<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/neues-aus-der-forschung-kollidierende-galaxienhaufen-und-dunkle-materie.php\">Kollidierende Galaxienhaufen und Dunkle Materie<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/09\/neues-aus-der-forschung-die-dunkelste-galaxie.php\">Die dunkelste Galaxie<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/10\/neues-aus-der-forschung-hinter-die-grenze-des-beobachtbaren-universums.php\">Hinter die Grenze des beobachtbaren Universums<\/a><br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/eb904433c74841ba844ed9390b0f10c7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben der Planet Neptun, der (nicht existierende) Planet Vulkan und dunkle Materie gemeinsam? 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